Motivation

Warum gibt es unsere Verschickungskinder-Initiative?

Weil großes Unrecht geschehen ist. Es geht um Gewalt und Wegschauen. Um die Zeit zwischen 1950 und 1990. Etwa 10 Millionen Kinder bundesweit wurden damals zur „vorbeugenden Gesundheitshilfe“ verschickt, in sogenannte Erholungs- und Kinderkurheime. Grundlage war seit 1962 der § 36 Bundessozialhilfegesetz. NRW gehörte zu den größten Anbietern: Etwa 1,8 Millionen Kinder wurden in eine NRW-Kurmaßnahme verschickt, geschätzt 177 Einrichtungen boten in NRW ihre „Dienste“ an.

Bedraengte Erinnerung Verschickungskinder
„Bedrängte Erinnerung“ © Heike Fischer-Nagel, Hamburg

Demütigungen und Gewalt in der Kinderkur

Manche von uns waren erst drei Jahre alt, als die Eltern sie in Zug oder Bus setzten, andere schon Teenager. Wir fuhren an die See oder ins Gebirge, meist für sechs lange Wochen…

Statt gesund, kamen viele von uns traumatisiert aus den Verschickungsheim-Kuren zurück. Andere hatten Glück. Einschüchterung, Wegsperren, sexuelle Gewalt, Zwangsernährung, Psychopharmaka – diese und andere Verbrechen an uns sind mittlerweile dokumentiert. Viele leiden bis heute an den Demütigungen, der Gewalt und dem Ausgeliefertsein in ihrer Kindheit. Manche sind daran zerbrochen.

Seit ich weiß, dass meine Erfahrung kein Einzelfall ist, will ich mehr wissen über die Struktur und die Verantwortlichen dieser ‚Verschickungsindustrie‘.

Hans-Georg Bierbass, verschickt 1972 ins Adolfinenheim auf Borkum.
Hans-Georg Mitstreiter AKV NRW

Warum hat man uns das angetan?

Die meisten von uns glaubten, ein Einzelfall zu sein. Bis die Initiatorin der Verschickungskinder-Bewegung, Anja Röhl, ihre Erfahrungen postet und die Presse berichtet.
Das löst eine Lawine aus: Tausende melden sich, berichten von ähnlichen Übergriffen, dokumentieren ihre Erfahrungen. Sie organisieren sich in Selbsthilfegruppen und Rechercheteams, schreiben Briefe an Verantwortliche, forschen in Archiven. Allein in NRW sind es einige Hundert, die Kontakt mit unserem 2021 gegründeten Verein „Aufarbeitung–Kinderverschickungen-NRW“ aufnehmen.

Die Meisten suchen Unterstützung, wollen endlich Klarheit: Warum hat man uns das angetan? Wie konnte das passieren?

Geschichte der Verschickungen

Der Ursprung der Heilerholung für Kinder liegt im 18.Jahrhundert in England. Ende des 19. Jahrhunderts eröffnen auch in Deutschland die ersten Kinderkurheime. Ziel ist die Heilbehandlung, vor allem lungenkranker Kinder. Zeitgleich entstehen Kindererholungsheime. Hier sollen gesunde Kinder ausspannen und sich gut ernähren. Die Trennung zwischen Kindererholung und Kinderkur verschwimmt im Laufe der Geschichte immer mehr.

Unter dem nationalsozialistischen Regime nimmt die Bedeutung von Kinderfahrten zur Erholung und Kur ab. Mit der „Erweiterten Kinderlandverschickung“ in Gastfamilien oder Lagern, entkommen viele Kinder der Bombardierung ihrer Städte.
Nach dem zweiten Weltkrieg erlebt die Kinderverschickung einen Boom. Alleine aus NRW werden zwischen 1950 – 1990 bis zu 1,8 Millionen Kinder verschickt. Nur ein Teil von ihnen verbleibt in einem der ca. 177 Heime in Nordrhein-Westfalen. Vor allem Kinder aus anderen Bundesländern kommen zur Kur hierhin. Ziele für die NRW-Kinder sind vorrangig die Nord- und Ostsee, gefolgt vom Mittel- und Hochgebirge.

Staatliche Kontrollen versagten

Erste Studien legen nahe, dass wir als Kinder leiden mussten, weil die „Schwarze Pädagogik“ des 19. Jahrhunderts sich nahtlos fortsetzte, weil Verbrecher aus der NS-Zeit in verantwortlichen Positionen saßen und staatliche Kontrollen versagten. So wie in Haus Bernward in Bonn-Oberkassel, NRW. Was dort geschah, ist dokumentiert und war kein Einzelfall.

Mein persönliches Anliegen ist es, meinen Beitrag zu leisten, die Zusammenhänge, Abläufe und Verantwortlichkeiten im Verschickungssystems ans Tageslicht zu bringen, damit wir Betroffenen und die Öffentlichkeit ein besseres Verständnis gewinnen, wie es zu den erlebten Gewalttaten kam.

Isabelle Nünninghoff, Leiterin Recherche, NRW
Isabelle Nünninghoff, Recherche. Heimortkoordinatorin von Bad Sassendorf, Leiterin des AKV-NRW Rechercheteams, Unterstützung von Betroffenen bei der Eigenrecherche

Wer übernimmt Verantwortung?

Was uns Betroffene eint: Wir wollen die Taten von damals aufdecken. Die Träger in historischer Nachfolge sollen sich zu dem begangenen Unrecht stellen. Sie sollen sich entschuldigen.
Denn: Wer Verantwortung für seine Vergangenheit übernimmt, hat einen wachsamen Blick für die Gegenwart. Nie wieder darf Kindern so etwas angetan werden! Das treibt uns an, dafür setzen wir uns ein.

Versöhnung braucht Aufklärung

Wer war verantwortlich? Wer hat weggeschaut? Wer hat profitiert? Noch gibt es keine überzeugenden Antworten auf diese zentralen Fragen. Wir wollen sie finden. Erst danach kann es Versöhnung mit dieser unheilvollen NRW-Geschichte geben. Wir stehen am Anfang der Aufarbeitung und unserer Bürgerforschung. Das Land NRW unterstützt uns, erste wissenschaftliche Forschungen haben begonnen.

Nur gemeinsam werden wir erfolgreich sein.

Vergessen wir unsere Kindheit nicht, sondern nehmen wir unsere Geschichte in unsere eigenen Hände“.

Angelika Hermanns-Ehnert, Selbsthilfegruppe NRW
Vom Opfer zum Kämpfer - Kindersanatorium Haus Bernward

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