59505 Bad Sassendorf, 1954

Nein, die Hölle war es nicht, aber spurlos ist es auch nicht an mir vorbeigegangen

Von: I.S.

Anfang Oktober 1954 saß ich voll freudiger Erwartung im Zug von Brilon nach Bad Sassendorf. Wie sehr hatte ich mir gewünscht, eine Kinderkur mitzumachen! Meine Mutter hatte ihre eigenen Erfahrungen als Zehnjährige 1930 und ihre spätere Tätigkeit als Erzieherin in einem Kinderheim in leuchtenden Farben geschildert. Na gut, sie hatte sich auch beim Essen geekelt, wenn die Würmer aus den Himbeeren am Tellerrand schwammen. Aber davor war ich ja im Herbst sicher. Acht Jahre lang, bis zur Geburt meines ersehnten Bruders, war ich Einzelkind und freute mich daher sehr auf das Zusammensein mit anderen Kindern. Nun war es endlich so weit. Tagelang hatte meine Mutter gewebte Namensbändchen in meine Kleidung genäht. Die Vorbereitungen für meine Reise verstärkten noch meine Vorfreude. War nicht auch „Nesthäkchen“ (E.U. im Kinderheim? Klar, die war am Meer. Das hätte ich mir auch gewünscht. Nun war es Bad Sassendorf geworden. Sei´s drum.

Ein paar schwierige Monate lagen hinter mir: Im März eine Scharlachinfektion und 3 Wochen Isolierstation im Krankenhaus; im Juli eine Mandeloperation mit 1 Woche Krankenhausaufenthalt. Außerdem sollte die „Spinnewib“, wie ich manchmal scherzhaft in der Familie genannt wurde, ein bisschen zunehmen. Vergeblich hatte meine Mutter bisher versucht, mit Verabreichung von „Rotbäckchen“ mich ihrem Ideal eines drallen rotwangigen Kindes anzunähern.

In Begleitung einer netten älteren Dame vom Gesundheitsamt und eines anderen jüngeren Kindes kam ich im Kinderheim an, wurde gewogen und gemessen, abgehorcht und auf die Lungenfunktion getestet und dann meiner Altersgruppe zugewiesen. 23 Mädchen zwischen 9 und 12 Jahren wurden von zwei Schwestern betreut.

Als erstes wurden wir zum Mittagsschlaf ins Bett geschickt, weil die Schwestern derweil unsere Koffer auspackten. Das war natürlich spannend: 12 Betten im Schlafsaal, 12 unbekannte Kinder – da gab es eine Menge zu bereden und zu lachen. An Schlaf war überhaupt nicht zu denken. Mehrmals erschien die ältere strenge Schwester in der Tür und schimpfte mit uns. Aber wir hatten weiter Spaß miteinander. Und wieder hörten wir ihre energischen Schritte. Schnell schlüpften wir unter die Decken und lagen brav mit geschlossenen Augen da. Alles war ganz still. Als ich dachte, nun sei sie weg, öffnete ich meine Augen. Leider zu früh. Sie stürzte sich auf mich und schlug mir den Schlüpfer, den sie gerade in der Hand hatte, um die Ohren. Das fing ja gut an!

Es folgten 6 Wochen mit langen Spaziergängen in der Soester Börde mit der jungen, wirklich netten Schwester. Wir sammelten Äpfel vom Straßenrand auf und bissen hinein – manche waren mit Wurm. Unvergesslich ist mir von einem Spaziergang der Blick auf Soest mit der Silhouette von Kirchtürmen. (Merkwürdigerweise wurde die Stadt später ein wichtiger Bezugspunkt in meinem Leben.) Regelmäßig wurden wir zum Solebaden in die Holzbottiche gesteckt.

Aber ich lernte auch neue Lieder und neue Spiele kennen und meinen Platz in der Gruppe zu finden und zu behaupten. Es ärgerte mich, dass ein pummeliges Mädchen, das mit seinen 8 Jahren eigentlich gar nicht in unsere Gruppe gehörte, von den Schwestern immer bevorzugt behandelt wurde. Sie durfte meistens aus Büchern vorlesen (das hätte ich mindestens genauso gut gekonnt). Leider wurde diese Sonderstellung von den Erzieherinnen nicht thematisiert oder erklärt.

Beim Essen beteiligte ich mich durchaus am Wettkampf um die letzten Vollkornbrote, die ich zu Hause verschmäht hätte. Zum Abendbrot gab es oft Sagosuppe. Die „Froschaugen“ kannte ich bisher nicht und fand sie interessant.

