Arztpraxis

Wie es der Zufall will, hat Dr. Braun direkt am nächsten Tag einen Termin frei. Meine Mutti zieht mich schon fast in die Praxis rein, weil ich trödele und am liebsten Zuhause geblieben wäre. Beim Arzt muss ich artig im Wartezimmer sitzen. Immerhin gibt es ein paar Bücher – da suche ich mir eins zum Lesen aus. Nach ein paar Seiten werden wir aufgerufen und gehen ins Arztzimmer. Mutti redet mit Dr. Braun, ich sitze auf dem Stuhl neben ihr und schaue mir die Bilder an der Wand an. “So, dann wollen wir dich doch mal wiegen.”, sagt Dr. Braun und ich schrecke hoch. Ich muss meine Kleider ausziehen und mich auf die Waage stellen. Es ist so kalt im Zimmer und noch dazu finde ich es blöd, mich jetzt hier auszuziehen. “27 Kilo”, murmelt Dr. Braun und geht zurück zu seinem riesigen Schreibtisch.

Ich ziehe mich schnell wieder an. Währenddessen sucht er schon irgendwas in einer Schublade, das er meiner Mutter hinlegt. “Das würde ihr bestimmt gut tun und ist auch gar nicht so teuer”. Sie reden weiter und meine Mutter unterschreibt etwas. Ich höre die Worte “Kur” und “Erholen”. Ich dachte schon, ich bekomme ganz eklige Medizin, aber gegen Urlaub habe ich nichts. “Sechs Wochen allein”, sagt er noch – da wird es mir ganz anders. Ich dachte, wir gehen da zusammen hin – Mutti, Vater und ich. Aber da ist es schon zu spät, Mutti sagt, dass ich ja schon groß bin und das bestimmt schaffen werde und ehe ich weiter darüber nachgedacht habe, haben wir die Praxis auch schon wieder verlassen.

Götter in weiß

Das Geschäftsmodell Kurheim war unter anderem deswegen ein so rentables, da diese nie leer standen. Auch außerhalb der Ferien nicht. Häufig wurde die Verschickung von Kindern von einem Teil des Gesundheitssektors wie Ärzt:innen oder Krankenschwestern initiiert.

Dies geschah aus verschiedenen Gründen, beispielsweise körperlichen “Auffälligkeiten” wie besonders schlanker oder rundlicher Körperbau der Kinder aber auch wegen diagnostizierter Haut- oder Atemwegskrankheiten. Ebenfalls als Begründung zu finden, sind aber auch psychische Schwierigkeiten der Eltern sowie die Geburt eines Säuglings. Außerdem gab es für Ärzt:innen Prämien für das Verschicken von Kindern. Die Kinder selbst wurden an diesen Entscheidungsprozessen nicht beteiligt und in den meisten Fällen auch nicht darüber aufgeklärt, welche Tragweite die geführten Gespräche haben, beziehungsweise was und von welcher Dauer eine Verschickung ist. Hinterfragt wurde die Entscheidung eines Arztes oder einer Ärztin in der Regel nicht, da diese “Göttern in weiß” ein ausgesprochen hohes Ansehen genossen.

In den Schulen und anderen Einrichtungen für Kinder herrschte eine Art Massenabfertigung bei ärztlichen Untersuchungen. Die Kinder mussten sich aufstellen und wurden vermessen, gewogen und auf die grundlegenden gesundheitlichen Merkmale hin untersucht. Ein Verständnis dafür, dass nicht jedes Kind in eine Tabelle passen kann und hier auch Unterschiede vorhanden sein können, die keiner "Korrektur" bedürfen, war selten vorhanden.

Zitate

„Aber der Hausarzt hat das dann sehr forciert, der war in dem Viertel auch, damals waren die Ärzte noch Götter in weiß halt, der war halt auch in [...] der Gott in weiß und der hat das wohl forciert.”

– verschickt 1965 und 1969, damals 3/8 Jahre