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Was auch immer die Motivation für das “System Kinderverschickung” gewesen sein mag, die verantwortlichen Protagonist:innen konnten sich auf Konzeptionen der Pflichterfüllung und des Gehorsams gegenüber Autoritätspersonen verlassen, welches die Institution Verschickungsheim funktional hielt. Dabei hatte bei der ideellen Konzeption von Kinderkuren grundsätzlich natürlich auch das Wohlempfinden des Kindes einen Platz.
„Die Ärzte in Kinderkuranstalten wie auch ihre Mitarbeiterinnen müssen das große Kunststück fertig bringen, den anvertrauten Kindern das Empfinden zu nehmen, daß sie in einer Krankenanstalt zur ärztlichen Behandlung sind; die Kinder sollen vielmehr das Gefühl haben in einer vergnügten und fröhlichen Kindergemeinschaft ohne ärztlichen Zwang und ohne dauernde Krankenbehandlung einige schöne Wochen zu verleben” (Kleinschmidt 1964, S.46)
Zur Erklärung der Diskrepanz zwischen dem geschilderten Anspruch und der erlebten Realität vieler Betroffener kann vielleicht auf die Anforderungen an die Funktionalität der Abläufe verwiesen werden, sowie die Theorien von Erving Goffman und Stanley Milgram als Schablone für die Betrachtung von Handlungsmustern dienen.
Erving Goffman beschreibt die Totale Institution als Einrichtung, in der nicht wie in modernen Gesellschaften üblich, Arbeiten, Wohnen und Freizeitgestaltung an verschiedenen Orten mit verschiedenen Menschen stattfinden, sondern an dem
1. ”Alle Angelegenheiten des Lebens [...] an ein und derselben Stelle, unter ein und derselben Autorität [stattfinden]” (Goffman 2020 S.17).
2. Die Mitglieder der Institution führen alle Phasen ihrer täglichen Arbeit in unmittelbarer Gesellschaft einer großen Gruppe von Schicksalsgenossen aus, wobei allen die gleiche Behandlung zuteil wird und alle die gleichen Tätigkeiten gemeinsam verrichten müssen.
3. Alle Phasen des Arbeitstages sind exakt geplant, eine geht zu einem vorher bestimmten Zeitpunkt in die nächste über, und die ganze Folge der Tätigkeiten wird von oben durch ein System expliziter formaler Regeln und durch einen Stab von Funktionären vorgeschrieben.
4. Die verschiedenen erzwungenen Tätigkeiten werden in einem einzigen rationalen Plan vereinigt, der angeblich dazu dient, die offiziellen Ziele der Institution zu erreichen.” (ebd.)
Goffman beschreibt einen Idealtypus, der sicherlich nicht auf jedes Heim in jeder Form zutrifft, vergleicht man jedoch die Gespräche, die wir mit unterschiedlichen von Verschickung Betroffenen führen durften, so ist die Idee der Totalen Institution eine Möglichkeit die Verschickungsheime zu betrachten.
Goffman beschreibt das Verhältnis von Stab und Insassen wie folgt: „Für den Insassen gilt, daß er in der Institution lebt und beschränkten Kontakt mit der Außenwelt hat das Personal arbeitet häufig auf der Basis des 8-Stundentags und ist sozial in die Außenwelt integriert. Jede der beiden Gruppen sieht die andere durch die Brille enger feindseliger Stereotypien. Das Personal hält die Insassen häufig für verbittert, verschlossen und wenig vertrauenswürdig, während die Insassen den Stab oft als herablassend hochmütig und niederträchtig ansehen.” (Goffman 2020 S.18)
Unangepasstes Verhalten überzubewerten und womöglich zu sanktionieren könnte auch Konsequenz einer Perspektive auf Kinder sein, wie sie in Kleinschmidt (1964 S.51) zum Ausdruck kommt. Dort heißt es: „Man hat durchaus den Eindruck, daß gewisse Abartigkeiten bei unseren Kindern im Zunehmen sind. Die Abartigkeiten darf man nicht mit Ungezogenheit oder Verzogenheit abtun. Diese Fehler der Psyche sind genauso zu bewerten wie ein organisches Leiden.”
