Schlafsaal

Es ist wieder einmal Schlafenszeit. Im Schlafsaal stehen bestimmt 10 Betten oder noch mehr. Der Raum hat sehr hohe Decken, die Wände sind kahl und auch hier ist es sehr kalt. Na ja, wenigstens sind die Bettdecken schön warm. Vor dem Schlafen kriegen ein paar von uns Kindern eine kleine weiße Tablette. Das ist gut für unsere jungen Körper, sagt Tante Doris. Dann liest sie immer ein Kapitel aus einem Buch vor. Es geht um ein Mädchen, das von zu Hause wegläuft und die Welt erkundet. Auf die Geschichte freue ich mich jeden Abend. Danach macht Tante Doris das Licht aus. Wir Kinder dürfen dann nicht mehr reden oder aufstehen – nicht mal aufs Klo darf man dann. Gestern hat ein Kind deswegen ganz doll Ärger bekommen, weil sie in der Nacht ins Bett gemacht hat.

Die Schlafsituation im Verschickungsheim

Gitterbetten und kahle Wände. Mit diesen Worten beschreiben ehemalige Verschickungskinder die Inneneinrichtung der Schlafsäle. Sowohl am Mittag, als auch abends war dort eine Ruhezeit geboten in der die Verschickungskinder zum Schlafen gezwungen wurden. In dieser Zeit war es strengstens untersagt zu sprechen, zu lachen, auf Toilette zu gehen oder andere Tätigkeiten auszuführen. Wurden die damals definierten Regelungen gebrochen, konnten Strafen, unter anderem das Vorführen und die Demütigung der Betroffenen durch die Tanten, Folge sein.

Zitate

"Ein Junge war dabei, der eben auch unglaublich Heimweh gehabt hat. Der hat sich auch einmal eingenässt und hat dann auch einmal in seiner Unterhose quasi so eine Bremsspur drin gehabt und da weiß ich noch das wir den, wir hatten in diesem Zimmer mittendrin so einen großen Tisch gehabt, der musste dann quasi seine Hose runterlassen und musste um den Tisch rumlaufen und wir sind alle um ihn rumgestanden und sind angehalten worden ihn auszulachen."

– verschickt 1975 damals 9/10 Jahre alt

"Ich war da nicht der einzige der die Ruhestörungsregel durchbrochen hat und das war dann sicherlich so, dass einige gesprochen haben, dass habe ich nicht, da bin ich mir ziemlich sicher, sondern ich habe dieses Symptom gezeigt, dass ich geschaukelt bin im Bett, ja so hin und her mich gedreht habe relativ schnell und das hat stark gequietscht offensichtlich. Und meine erste Erinnerung an eine Sanktion ist, dass jemand kam, 'ne Betreuerin und mich aus dem Bett gerissen hat weil ich diese Geräusche von mir gegeben habe, oder weil die aus meiner Ecke kamen. Also ich habe nicht gesprochen, da bin ich mir relativ sicher weil ich sehr großen Respekt hatte vor dieser Regel und der Sanktion, sondern ich hab da dieses Schaukeln gehabt, das ich wahrscheinlich auch sehr unbewusst angefangen habe [...] Also ich bin dann aus dem Bett geholt worden, wie das weiß ich nicht, auf jeden Fall war ich sehr schnell draußen und die erste Sanktion an die ich mich erinnere war, dass ich an die Wand stehen musste und zwar nicht im Zimmer sondern im Treppenhaus auf der Treppe also ich musste auf irgend eine Treppe und stand dann auf der Treppe mit dem Gesicht zur Wand."

– zwei mal verschickt Anfang der 1960er, damals ca. 5 bzw. 8 Jahre alt

"Und in diesen Ruhepausen durfte man weder sprechen, noch auf die Toilette gehen, noch lachen noch irgendwas, man musste einfach nur schlafen, da gab's keine anderen Bedürfnisse, man musste einfach nur schlafen."

– verschickt 1970, damals 5 Jahre alt

"Also das ist mir auch passiert: ich durfte nicht auf Toilette, hab ins Bett gemacht und ich wurde tatsächlich vor der ganzen Gruppe gedemütigt."

– verschickt 1970, damals 5 Jahre alt

"Also, es war ganz klar: man musste ruhig sein, man durfte nicht reden, wenn man in diesem Schlafsaal war. Und wenn in irgendeinem Zimmer irgendein Laut war, dann war die Strafe, dass man nachmittags oder irgendwann nochmal länger schlafen musste. Also, man musste ja eh Mittagsschlaf machen - und dann musste man nochmal länger."

– verschickt 1972, damals 9 Jahre alt

"Man muss sich das so vorstellen: Der Schlafraum, das waren so Metallbetten, so wie man sich das heute in einem armen Land in irgendeinem Krankenhaus vorstellt und hinter den Metallbetten, wenn man sich als Kind aufgestellt hat, konnte man durch 'ne Glasscheibe gucken, auf der anderen Seite saß die Nachtschwester."

– verschickt 1971 und 1974, damals 3 und 6 Jahre alt

"Die waren alle älter als ich, so 10-12 Jahre. Das war schon ein deutlicher Unterschied. Das hat sich dann auch bei mir in der Unterbringungen in dem Schlafraum ganz deutlich gezeigt. Weil ich musste dann in so ein Kinderbett mit so Gitterstäben. Die anderen hatte richtige Betten. Was halt schon entsprechende Gefühl geweckt hat."

– verschickt 1965, damals 5 Jahre alt