Interview mit Elisabeth Auchter-Mainz

Opferschutzbeauftragte NRW

von Maria Dickmeis

Kinderverschickung Bundesbeauftragte
© Land NRW

 Was ist nach Ihrer Kenntnis mit den Verschickungsheimkindern passiert?

Verschickungsheimkinder sind als kleine Kinder über Wochen von zu Hause in eine „Kur“ geschickt worden, ohne zu wissen, wie es weitergeht, wo sie hinkommen, wo sie sind. Kleine Kinder haben kein Zeitgefühl und ich glaube, das ist das Prägende, unabhängig von dem, was in den Heimen passiert ist. Das war für die Kinder eine ganz einschneidende Erfahrung: von den Eltern für Wochen getrennt zu werden. Was mich umtreibt, ist zum einen, dass man das überhaupt mit so vielen Kindern gemacht hat, und zum anderen, was in den Häusern mit den Kindern geschehen ist an körperlicher Gewalt und an seelischer.

Können sechs Wochen Kinderkur nachhaltig das Leben prägen?

Aus meiner Sicht, ja. Es gibt Straftaten, da geht es um viel kürzere Zeiträume und sie prägen das Leben. Sechs Wochen sind lang. Kinder haben kein Zeitgefühl. Für die Kinder war es eine Ewigkeit.

Was muss passieren, damit es den Betroffenen besser geht?

Zuallererst müssen die Betroffenen wissen, was damals geschehen ist. Was ist mit mir passiert? Wer war verantwortlich? Wie sieht das Verschickungsheim heute aus? Opfer wollen informiert werden. Mir hat einmal eine betroffene Frau gesagt: „Die Bilder im Kopf, die sind das schlimmste. Die Realität kann nicht schlimmer sein“. Opfer brauchen Information und Transparenz. Hierfür müssen Unterlagen und Archive der Träger oder Heime geöffnet werden. 

Ferner muss die Gesellschaft sensibilisiert werden, dass die Erfahrungen von Verschickungsheimkindern bei vielen Menschen das ganze Leben geprägt hat. Da geht es um Vertrauensverluste, Unsicherheiten, Gewalterfahrungen. Diese Menschen brauchen Verständnis, Empathie und nicht selten auch therapeutische Hilfen. Ich glaube, hier muss noch viel aufgeklärt und sensibilisiert werden. 

Was können Sie als Opferschutzbeauftragte von NRW für von Gewalt Betroffene tun?

Mein Team und ich haben eine Hotline geschaltet, bei der jeder Mensch anrufen kann, der Opfer einer Straf- oder Gewalttat geworden ist, auch Dritte, die nicht direkt betroffen sind, aber von Übergriffen wissen. Wir hören erst einmal zu: was ist geschehen, was ist schon veranlasst und was wird noch begehrt. Wir sehen uns als Lotsen und überlegen zusammen mit den Betroffenen, welche Hilfe gewünscht wird. Wir lotsen z.B. zu Fachberatungsstellen oder Trauma-Ambulanzen, wir informieren über Opferentschädigungsanträge und sonstige finanzielle Leistungen und im rechtlichen Bereich z.B. über die Erstattung einer Strafanzeige, den Gang einer Hauptverhandlung oder der Möglichkeit einer Psychosozialen Prozessbegleitung.

Wer kann sich an Sie wenden?

Jeder, der Opfer einer Straf- oder Gewalttat geworden ist. Nicht nur in NRW, aber mit NRW-Bezug.

Gibt es Lebensgeschichten, die Sie besonders berühren?

Das sind die Fälle, in denen Menschen lange geschwiegen haben. Das erleben wir oft: die Straftat liegt lange zurück, oft in der Kindheit. Die Menschen haben geschwiegen, und man merkt, dass sie viele Jahre gelitten haben. Oder es sind Menschen, die nicht geschwiegen haben, aber nicht die Hilfe bekommen haben, die sie gebraucht hätten. Das sind die Schicksale, die uns im Team umtreiben. Oft ist dann eine Strafverfolgung wegen Verfolgungsverjährung nicht mehr möglich. 

Was können wir alle heute tun, um Schwache zu schützen?

Jeder sollte wachsam sein, insbesondere wenn es um Kinder geht. Es bedarf einer größeren Aufmerksamkeit in der Gesellschaft. Hinschauen, nicht wegschauen! Wenn man in der Nachbarschaft, in der Schule, in der Kita beobachtet, da stimmt etwas nicht, sollte man lieber einen Schritt mehr machen als einen zu wenig. Und: man sollte sich nicht abschrecken lassen, wenn nicht gleich eine Reaktion erfolgt. Man sollte zum Schutz von Schwachen hartnäckig sein.