Abreise

Gestern im Schlafsaal hat Tante Hilde eine Liste mit Namen vorgelesen, von den Kindern, die nach Hause fahren. Schon so oft habe ich gehofft, dass ich endlich wieder heim darf, aber nie war mein Name dabei. Gestern aber schon. Ich hab mich so gefreut! Dann haben wir unsere Sachen packen müssen und vorhin haben wir unsere Spielsachen zurückgekriegt. Ich hab schon ganz vergessen, dass ich ja meinen Teddy mitgenommen hatte. Gebraucht hab ich ihn nicht, wir haben eh fast nie gespielt. Aber der kuschelige Bär hätte den Schlafsaal sicherlich etwas weniger kahl aussehen lassen. Ich freue mich, meine Mutti bald wieder zu sehen.

Im Zug sitze ich mit ein paar anderen Kindern. Ich kenne von keinem den Namen, obwohl wir jetzt ziemlich lange zusammen in der Kur waren. Ich habe jetzt schon vergessen was wir alles gemacht haben.

Lang ersehnte Heimkehr

Die Abreise aus dem Kurheim war für viele Kinder mit Aufregung verknüpft: Manchmal fürchteten sie sich vor einer unerwarteten Verlängerung der Kur, manchmal hatten sie Angst, dass die geplante Abreise an Kleinigkeiten scheitert, beispielsweise an einem Koffer, der nicht richtig geschlossen werden kann. Der Gedanke, kurz vor der ersehnten und erwarteten Heimkehr noch länger bleiben zu müssen, war für viele Kinder schwer zu ertragen.

An- und Abreisen fanden häufig im Kollektiv statt und waren so terminiert, dass die Kinder nicht mitbekamen, wenn eine Kindergruppe wieder abreiste.

Verlängerung der Kur

Auch Verlängerungen der Kur kamen vor. Oft standen die Kurverlängerungen als Drohung gegenüber den Kindern im Raum. Kinder bekamen mit, wenn die Kur anderer Kinder verlängert wurde. Das schürte in ihnen oftmals die Angst, (noch) länger oder sogar für immer im Heim bleiben zu müssen. Häufig litten die Kinder unter einem Vertrauensverlust und konnten nicht mehr glauben, wirklich nach Hause zu dürfen. Davon waren besonders die Kinder betroffen, deren Kur einmal oder sogar noch öfter verlängert wurde.

Zeitgefühl der Kinder

Kinder haben ein anderes Gefühl für Zeit als Jugendliche oder Erwachsene. Kleinere Kinder können sich unter dem abstrakten Begriff “Zeit” noch nichts vorstellen. Nur durch konkrete Erlebnisse ist Zeit für sie erfahrbar. Erst im Grundschulalter entwickeln sie allmählich ein Verständnis für Zeit.

Ab dem ersten Schuljahr lernen Kinder allmählich, die Zeiteinheiten immer besser abzuschätzen. Sie erwerben in der Regel, mit zunehmendem Lebensalter und Übung, stabile Kenntnisse über Zeiteinheiten und Zeitworte. Dennoch leben sie in der Gegenwart.

Daher kam den Kindern die Aufenthaltsdauer in den Heimen unendlich lang vor. Sie hatten keine Anhaltspunkte an denen sie sich orientieren konnten. Besonders wenn die Eltern im Vorfeld ihre Kinder nicht über die Verschickung aufklärten und die Kinder in Unwissenheit an den Kurort fuhren, wussten Kinder nicht, ob sie jemals heimkehren würden. Diese Vorgehensweise ist auf die Grundsätze der schwarzen Pädagogik zurückzuführen. Daher war die Abreise in vielen Fällen ein weiteres prägendes Erlebnis.

Quellen & Links

Krutz, B., Schubert, A., & Savaskan, N. (2021). Kinder in der Pandemie: Gesundheitsämter als Vermittler des Gesundheitsschutzes in Schulen. Das Gesundheitswesen, 83(07), 487-489. Lauterbach, R. [Hrsg.]; Hartinger, A. [Hrsg.]; Feige, B. [Hrsg.]; Cech, D. [Hrsg.]: Kompetenzerwerb im Sachunterricht fördern und erfassen. Bad Heilbrunn : Verlag Julius Klinkhardt 2007, 206 S. - (Probleme und Perspektiven des Sachunterrichts; 17) - URN: urn:nbn:de:0111-pedocs-150540 - DOI: 10.25656/01:15054