Marktplatz

Heute bin ich mit Mutti beim Einkaufen gewesen. An einem Marktstand trifft sie eine Bekannte, mit der sie ins Plaudern kommt. Ich stehe daneben und starre Löcher in die Luft. Seit ich wieder aus der Kur da bin, rede ich nicht mehr so viel. Ich schrecke auf, als Mutti mich anstößt. Sie schaut mich fragend an. Ich soll sagen, wie es mir in der Kur gefallen hat. Ich sage gut und bevor ich noch etwas sagen kann, reden die beiden schon wieder. Mutti sagt, wie gut ich zugenommen habe. Ich höre ein bisschen zu und verstehe, dass Muttis Bekannte ihre Tochter jetzt auch zur Kur schicken will. Ich hoffe, dass es für ihre Tochter schöner wird.

Nachwirkungen

Die Erlebnisse, die Betroffene der Kinderverschickung in Gesprächen schildern, sind vielfältig. Bei einem Großteil der Personen, die im Rahmen dieses Projekts interviewt wurden, überwiegen negative Erinnerungen, wenn nicht gar der gesamte Aufenthalt als einzige Tortur geschildert wird. Alle Personen berichten von Veränderungen oder einer Wende, die Ihr Leben durch die Verschickung erfahren hat. Dem soll hier Raum gegeben werden.

Zitate

"Aber ich war danach Heimweh-Kind. Ich war danach noch im Zeltlager, bei einer Tante, im Landschulheim. Und es war jedes mal ganz schlimm für mich. Und ich hab Heimweh gekriegt. Vorher war das nicht so."

– verschickt 1972, damals 9 Jahre

"Ich habe bis heute Schwierigkeiten im Dunkeln zu schlafen. Ich habe glaube ich schon irgendwie einen Knacks weg, auf jeden Fall. Vertrauen zu anderen Menschen ist schwierig."

– verschickt 1970, damals 5 Jahre

"Ich würde mich als verstört beschreiben. Ich bin vorsichtig mit diesem Begriff Traumatisierung, das ist so – aber in den Grundfesten erschüttert."

– verschickt ca. 1965, damals ca. 6 Jahre

"Diese Schwierigkeit mit Leuten zusammen zu sein, über Nacht zusammen zu sein, gemeinsam zu Essen in größerem Rahmen, also das ist für mich immer ein gewisses Problem gewesen."

– zwei mal verschickt Anfang der 1960er, damals ca. 5/8 Jahre

"Aber später dann als ich älter war, habe ich immer gesagt, das war wie im Gefängnis."

– verschickt 1975, damals 9/10 Jahre

"Ich bin nach der Verschickung noch mehr in mein Schneckenhaus gekrochen, wurde aber auch misstrauisch, weil ich versucht habe Anzeichen zu erkennen, die ich ja davor aber auch nicht sehen konnte, die für ein erneutes Wegschicken sprechen. Einfach damit ich mich vorbereiten kann, falls die mich von jetzt auf gleich nochmal irgendwo hin weg schicken sollten. Das war eine große Angst."

– verschickt 1972, damals 6 Jahre

"Ich war einfach von da an total verschlossen. Ich glaube auch nicht, dass ich viel von der Kur erzählt habe, sondern ich habe einfach glaube ich alles irgendwo abgelegt, und da liegt es bis heute."

– verschickt 1965 und 1969, damals 3/8 Jahre

"Dass es einfach ganz tiefe Verletzungen hinterlassen hat."

– verschickt 1972, damals 7 Jahre

"Ich war plötzlich nicht mehr trocken und bin zeitweise komplett verstummt. Da kam dann auch ein neuer Aspekt mit rein, der ebenfalls sehr problematisch war und zwar wusste sich meine Mutter nicht mehr anders zu helfen als mit körperlicher Gewalt, wenn ich ins Bett gemacht hatte."

– verschickt 1972, damals 6 Jahre