Abreise

In ein paar Tagen soll es also schon losgehen. Ich bin echt nervös und habe Angst, dort einsam zu sein und frage mich, wie es sein wird, meine Familie nicht bei mir zu haben. Mutti versucht mich zu trösten und zeigt mir eine Jacke, die sie extra für meine große Reise gekauft hat. Die sieht echt schön aus, aber irgendwie freue ich mich nicht so richtig darüber. Überall wird mein Name mit Stoffstreifen eingenäht – Mutti beschriftet wirklich jedes kleinste Teil. Ich darf mir aussuchen, welches Kuscheltier ich mitnehmen möchte und entscheide mich für meinen großen Teddy. Der ist so flauschig und den habe ich dieses Jahr zu meinem Geburtstag bekommen. Ich packe mit Mutti alle meine Sachen zusammen. Es fühlt sich an, als ob ich für immer verreisen würde, denn als wir fertig sind, sieht mein Zimmer ganz leer aus. Traurig blicke ich auf all das, was mein kleines Reich ist und frage mich, ob es wohl in der Kur auch so schön sein kann.

Vorbereitung

Die Abreise zur Verschickung ist häufig nur verschwommen oder gar nicht in Erinnerung geblieben. Manche ehemalige Verschickungskinder können sich an kurze Momente am Bahnhof, an andere Kinder oder an die Übergabe an Aufsichtspersonal erinnern.

Deutlicher sind Erinnerungen an die Vorbereitungen vor der Abreise, wie zum Beispiel das bestücken der Kleidung mit Stoffstreifen, auf denen der Name des Kindes zu lesen ist.

Zitate

„Wir mussten an den Bahnhof, den Hauptbahnhof in Stuttgart, Gleis 16, das ist mir noch im Ohr und man wurde dann dort, oder ich wurde dann dort sehr harsch getrennt von ihr [der Mutter]. Sie musste dann vorne am Gleis, da Kopfbahnhof, stehen bleiben und die Kinder wurden dann sofort von einer Betreuerin in Empfang genommen und in den Zug geladen, also das war ein sehr abrupter Abschied.”

– zweimal verschickt Anfang der 1960er, damals ca. 5/8 Jahre

„Also davor erinnere ich mich noch in der Vorbereitung, da hat man überall diese Einnäher machen müssen, damit man diese Kleidung sortieren kann und das muss wahrscheinlich tagelang gewesen sein, dass da meine Mutter mit Einnähen beschäftigt war.”

– verschickt 1972, damals 7 Jahre

„Die [Verschickung] wurde kundgetan. Die wurde in dem Moment kundgetan als irgendwelche Schablonen auftauchen, mit denen dann die Mutter und Großmutter, die das ganze mitgetragen haben, dann Kleidungsstücke gekennzeichnet haben und irgendwelche Listen abgearbeitet haben und damit wurde mir kundgetan, dass ich jetzt irgendwo hinfahre.”

– verschickt ca. 1965, damals ca. 6 Jahre

„Die Kleidungsstücke mussten alle mit diesem Namensschild versehen werden, auch alle anderen Sachen, wie Stofftiere, mussten mit einem Namensschild versehen werden und ich kann mich noch daran erinnern, dass meine Mutter tagelang vorher genäht hat.”

– verschickt ca. 1981, damals ca. 9 Jahre

„Auffällig war dann auch noch, das erinnere ich auch noch, dass andere Kinder aus der Nachbarschaft kamen und mir dann irgendwelche Spielzeuge mitgenommen haben. Davon war ich völlig irritiert und konnte das nicht einordnen.”

– verschickt 1972, damals ca. 5 Jahre
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