82467 Garmisch-Partenkirchen, 1950
26548 Norderney, 1958

Besonders heftig war anfangs die sexuelle Bedrängung insbesondere von uns Jungen in meinem Alter.


Von: H.P.
Ich bin zweimal verschickt worden, einmal in die Nähe von Garmisch Partenkirchen und einmal
nach Norderney.
Grund: Asthma und Übergewicht.
Die Verschickung nach Bayern muss im Winter 1950 gewesen sein, da war ich 6 Jahre alt.
Davon weiß ich eher keine Details mehr, weil ich wohl schon in den ersten Tagen so schwer
erkrankte, dass ich nur noch das Krankenzimmer kenne und den Blick auf einen Berg, von dem
immer wieder Lawinen abgingen, die erst in der Nähe des Heimes in ein Tal abgeleitet wurden.
Das Heim lag auf einem Hügel gegenüber dem großen Berg.
Ich erinnere mich, dass ich fast immer alleine im Krankenzimmer war.
Die Kur wurde aufgrund der Krankheit vorzeitig abgebrochen.
Als Folge hatte ich noch bis weit ins Erwachsenenalter Angst vor den damals typischen weißen
Federbetten im Winter.
Bei Krankheiten konnte ich, wenn ich alleine war, keine verschlossenen Türen akzeptieren. Das
insbesondere bei fiebrigen Erkrankungen.
Bei der Kur in Norderney, das war im Sommer 1958, war ich 14 Jahre alt. Die Kur ist mir noch
gut und recht negativ in Erinnerung. Meine Altersgruppe, 5 Jungen um die 14 Jahre, hat jedoch
das Beste daraus gemacht. Ich war inzwischen durch das Leben in einem Geschäftshaushalt
recht selbständig geworden. Ängstlichkeit war mir fremd.
Das Haus wurde von Diakonisse geleitet. Seinen Namen weiß ich nicht mehr.
Ich hatte Asthma und Übergewicht. Hinzu kann eine ausgeprägte Allergie gegen rohe Tomaten.
Um mein Gewicht zu reduzieren, bekam ich Nahrungszuteilungen, mit denen ich nicht satt
wurde. Hauptbestandteil waren rohe Tomaten, die ich nicht essen konnte.
Wir etwa gleichaltrigen Jungs tauschten unter dem Tisch, bis wir nach einigen Tagen auffielen.
Ich musste dann am Tisch der Diakonissen unter deren Aufsicht Tomaten essen, weil man mir
nicht glaubte.
Ergebnis: Ich habe zunächst heftig erbrochen. Da ich diese Erstreaktion kannte, habe ich ins
Essen der Diakonissen gezielt und alle Teller und Schüsseln getroffen.
Daraufhin wurde ich geohrfeigt, aus dem Raum gebracht und eine junge Dame ohne Tracht
wollte mich körperlich mit einem Riemen bestrafen. Nach deren erstem Schlag habe ich etwas
getan, was ich sonst nicht tue, ich habe eine Frau geschlagen, was wir Jungen später leider
wiederholen mussten. Wegen der aufkommenden sehr schweren allergischen Reaktion und in
der Angst vor einem heftigen Schock muss ich wohl sehr heftig zurückgeschlagen haben. Die
Dame musste ins Krankenhaus. Ich wegen des Schocks auch.
Zur Strafe gab es mittags und Abends nur noch einen Apfel und mir wurde der Mittagsschlaf
entzogen. Als 14-jähriger durfte ich keinen Mittagsschlaf mehr machen. Ich wurde beneidet!
Die Diakonissen waren recht dumm, denn sie haben mir für diese Zeit auch das Betreten des
Geländes untersagt. Also zog ich zum Hafen, freundete mich mit Fischern und anderen Menschen
dort an, ging denen zur Hand und bekam dafür etwas Essbares. So war ich satt, hatte meine
Spaß auf den Schiffen und abends noch zwei Stücke Obst. Heimliche Tauschgeschäfte gingen
weiter. Mir ging es soweit recht gut.