„Gehorsam ist der psychologische Mechanismus, durch den individuelles Handeln an politische Zwecke gebunden wird.” (Milgram 2003 S.17)
In der als Milgram-Experiment in die Geschichte eingegangenen Untersuchung konnte das Team um Stanley Milgram zeigen wie weit ansonsten unauffällige Menschen bereit sind zu gehen, wenn es darum geht anderen Leid zuzufügen, sofern nur eine als Autorität empfundene Person den Auftrag dazu erteilt. (vgl. ebd.)
Wenn auch körperliche Bestrafungen im Ratgeber für Kinderkureinrchtungen (Kleinschmidt 1964) grundsätzlich abgelehnt werden (wenn auch nicht bedingungslos verurteilt), so enthält dieses Werk doch über zwei Seiten Strafenkatalog, die die körperlichen Strafen durch psychische Grausamkeiten ersetzen (vgl. ebd. S.72 ff.).
„Streng war ich nicht, aber konsequent, das musste man auch sein, die wären einem auf der Nase herumgetanzt die Knilche.”
– 1963-2000 Erzieherin in Kinderkurheim„Ich hab gesagt, die Mütter müssen sich bei den Kindern entschuldigen, weil nämlich die Mütter haben die Zwei- und Dreijährigen Kinder in die Kur geschickt. Und dass die nicht mit dem Trauma umgehen können, dass ist für mich ne Erziehungssache, mein ich. Denn wenn ich weiß, mein Kind hat ein Trauma, dann arbeite ich mit ihm und sag guck mal, du hast doch auch schöne Sachen dort erlebt."
– 1963-2000 Erzieherin in Kinderkurheim„Das war diese Geschichte, die mich ein Leben lang begleitet hat. Das ist das schwierigste für mich, das war so: [...] Es war ja Badewannentag und es war ein Solebad, also ein Salzbad, das ist ja sehr gesund auch, das weiß ich und das ist auch in Ordnung und da waren die Kinder dann drin und haben gebadet und oftmals war das Wasser zu kalt, aber gut, dass ist wieder eine andere Sache oder zu heiß, das haben dann die Schwestern gemacht wie sie geglaubt haben wie es richtig ist. So, nach dem Baden sind die, das war, ich hab jetzt nur Erfahrung mit Buben, die sind dann raus und die, also es waren, also wir waren nie ganz alleine, es war immer eine Ordensschwester oder eine Oberschwester, Pflegerin dabei und die standen dann, mussten in eine Reihe stehen neben den Badewannen nach dem Bad, die Schwester hat dann gesagt: ‚So ihr wisst jetzt,‘, ich weiß gar nicht mehr warum, auf jeden Fall hat sie jeden Bub der Reihe nach auf den Po gehauen, ich weiß gar nicht mehr was das für ein Grund war. Jeder Bub wurde nach dem Baden klatsch, klatsch, klatsch auf den Po gehauen und sie hat dann zu uns gesagt: ‚So und ihr werdet das auch praktizieren, denn es ist jetzt, ich weiß nicht vorausschauend, oder was haben sie getan.', auf jeden Fall mussten wir jeden Bub auf den Hintern hauen, auf den nackten.”
– FSJlerin in einem Kinderkurheim 1968, damals 17 Jahre„Egal wer, wer ausschert, Kind oder Erzieher oder Praktikant, egal wer, wer ausschert, der hat keine Chance mehr.”
– FSJlerin in einem Kinderkurheim 1968, damals 17 Jahre„Die Antwort war immer ‚Ein Klaps hat noch niemandem geschadet.‘, und ‚Es ist eine Anordnung.‘, und ‚Der Dr.[...] weiß doch was er tut.‘.”
– FSJlerin in einem Kinderkurheim 1968, damals 17 Jahre





