25980 Sylt/Westerland, 1963

Ich kann mich auch an keine Spiel- Sport- oder Bastelangebote erinnern.

Von: D.

Mit meiner kleinen Schwester I. (Jg. 1953) war ich, D. (Jg. 1951), im Sommer 1963 für sechs Wochen von Münster aus im Kinderkurheim Haus Böving in Westerland auf Sylt.

Nach einem ersten kurzen Urlaub gemeinsam mit unseren Eltern in Winterberg im Jahre 1957 war der Kuraufenthalt im Jahre 1963 im Haus Böving in Westerland auf Sylt der zweite Urlaub in unserem Leben, auf den wir uns sehr gefreut hatten, denn wir hatten noch nie das Meer gesehen und waren sehr gespannt darauf. Als „Wasserratte“ hatte ich mich besonders auf das Baden im Meer gefreut.

Da unsere Eltern im Jahre 1961 in Münster ein Haus gebaut hatten, war finanziell für die gesamte Familie kein Urlaub möglich. So kamen unsere Eltern auf die Idee, uns zur Kur zu schicken, zumal mein Vater, der als Bankkaufmann bei der LBS in Münster arbeitete, von Kollegen Positives über diese Verschickung gehört hatte. Soweit ich weiß, wurden die Kinderkuren von der LBS und/ oder von der BEK unterstützt.

Meine Schwester war sehr zart gebaut, wurde deshalb als „schlechter Esser“ eingestuft und war damit kurberechtigt. Da sie nicht allein ins Heim sollte, wurde ich unter dem Vorwand, auch ein „schlechter Esser“ zu sein, mitgeschickt.

Wochen vor dem Reiseantritt wurden wir geimpft. Meine Mutter nähte in alle Kleidungsstücke, die wir mitnehmen sollten, unsere Kennnummern: 60 und 61.

In Münster wurden wir in den Zug gesetzt, in dem die Verschickungskinder ein eigenes Abteil hatten und von Begleitpersonen (Schwestern) freundlich betreut wurden. Die Fahrt über den Hindenburgdamm war auch sehr spannend.

Die Ankunft im Kinderkurheim gestaltete sich aber gleich sehr ernüchternd und war der Einstieg in die bedrückendsten und langweiligsten Ferien in meinem Leben, die kein Ende nehmen wollten.

An eine freundliche Begrüßung kann ich mich nicht erinnern.

Wir mussten unsere Koffer in einer Dachschräge im Dachgeschoss, in dem sich auch die Mädchenzimmer befanden, in einem Regal, das mit unseren Kennnummern versehen war, unterstellen und sofort Süßigkeiten, Schuhcreme, Zahnpasta und Seife abliefern.

Ich war ein eher schüchternes und in keinster Weise aufmüpfiges Kind, aber um meine Seife habe ich gekämpft. Ich hatte sie zu meinem zwölften Geburtstag (6. Februar) von einer Nachbarin geschenkt bekommen. So eine schöne Seife (Maja, mit einer tanzenden Spanierin auf der Verpackung) hatte ich vorher noch nie gesehen und sie extra für den Kuraufenthalt aufgehoben. Trotz meiner Weigerung, die Seife herauszurücken, musste ich sie schließlich abgeben. Da ich mich darüber so aufregte, den „Diebstahl“ der Seife sehr dreist fand und mich mit alten Seifenresten waschen musste, gab ich keine Ruhe, erklärte, dass es sich um ein Geburtstagsgeschenk handelte und behauptete, andere Seifen nicht zu vertragen. Schließlich durfte ich mir einige Tage später im Beisein der ärgerlichen Betreuerin meine Seife im Arztzimmer (links vom Haupteingang im Parterre/ Kellergeschoss), in dem wir zu Beginn und am Ende der Kur gewogen und gemessen wurden, aus einem Karton wieder heraussuchen und sah, dass dort jede Menge an Produkten, die den Kindern fortgenommen worden waren, lagerten. Bei der Menge konnte es sich nicht nur um die eingezogenen Artikel aus unserer Kurgruppe handeln. Ich fragte mich schon damals, was wohl mit den vielen Produkten geschah.

Nur einmal wurden Bonbons unter den Kindern verteilt.

Die Seife habe ich während des gesamten Kuraufenthalts unbenutzt jeden Tag in meiner Anorak Tasche mitgeschleppt. Diese Seife war für mich der sichtbare Beweis dafür, dass ich mir nicht alles gefallen ließ, und stärkte meine Selbstachtung.

Am Ankunftstag mussten wie nach dem Abendessen sofort auf unsere Zimmer und schlafen. Meine Schwester wurde einer anderen Gruppe mit jüngeren Mädchen zugeteilt, so dass wir uns kaum sehen und sprechen konnten.

