Speisesaal

Essen ist hier im Kurheim sehr wichtig. Wir müssen ja zunehmen – zumindest manche von uns. Das Essen schmeckt mir aber gar nicht, ganz oft gibt es braune Eintöpfe, bei denen man gar nicht richtig sieht, was drinnen ist. Oder trockenes Brot, auf das nur ganz dünn Butter geschmiert wird. Vor allem Abends, wenn es kein Wasser gibt, bekomme ich es kaum runter. Das Brot lässt sich einfach nicht runterschlucken. Trotzdem müssen wir jedes Mal unseren Teller leer essen. Man bleibt so lange am Tisch sitzen, bis alles weg ist. Einmal hat ein Kind seinen Haferbrei beim Frühstück wieder ausgespuckt, da ist Tante Hilde ganz sauer geworden und das Kind musste trotzdem alles aufessen.

Essen im Verschickungsheim

Ernährung

In den Verschickungsheimen wurde die Ernährung oft an den Grund der Verschickung angepasst. Die als untergewichtig eingestuften Kinder mussten reichhaltige, zuckerhaltige und fettige Speisen essen. Darüber hinaus war es nicht unüblich, bereits vor der Mahlzeit Puddingspeisen zu sich zu nehmen. Dem hingegen erhielten die als zu kräftig eingestuften Kinder zum Abendessen beispielsweise lediglich einen Apfel und gegebenenfalls Tee mit Abführmittel. Der Erfolg der Kur wurde oftmals an der Gewichtszunahme oder Gewichtsabnahme gemessen. Somit wurde vor allem dem Essen ein hoher Stellenwert zugewiesen. Um das Ziel zu erreichen, wurden die Kinder in einem überwiegenden Teil der Berichte zum Essen gezwungen. In Gesprächen erzählen ehemalige Verschickungskinder, sie seien regelrecht gemästet worden. Die Trinkversorgung war oftmals nur zu festen Zeiten vorgesehen und in manchen Heimen bestand das Verbot, aus dem Wasserhahn zu trinken. Ehemalige Verschickungskinder berichten sehr häufig von der schlechten Qualität des Essens und einem starken Durstgefühl. Seltener wird von einer guten Grundversorgung berichtet, bei der Lebensmittel wie Kartoffeln und Milch direkt von einem Bauernhof bezogen werden konnten. Auf dem Speiseplan standen beispielsweise:

- Grießschnitten
- Haferflocken mit Rosinen und Nüssen
- Haferschleim
- Haferbrei
- Hafergrütze
- Klöße
- Germknödel
- Nudeln
- Brote mit Marmelade
- Pfannkuchen
- Pudding
- Äpfel
- Erbsensuppe
- Gries- und Milchsuppen
- Milchreis
- Kaiserschmarrn
- Rübensirup
- Kakao
- Tee

Verhalten im Speisesaal

Wie im gesamten Heim galten im Speisesaal oftmals strenge Verhaltensregeln. In einigen Heimen war das Reden im Speisesaal untersagt und die Kinder wurden gezwungen, ruhig auf ihren Plätzen zu sitzen. Häufig wird davon berichtet, dass man das Essen immer aufessen und so lange am Tisch sitzen bleiben musste, bis der Teller leer war. Manchmal wurden die Kinder dafür in kleine Räume gesperrt oder mussten die ganze Nacht vor ihren Tellern sitzen. Einige Kinder entwickelten Tricks, um Essen unauffällig verschwinden zu lassen. Beispielsweise wurde das Essen die Toilette hinuntergespült oder hinter den Koffer geworfen. Doch nicht immer gelangen solche Täuschungen. Teilweise empfanden die Kinder das Essen als Qual, sodass sie sich übergeben mussten. Manche Heimleitungen pochten darauf, dass das Erbrochene wieder aufgegessen werden musste. In anderen Fällen bekamen die Kinder nach dem Erbrechen einen neuen Teller mit Essen.

Zitate

Ehemalige Verschickungskinder

"Mittags gab’s ja für uns immer Kuchen und irgendwelche süßen Stückchen, die mussten wir aus der Küche holen auf einem Wagen und der ging durch den Speisesaal mit den Kindern, die abnehmen sollten. Und da kann ich mich halt erinnern, dass die auf dem Teller zum Beispiel eine Tomate hatten und wir mit dem Tablett mit den riesen Kuchenstücken an denen direkt vorbei."

– verschickt 1975 damals 9/10 Jahre alt

"... und zu sehen das Unrecht, dass mit anderen Kindern geschah also Kinder die vor dem Essen sitzen mussten, die sich erbrechen, die dann wieder einen neuen Teller hingesetzt bekamen. Und immer so als mahnende Beispiele saßen die von morgens bis zum Mittagessen saßen die da[..] und man wusste immer wenn man nicht spurt dann geht’s einem so wie denen die da sitzen die armen Tröpfe"

– verschickt ca. 1965, damals ca. 6 Jahre

"Viele haben das nicht gemocht oder wurden überfüttert, mussten sich erbrechen, mussten das erbrochene teilweise entweder wieder aufessen"

– zwei mal verschickt Anfang der 1960er, damals ca. 5/8 Jahre

"Kartoffelsalat, das war zumindest nicht gerade mein Lieblingsessen und ich weiß nicht, habe ich zu langsam gegessen oder habe ich ihn überhaupt nicht essen wollen, das kann ich nicht sicher sagen, ich erinnere mich nur, dass dann unsere Erzieherin mir den mit dem Löffel so reingelöffelt hat und zwar in einer Geschwindigkeit wo ich Mühe hatte zu schlucken."

– verschickt 1972, damals 7 Jahre
Erzieher/innen

"Einmal in der Woche war mit dem Chefarzt und der Küchenchefin Besprechung in der Küche und dann wurde abgesprochen was die Kinder mögen und was sie nicht mögen und das wurde dann aussortiert"

– 1963-2000 Erzieherin in Kinderkurheim

"Gut es gab auch Erzieherinnen, die die Kleinen gezwungen haben zu essen "

– 1963-2000 Erzieherin in Kinderkurheim

Quellen & Links

Hennen, C. (01.03.2021). Trauma statt Erholung. Deutschlandfunk. Verfügbar unter: Link Blum, M. (12.09.2021). Über das Schicksal der Verschickungskinder wurde lange geschwiegen. Badische Zeitung. Verfügbar unter Link Röhl, A. (2021). Das Elend der Verschickungskinder: Kindererholungsheime als Orte der Gewalt. Gießen: Psychosozial-Verlag. (Sachbuch Psychosozial) Röhl, A. (o.D.). Verschickung - Erklärung. Verschickungsheime: Das vergessene Trauma. Verfügbar unter Link Friedt, Marina (01.06.2021). Ein "Verschickungskind" erinnert sich: "Das Essen ist aus Schlamm gemacht . . ." chrismon. Das evangelische Magazin. Verfügbar unter: Link