Ich weiß aber von anderen Kindern, dass diese mit solchen und ähnlichen Strafen nicht fertig
wurden und vor Angst in die Dünen gelaufen sind.
Schlimm wurde es dann für uns alle, wenn diese sich nicht rechtzeitig wieder im Haus einfanden.
Wir mussten dann alle in der Regel ohne Essen ins Bett. Nun gut, ich hatte inzwischen ein Depot!
Besonders heftig war anfangs die sexuelle Bedrängung insbesondere von uns Jungen in meinem
Alter. Es gab Mädels in der Ausbildung, Gruppenleiterinnen, die unsere „Sauberkeit“
kontrollieren wollten und uns daher in der Dusche und in den Waschräumen kontrollieren
wollten, natürlich im Genitalbereich.
Meine Gruppe hatte sehr bald Ruhe vor den sexuellen Bedrängungen durch unsere
„Gruppenleiterin“, denn wir haben der jungen Dame bald gestattet, zu uns in die
Gemeinschaftsdusche zu kommen. Dort haben wir sie dann gemeinsam entkleidet. Gleiches
Recht für alle. Sie war freiwillig nicht mehr unsere Gruppenleiterin. Sogenannte
Sauberkeitskontrollen fanden in unserer Gruppe nicht mehr statt.
Jungen im Alter von 14-15 Jahren hatten schon Kraft und Ideen.
Das führte natürlich wieder zu Strafen mit Nahrungsentzug, schärferer Kontrolle, Hausarrest
und Versuchen der Prügelstrafe. Damit war meine Gruppe inzwischen nicht mehr wirklich zu
bestrafen. Wir wussten inzwischen, wie wir uns jederzeit wehren konnten. Wir haben uns z.B.
den ersten Schlag geben lassen und dann heftig zurückgeschlagen. Danach wurden wir nicht
mehr körperlich gezüchtigt. Mein Nahrungsmitteldepot konnte auch mal geteilt werden.
Da ich inzwischen nicht mehr der Einzige war, der keinen Mittagsschlaf mehr machen durfte,
hatten wir uns „Nebenjobs“ besorgt und halfen gegen Nahrungsmittel am Hafen und in
Geschäften. Verstecke für unseren Lohn fanden wir schnell. So machten uns die Strafen nichts
mehr aus.
Deutlich anders erging es den kleineren Kindern und den Mädels. Sie wurden immer ängstlicher
und damit gefügiger. Sie hielten sich stets an den Händen und folgten alle Abweisungen ohne
Murren. Diese Gruppen verloren teils ihre Selbstachtung.
Die Diakonissen und die Betreuerinnen konnten offensichtlich hier schalten und walten, wie sie
wollten.
Vermutlich haben diese Gruppen sehr gelitten, denn so viel Bravheit, an die ich mich erinnere,
konnte ich mir nicht wirklich vorstellen.
Wir „Großen“ Jungs wurden als die Bösewichter in Person dargestellt, so dass uns die anderen
Gruppen komplett mieden. Wir 5 waren praktisch ausgegrenzt, was uns aber nichts mehr
ausmachte. Es stachelte uns eher an, mehr unerlaubte Dinge zu tun, als nötig waren.
Heute würde ich mich auch für diese Gruppen noch einsetzen, damals war ich noch zu jung und
zu unerfahren. Zudem hatten wir mit uns selbst genug zu tun.
Nach Rückkehr ins Elternhaus habe ich einer Mitbewohnerin, die bei der Stadtverwaltung
arbeitete, alles berichtet und gefragt, warum man uns nicht in die Heimat zurückgeschickt hätte,
weil wir ja doch recht aufmüpfig waren und es immer mehr wurden, je mehr man versuchte, uns
zu bestrafen.
Die Mitbewohnerin sagte, dass bei einer Rückführung alle Kosten von dem Haus zu tragen
gewesen wären und unsere Kur nicht bezahlt worden wäre. Das Geld wollte die Kirche nicht
missen. Daher habe man uns letztlich ertragen.
Anonymisierungs-ID: aco