An einem Mittag sagt Tante Doris, dass wir jetzt Postkarten an unsere Eltern schreiben. Ich freue mich ein bisschen. Ich will Mutti schreiben, dass sie mir meinen Teddy weggenommen haben und dass das Essen hier ganz komisch schmeckt, gar nicht so gut wie ihre Maultaschen. Dann zeigt die Tante aber an eine Tafel an der Wand. Da steht “Liebe Mutti, lieber Vater, hier im Kurheim gefällt es mir gut. Ich spiele viel mit den anderen Kindern. Liebste Grüße”. “Das hier abschreiben, eure Eltern sollen ja etwas Schönes hören und sich keine Sorgen machen”, heißt es. Aber das stimmt doch nicht! Ich will protestieren, aber ich traue mich nicht. Die Tante geht herum und kontrolliert, damit auch jeder genau das abschreibt. Also schreibe ich den Text Wort für Wort ab, als wäre es ein Diktat in der Schule. Die Tante sammelt alle Postkarten in einer Kiste ein. Hoffentlich schreiben Mutti und Vater mir auch einen Brief. Ich vermisse sie doch so sehr.
Als wir fertig sind sagt die Tante, dass vor ein paar Tagen noch ein Paket für ein Mädchen angekommen ist. Das Mädchen hat heute Geburtstag, es sind bestimmt Geschenke von ihrer Familie für sie. Das Mädchen darf ihr Geschenk aber gar nicht selbst aufpacken, das macht die Tante einfach. Das finde ich komisch, es ist doch ihr Paket. Sie zeigt was in dem Paket ist: Schokolade, Bonbons und ein Kuscheltier. Ich dachte, sie gibt dem Mädchen jetzt das Paket aber sie sagt: „So Kinder stellt euch in eine Reihe, das wird jetzt aufgeteilt.“ Das Kuscheltier darf das Mädchen auch nicht behalten, das kommt zu den Sachen die wir am Anfang abgeben mussten. Ich freue mich darüber, endlich mal wieder etwas so leckeres zu essen zu bekommen. Ein bisschen schlecht habe ich mich aber trotzdem gefühlt. Das Mädchen hat doch Geburtstag und die Geschenke gehören doch ihr. Ich wäre ziemlich wütend und traurig, wäre mir das passiert. Nach und nach holt sich jeder was von ihren Süßigkeiten ab. Ich bekomme 1 Stückchen Schokolade und 2 Bonbons, wie jeder von uns. Das Stück Schokolade esse ich direkt und die Bonbons hebe ich mir erstmal auf. Später entscheide ich mich dazu sie dem Mädchen zu geben, damit sie etwas mehr von ihrem Geschenk hat.