Medikamentenversuche an Verschickungskindern bestätigt

Die Pharmazie-Historikerin Dr. Sylvia Wagner schockiert auf der Pressekonferenz in Wülfrath-Aprath mit harten Fakten. Foto: Michael Millgramm
Die Pharmazie-Historikerin Dr. Sylvia Wagner schockiert auf der Pressekonferenz in Wülfrath-Aprath mit harten Fakten. Foto: Michael Millgramm

Autorin/Redaktion: Maria Dickmeis

„In der Summe bleibt festzuhalten, dass es in Wülfrath-Aprath (durchaus in Kooperation mit anderen bergischen Heilstätten und Kliniken) ausgiebige Testungen von Medikamenten, v. a. von der Fa. Bayer gegeben hat, dabei ist es auch zu zahlreichen dokumentierten Nebenwirkungen gekommen… Die Befunde lassen die Vermutung zu, dass Zustimmungsfragen bei den Versuchen keine Rolle gespielt haben“. So fasst Sylvia Wagner das Zwischenergebnis einer Studie im Auftrag des MAGS (Ministerium für Arbeit, Gesundheit, Soziales) zusammen.

Wie die Historikerin Carmen Behrendt in ihren Recherchen herausfand, war der Träger der damaligen Klinik in Aprath ein Verein namens „Bergische Heilstätten für lungenkranke Kinder“ mit Sitz in Wuppertal-Elberfeld. Geleitet von dem Tuberkuloseexperten Prof. Georg Simon. Ab 1953  geführt von seinem Sohn Kurt. Im Verwaltungsrat der Klinik saßen neben einem Vertreter des  Landschaftsdirektors Rheinland und des Regierungspräsidenten für den Regierungsbezirk Düsseldorf, Vertreter der Städte, lokale Unternehmer und Vertreter der Vereinsstifter. Besonders interessant: Zu den letzt-genannten gehörten auch die Elberfelder Farbenfabriken, heute bekannt als Bayer AG.

Historikerin Carmen Behrendt stellt auf der PK in Wülfrath die Ergebnisse ihrer 1,5jährigen Recherchenarbeit zur Heilstätte Aprath vor. In unserem Projekt des AKV-NRW e.V. unterstützt sie das Betroffenen-Recherchenteam bei der Entwicklung von Standards. Foto: M.Millgramm

Der Sitz im Verwaltungsrat war für die Farbenfabriken vermutlich auch in anderer Hinsicht hilfreich. Pharmahistorikerin Wagner : „Insgesamt ist auffällig, in welchem Umfang an der Kinderheilstätte Aprath Arzneimittel verschiedenster Art getestet wurden und die Berichte der Zeitzeug:innen weisen darauf hin, dass die Testungen mit einer nachlässigen Behandlung von Patiententeilhabe und einer lieblosen zum Teil übergriffigen und gewalttätigen Versorgung der Kinder bei ihrem monatelangen Aufenthalt in Aprath verbunden waren. Diese Begleitfaktoren lassen die TBC-Arzneimittelentwicklung in dieser Form mit Blick auf das Wohl der Kinder und ihre Würde als äußerst fragwürdig erscheinen…“.

Die Forschungsstätte von Bayer lag in Kinderheilstätten-Nähe. Vermutlich kein Zufall. Wagner beschreibt: „Das heutige Forschungs- und Entwicklungszentrum von Bayer liegt nur wenige Kilometer von der ehemaligen Klinik Aprath entfernt, es wurde 1964 eröffnet. Schon seit mindestens 1953 gab es auch in der Aprather Klinik selbst schon Gebäude mit Ställen und Laboren, und es ist nicht auszuschließen, dass die Versuche in der Klinik Aprath und die Zusammenarbeit von Gerhard Domagk bei Bayer und Georg bzw. dann Kurt Simon sowie auch die zahlreichen Erprobungen in der Heilstätte Bergisch Land in Wuppertal Ronsdorf auch ein Motiv für die Auswahl des Bayer-Forschungs-Standortes in Aprath lieferten.

Aber nicht nur die Produkte von Bayer, sondern auch andere pharmakologische Substanzen wurden in Aprath getestet, wie etwa die die Schluckimpfung gegen Poliomyelitis, die bei einigen erkrankten Kindern die Symptome verschlimmerten. Daneben wurde im Jahr 1956 von Kurt Simon auch Contergan®, bzw. dessen Wirkstoff Thalidomid, in der dortigen Einrichtung an keuchhustenkranken Kindern getestet, etwa ein Jahr vor Markteinführung…“.

Fazit der Wissenschaftlerin: „In der Summe bleibt festzuhalten, dass es in Wülfrath-Aprath (durchaus in Kooperation mit anderen bergischen Heilstätten und Kliniken) ausgiebige Testungen von Medikamenten, vor allem von der Fa. Bayer gegeben hat, dabei ist es auch zu zahlreichen dokumentierten Nebenwirkungen gekommen. An keiner Stelle – weder in der Korrespondenz mit Bayer bzw. Gerhard Domagk (Leiter der Pharmawissenschaftlichen Abteilung, Bayer) noch in den Jahresberichten – wird erwähnt, ob Kinder, Eltern oder die Familie über Risiken und möglichen Nutzen der Präparate informiert worden sind oder ob sie in die Versuche eingewilligt haben. Auch von einer Korrespondenz mit Jugendämtern oder Vormündern ist weder in den Akten im Firmenarchiv der Bayer AG noch in den Jahresberichten der Heilstätte Aprath selbst etwas zu finden. Das ist insofern ungewöhnlich, weil es zumindest bei der Frage der Auswahl der Kinder zu erwarten gewesen wäre, dass diese einbezogen werden. Die Befunde lassen die Vermutung zu, dass Zustimmungsfragen bei den Versuchen keine Rolle gespielt haben…“.

 

Teilnahme Studie

Unter folgendem Link könnt Ihr als Betroffene weiterhin an der Studie teilnehmen und Eure Erfahrungen in einem Fragebogen schildern: https://histmed.hhu.de/zeitzeugenportal

 
 
Zitate aus: Heiner Fangerau, Silke Fehlemann, Sylvia Wagner, Medizinhistoriker:innen. „Medikamentenerprobungen in der Kinder-Lungenheilstätte Wülfrath-Aprath. Working Paper des MAGS-Projekts “Missbräuchlicher Einsatz von Medikamenten an Kindern und Jugendlichen in NRW bis 1980” am Institut für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin, HHU Düsseldorf.

 

 

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