Arztzimmer

Alle paar Tage sollen wir hoch zum Doktor gehen, damit er uns kurz untersuchen kann. Ich mag den Arzt hier nicht, er ist immer so grob und mürrisch. Wenn wir oben sind, sollen wir immer unsere Klamotten vor dem Arztzimmer ausziehen. Nackig stehen wir dann in dem kühlen Flur und warten bis wir dran kommen. Das ist mir immer furchtbar unangenehm.

Nachdem ich eine Weile warten musste und mir schon ziemlich kalt ist, bin ich endlich dran und soll zum Doktor rein. Dort soll ich mich auf eine große Waage in der Mitte des Zimmers stellen. Er notiert sich mein Gewicht und manchmal misst er auch noch kurz Fieber. Dabei spüre ich immer seine kalten Hände. Dann murmelt er etwas zu einer der Schwestern und schickt mich aus dem Raum, um das nächste Kind zu untersuchen. Ich darf mich dann wieder anziehen und mir wird langsam wieder warm.

Ärzt:innenzimmer in der Zeit der Verschickung

Ein paar der Heime unterstanden zudem der Leitung von Ärzt:innen. Hier wurden, meist als harmlose Naturheilmittel gekennzeichnete, Medikamenten-Reihenuntersuchungen mit den, sich in einer abgeschlossenen Umgebung befindlichen Kindern, durchgeführt.

Untersuchungen während dem Aufenthalt in den Heimen liefen ähnlich zu denen ab, die die Kinder schon von zuhause aus dem Kontakt mit Ärzt:innen kannten. Man musste sich in einer Reihe aufstellen, oft in Unterwäsche, und warten, bis man dran war. Dann wurde man vermessen und gewogen und grundsätzliche, leicht zu überprüfende Gesundheitsaspekte untersucht und vermerkt.

Zitate

"Also man musste ja zunehmen egal wie. Ich würde es als Mastbetrieb bezeichnen im Nachhinein. Das Essen, das wir bekommen haben, war auch eindeutig zur Mast oder zur Zunahme abgestimmt. Wenn man da einmal in der Woche gewogen wurde und nicht zugenommen hatte, dann wurde man mit der Stirn oder mit dem Hinterkopf gegen den Metallbalken von dieser Wage geknallt, sehr schmerzhaft, das war so 'ne Balkenwaage zum stehen. Und ich hatte danach recht schnell raus, wenn ich vorher Wasser trinke bin ich schwerer."

– verschickt ca. 1965, damals ca. 6 Jahre

"Da bin ich rein und er [der Arzt] stand da mit der älteren [Ordens-] Schwester und in dem Raum war ein Gitterbettchen und da lag ein Kind drin. Zwei Jahre schätze ich und das war fixiert, aber nicht das Kind selber, sondern die Decke darüber war an den Gitterstäben so mit Schleifchen dran gemacht, so dass das Kind halt nicht aus der Decke raus konnte, aber der Kopf hat rausgeguckt. Und ich bin dann in den Raum rein und hab das Kind angeguckt. Das hab ich noch nie gesehen, da sagt er: 'Schauen sie nicht so blöd, was ist denn?' Sag ich: 'Herr Dr. [...] mir ist so schlecht haben sie was ich habe mich den ganzen Morgen schon erbrochen.'' Da sagt er: 'Brauchen sie nicht, raus damit und dann ist wieder gut und schauen sie nicht so, auch das ist Erziehung und das ist nur zum Wohl des Kindes.' "

– FSJlerin in einem Kinderkurheim, 1968, damals 17 Jahre

"Wöchentliche Gewichtskontrollen geben wertvolle Aufschlüsse über die Belastung des Organismus durch die Kurmaßnahmen. Man soll keine unnatürlich große Zunahme verlangen (keine Mästung!). Aber Gewichtsstillstände und Gewichtsabnahme veranlassen uns zu Korrekturen in der Kurtherapie"

– Kleinschmidt, 1964, S.47

"Es kommt gelegentlich vor, daß die Heilkur ohne Erfolg bleibt. Die Gründe hierfür liegen meistens an den während der Kur durchgemachten fieberhaften Erkrankungen (Infekte, Infektionskrankheiten), die zu einer längeren Unterbrechung der Kurmaßnahmen führten. Wir berichten das in unseren Kurbogen, schlagen eine Wiederholungskur vor und teilen es den Eltern in einem gesonderten Schreiben mit Angabe der Gründe mit."

– Kleinschmidt, 1964, S.50

Quellen & Links

Kleinschmidt, H. (1964). Über die Durchführung von Kindererholungs- und Heilkuren. In Folberth, Sepp (Hrsg) Kinderheime Kinderheilstätten in der Bundesrepublik Deutschland, Östereich und der Schweiz. Pallas Verlag Lochham München