Mein 10. Geburtstag am 19. Oktober war dann allerdings ein trauriger Tag. Ich verbrachte ihn mit Fieber und Halsentzündung im Bett. Von meinen Eltern war ein Päckchen mit Brief und ein paar Süßigkeiten gekommen. Mehr durfte nicht sein.

Einmal musste ich alle Waschbecken im Waschraum reinigen. Ich weiß nicht mehr, ob das eine übliche Aufgabe oder eine Bestrafung war. Jedenfalls habe ich mir die Arbeit „versüßt“, indem ich vor jedem Spiegel eine neue Fratze ausprobiert habe.

In der letzten Zeit der Kur wurde mir beim Essen regelmäßig schlecht und ich musste mich oft erbrechen. Natürlich wurde mit mir geschimpft und ich musste am Tisch so lange sitzen bleiben, bis ich zu Ende gegessen hatte. Ich wurde aber nicht gezwungen, Erbrochenes zu essen. Als die Schwestern sich keinen Rat mehr wussten, wurde der Kurarzt hinzugezogen. Er schaute mich nur kurz an und sagte, das sei Heimweh, man solle mich in Ruhe lassen. Ich war diesem jungen Arzt sehr dankbar.

Bei der Abschlussuntersuchung wurde festgestellt, dass ich 2 kg abgenommen hatte,

mein Lungenvolumen aber enorm vergrößert war. Meine Einschätzung: Beim zweiten Mal wusste ich einfach besser, wie ich effektiv „pusten“ musste.

Zu Hause am 10. November erwartete mich dann mein verspäteter Geburtstagstisch.

Allerdings hatte ich noch eine Zeit lang morgens mit Übelkeit zu kämpfen und konnte einfach kein Frühstück runterkriegen. Das müssen noch Nachwirkungen gewesen sein, denn in die Schule bin ich immer gerne gegangen. Ich mochte meinen Klassenlehrer im 4. Schuljahr sehr und habe trotz der 6 Wochen ohne Unterricht am Anfang des nächsten Jahres die dreitägige Aufnahmeprüfung für das Gymnasium problemlos bestanden.

Nein, die Hölle war es nicht, aber spurlos ist es auch nicht an mir vorbeigegangen.

Dabei war ich doch mit einer grundsätzlich positiven Einstellung in die Kur gefahren.

Ich kannte damals auch kein anderes Kind mit Kurerfahrungen. Erst mit Ende 30 kam ich im Rahmen einer Weiterbildung mit einer etwa gleichaltrigen Frau ins Gespräch. Sie hatte ähnliches erlebt. Angeregt unterhielten wir uns, als die Tutorin unseres Studienzirkels nachfragte, was es denn so Wichtiges zu besprechen gäbe. Halb im Scherz, halb im Ernst antwortete ich, dass wir das Trauma unserer Kindheit bearbeiten müssten.

Ich bin mit der schwarzen Pädagogik, die in den 50er Jahren sehr verbreitet war, aufgewachsen. Besonders schlimm wurde es noch einmal auf dem Gymnasium. Wir wenigen Mädchen in der Jungenklasse wurden zwar nur beschimpft und mit unsinnigen Strafarbeiten oder Nachsitzen belegt oder auch einfach ignoriert, was zweifellos das Schlimmste war. Wir mussten aber mit ansehen, wie Mitschüler körperlich gezüchtigt und von einem Lehrer von einer Ecke in die nächste geprügelt wurden.

Ich habe selbst einen pädagogischen Beruf ergriffen und wurde nun stark durch die 68er Bewegung und die Ideen der antiautoritären Erziehung geprägt. Aus heutiger Sicht beurteile ich die jeweiligen Pädagogen als Kinder ihrer Zeit, die selbst ähnlich behandelt wurden und die an ihnen verübten Erziehungsmethoden unreflektiert weitergaben. Wenn ich mir außerdem verdeutliche, dass da ein Lehrer vor einer Klasse mit 50! (so viele waren wir) lebhaften Sextanern stand und keine Möglichkeit hatte, seine eigenen Traumata aus dem 2. Weltkrieg zu bearbeiten, dann blicke ich mit mehr Verständnis auf die Erziehungspersonen meiner Kindheit und Jugend.

Nein, vieles ist nicht zu entschuldigen, aber zu erklären. Anonymisierungs-ID: abn