96129 Strullendorf, 1964

Ein kleiner Junge hat sich verzweifelt an mich geklammert und ich konnte ihm nicht helfen

Von: L.K.

Alles was hier geschildert wurde, habe ich im Februar 1964 in der Walderholungsstätte in Strullendorf erlebt.

Ohne einen Antrag gestellt zu haben, bekamen meine Eltern Bescheid, dass für meinen Bruder 9 Jahre und für mich 13 ½ Jahre eine 4-wöchige Erholung genehmigt war. Meine Eltern und auch mein Bruder waren begeistert, dass man es uns ermöglichte, 4 Wochen Ferien zu machen. Meine Begeisterung hielt sich in Grenzen.

Unsere Eltern brachten uns mit dem Zug bis Düsseldorf. Dort erwartete uns eine Begleiterin, die mit uns im Zug bis Strullendorf fuhr. Die meisten Kinder waren noch im Kindergartenalter. Ich war eine der ältesten Kinder.

Das Heim wurde von „Fräulein M.“, Schwester H. und Schwester T., geführt.

Die Jungen hatten rechts ihren Schlafraum und wir Mädchen links. An der großen Wand in unserem Schlafsaal hing ein kleines Heiligenbild. Gleich in der ersten Nacht, wusste ich was hinter diesem Bild war. Es war eine Öffnung ins Zimmer von Schwester H. Wir hatten uns etwas zugeflüstert und sogleich ging das Bild zur Seite, alle erschraken und eine laute Stimme schrie, dass im Schlafraum nicht gesprochen werden darf.

Gleich am 1. Morgen kam mein Bruder weinend zu mir – ich weiß bis heute nicht, was im Jungensaal vorgefallen war –und ließ mich nicht mehr los. Mit einigen Lügen habe ich es aber geschafft, dass wir beide ein gemeinsames Schlafzimmer bekamen.

Jeden Morgen gab es Kümmelbrot. Mein Bruder kann bis heute keinen Kümmel essen. Wir hatten aber großes Glück, dass an unserem Tisch ein Mädchen saß, welches uns half morgens unsere Brote zu verspeisen.

Mittag erhielten wir in Plastikteller, wo sich das Plastik in der Mitte auflöste und die sich ganz fettig anfühlten ein oft undefinierbares Essen. Und der Teller musste leer gegessen werden. Wer nach der Mittagszeit nicht fertig war, musste sich mit dem Teller auf die Stufen der Treppe die nach oben führte setzen und unter Bewachung weiteressen. Dort saßen jeden Mittag welch, die auch erbrochen hatten, und mussten den kompletten Teller leer essen.

Nach dem Mittagessen war Mittagsruhe. In einem großen Saal stand Feldbett neben Feldbett wo wir uns hinlegen mussten. Fräulein Marianne saß vorne mit einem Buch und weh einer hat gesprochen oder sich nur bewegt.

Wir waren bestimmt schon 1 oder 2 Wochen dort, als wir durch Zufall bemerkten, dass in der oberen Etage Waisenkinder untergebracht waren. Ein kleiner Junge hat sich verzweifelt an mich geklammert und ich konnte ihm nicht helfen. Diese Kinder hat man nie draußen spielen gesehen.

Auch die Kinder in unserer „Erholungsgruppe“ waren sehr verängstigt. Wir haben mal eine Wanderung gemacht. Und als wir zurückkamen, zog ein kleiner Junge seine Stiefelchen aus und sein Strumpf war ganz braun und blutig. Er hatte sich nicht getraut zu sagen, dass in seinem Stiefel etwas drückte und ist die ganze Zeit auf einer Tube Schuhcreme gelaufen, die mittlerweile geplatzt war. 

Wir durften auch Briefe bzw. Karte nach Hause schreiben, welche uns aber von Fräulein M. diktiert wurden. Und wenn man nicht das schrieb, was sie diktierte, dann wurde der Brief zerrissen. Ich habe immer „Liebe Mutter und lieber Vater“ geschrieben obwohl ich zu Hause Mama und Papa sagte und auch viele Fehler beim Schreiben eingebaut. Aber meine Eltern haben diese Hilferufe nicht verstanden.

Mein Vater war Schneider und wurde wöchentlich von einem Vertreter aus Aachen besucht. Ich wusste, dass Herr B. durch ganz Deutschland reiste. Als ich erfuhr, dass die Schwestern fast jeden Morgen um 6.00 Uhr nach Strullendorf in die Kirche gingen, bin ich mit meinem Bruder freiwillig jeden morgen früh aufgestanden und mitgegangen, in der Hoffnung, diesen Herr B. irgendwo zu treffen und um Hilfe zu bitten.

In der letzten Nacht hat mein Bruder sich dann übergeben. Ich habe mit unserer Unterwäsche versucht, alles zu beseitigen. Nur aus Angst, dass wir sonst nicht abreisen dürften. Eine Dame kam uns abholen, die uns dann bis Düsseldorf begleitete. Schon auf dem Bahnhof merkte ich, dass ich Fieber bekam. Habe mich dann aber, bis wir im Zug saßen tapfer gehalten. Dann ging es aber nicht mehr. Die Dame war sehr verärgert, dass man ihr ein totkrankes Kind mitgegebene hatte. Das Abteil musste geräumt werden und der Schaffner lief hin und her um mir meine Waden zu kühlen. Als ich in Düsseldorf meine Eltern sah, war alles vorbei, das Fieber war schlagartig verschwunden.

Wenn ich heute in meinem Poesiealbum lese: „Zur Erinnerung an den frohen Stunden in der Walderholungsstätte“, dann wird mir heute noch schlecht.

Gottseidank war ich nur 4 Wochen zur Erholung dort und gehörte nicht zu den Kindern der 1. Etage.

Es war mir ein Bedürfnis nach so vielen Jahren, dies alles einmal niederzuschreiben.

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