Ankunft

Endlich sind wir angekommen. Dass wir so schnell gelaufen sind, hat mich echt aus der Puste gebracht. Das Kurheim ist ein großes Backsteinhaus am Stadtrand. Gleich daneben beginnt ein Wald mit hohen Tannenbäumen. Auf den ersten Blick wirkt es hier sehr ruhig, aber auch irgendwie unheimlich.

Im Eingangssaal des Hauses ist es kühl und ziemlich dunkel. Tante Doris sagt, wir sollen uns in zwei Reihen aufstellen – für die Anmeldung. Ich sage der jüngeren Frau mit Schreibmaschine meinen Namen, wie alt ich bin und woher ich komme. Nachdem sie alles abgetippt hat, lächelt sie mich an und sagt, sie freut sich, dass ich hier bin. Da fühle ich mich kurz besser.

Am nächsten Tisch sollen wir alle unsere Sachen abgeben, bis auf die Klamotten natürlich. Das Kind vor mir weint, weil es seinen Plüschhasen abgeben muss. Das tut mir leid. Ich finde es unfair, dass wir unsere Sachen nicht behalten dürfen. Die haben meine Eltern mir doch extra noch eingepackt. Ich traue mich aber nicht zu widersprechen, weil mir die alte Frau hinter den Kisten Angst macht. Ich gebe ihr meinen kuscheligen Teddy, die Bücher und den Beutel mit Süßem und stelle mich zu den anderen Kindern auf die andere Seite des Saals.

Ankunft mit dem Zug

Die Kinder, die mit dem Zug zu den Kurheimen fuhren, wurden an den Bahnhöfen, von den „Tanten“ abgeholt. Viele der ehemaligen Verschickungskinder berichten von sehr schnellem, hastigen Laufen in Richtung Kurheim.

Ankunft mit dem Auto

Kinder, die von ihren Eltern mit dem Auto zum Kurheim gefahren wurden, wurden schnell von ihren Eltern getrennt. Die Eltern durften nur bis zur Eingangstür mit, das Eintreten in das Kurheim war ihnen untersagt und sie durften sich das Kurheim nicht anschauen. Einen größeren Abschied von den Eltern gab es oft nicht, was vielen Eltern ein ungutes Gefühl gab.

Einteilung und Kategorisierung

Geschwisterkinder und Freunde wurden direkt bei der Ankunft voneinander getrennt und in verschiedenen Schlafräumen untergebracht. Manche ehemalige Verschickungskinder berichteten auch von einer Einteilung nach Gewicht oder Verschickungsgrund. Vielen Kindern wurden vor dem Einzug in das Kurheim persönliche Dinge weggenommen, wie Kuscheltiere, Taschengeld, Gürtel und Süßigkeiten.

Zitate

„Angekommen in dem Heim und dann wurde man schon eingeteilt. Also das war dann tatsächlich so eins, zwei, drei, vier, fünf, also es wurde tatsächlich abgezählt und kategorisiert. Ich war schon immer ein, nennen wir es mal, recht pummeliges Kind. Ich wurde sofort in eine Kategorie abgeordnet und hab' auch während diese Aufenthalts anderes Essen bekommen und musste auch auf den Nachtisch verzichten, weil ich fett war. Also das war das erste, ‚Du bist fett du gehst nach links!‘.”

– ehemaliges Verschickungskind, verschickt 1970, damals 5 Jahre

„Das war der Geruch von Desinfektionsmittel, sehr klinisch.”

– ehemaliges Verschickungskind, verschickt 1970, damals 5 Jahre

„Ich hatte das Gefühl, ich bin abgegeben worden.“

– ehemaliges Verschickungskind, verschickt 1976, damals 6 Jahre

„Mir wurde gesagt ‚Du bist nur hier, weil deine Eltern ein neues Kind haben und dich nicht mehr brauchen!‘.”

– ehemaliges Verschickungskind, verschickt 1966, damals 3 Jahre

„Ich weiß nicht mehr, wie ich vom Zug zum Sanatorium gekommen bin. Ich weiß nur noch, wie ich dann damals in einer für mich riesigen Halle angekommen bin. Ich fand das alles sehr düster, wenig Licht. Viel echohaftes Weinen. Ich habe auch geweint wie ein Schlosshund. Das hörte eigentlich auch nie wieder auf. Das war für mich, das hört sich jetzt sehr dramatisch an, aber das war ein seelischer Tod.”

– ehemaliges Verschickungskind, verschickt 1972, damals 5 Jahre

Quellen & Links

Kleinschmidt, H. (1964). Über die Durchführung von Kindererholungs- und Heilkuren. In Folberth, Sepp (Hrsg) Kinderheime Kinderheilstätten in der Bundesrepublik Deutschland, Östereich und der Schweiz. Pallas Verlag Lochham München
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