Nach einem Foto zu urteilen, waren wir in der Gruppe der großen Mädchen wohl zu neunt. Das Schlafzimmer bestand nur aus Betten. Es gab keine Schränke – auch an Nachtschränke kann ich mich nicht erinnern – aber dafür einen Eimer für die Notdurft, der neben der Tür stand. Toiletten und Waschgelegenheiten gab es nur im Kellergeschoss. An unsere Wäsche, die in den Koffern verblieb, kamen wir in der Regel nur einmal pro Woche.

Als wir uns schlafen legten, wurde uns befohlen, nicht miteinander zu sprechen. Von den Kindern, deren Betten mit dem Kopfende an der Längswand standen, musste sich die Hälfte nach links drehen, die andere Hälfte nach rechts. Die Kinder, deren Betten an der anderen Seite des Zimmers parallel zur Wand standen, mussten sich alle zur Wand drehen. So sollte verhindert werden, dass wir miteinander sprachen. Wenn wir uns im Bett umdrehten, quietschte dieses und eine Betreuerin, die bei geöffneten Schlafzimmertüren im Flur saß und Wache hielt, stand meistens schimpfend im Zimmer. So lernten wir, uns mittels Zeichensprache zu verständigen, wenn wir es schafften, uns unbemerkt einander zuzuwenden. Da ich mich zur linken Seite drehen musste, die nicht meine „Einschlafseite“ war, hatte ich Probleme einzuschlafen.

Nachdem ich am ersten Morgen im Heim aufgewacht war, schaute ich aus dem Fenster, um eventuell einen Blick auf das Meer zu erhaschen. Sofort stand eine Betreuerin im Zimmer und schimpfte mich aus, weil ich es gewagt hatte, ohne Erlaubnis das Bett zu verlassen.

Zum Abendessen gab es übrigens kaum etwas zu trinken, weil wir nachts den Eimer nach Möglichkeit nicht benutzen sollten. Jungen, die nachts ins Bett machten, mussten den Rest der Nacht auf einer harten Holzbank zubringen, die sich im Flur vor den Jungenzimmern (eine Etage tiefer) befand. Manche Jungen mussten dort etliche Nächte verbringen.

Den Betreuerinnen war klar, dass die Kinder abends durstig sein würden, denn wir wurden davor gewarnt, das Leitungswasser zu trinken, weil wir dann die Inselkrankheit bekommen würden. Das Leitungswasser wurde durch Rohre vom Festland herübergeleitet und war wohl nicht keimfrei.

Da ich aber sehr großen Durst verspürte, habe ich entgegen der Anweisung heimlich Wasser aus meinem Waschlappen getrunken, was ich als am Unauffälligsten empfand. Prompt erkrankte ich an der Inselkrankheit, einem Brechdurchfall. Eine Pflege wurde mir dabei nicht zuteil. Während alle anderen Kinder zum Stand gingen, lag ich alleine ohne Beschäftigungsmöglichkeiten im Bett, vor den mir ein Eimer gestellt wurde. Nicht einmal Wasser hatte ich, um mir nach dem Brechen den Mund ausspülen zu können. Ich sah nur die wahrscheinlich dänische Putzfrau, die offensichtlich Mitleid mit mir hatte, die ich aber nicht verstehen konnte, und konnte die ganze Zeit nur die Decke anstarren. Meine Schwester durfte allerdings während der Mittagsruhe in unser Zimmer kommen und mich kurz besuchen.

Der Tagesablauf war sehr öde. Im Heim und draußen im kahlen Hof gab es keine Beschäftigungsmöglichkeiten. Möglicherweise konnten wir Seilchen springen oder Hüpfspiele machen.  Wir gingen also jeden Tag nach dem Frühstück mit einigen Spaten und Eimern zum Strand, wo wir sehen mussten, wie wir die Zeit rumkriegten. An gemeinsame Aktivitäten kann ich mich nicht mehr erinnern. Ich habe ein paar Muscheln gesammelt und mir sehnsüchtig die Schiffe angesehen, mit denen ich gerne fortgefahren wäre.

Auf das Baden im Meer hatte ich mich so sehr gefreut, aber während der gesamten Zeit waren wir nur dreimal bis zu den Knien im Wasser und mussten dabei noch im Kreis stehen und uns an den Händen festhalten. Nachdem wir dann kurz in die Hocke gehen und untertauchen durften, mussten wir das Wasser wieder verlassen.

Jeden Mittag mussten wir einen Mittagsschlaf halten, dann ging es wieder ans Meer. Zurück kamen wir erst wieder zum Abendessen. Ins Haus kamen wir nur durch den Hintereingang, wo sich auch die Toiletten befanden.

Nachdem man durch den Flur vor den Toilettenräumen gegangen war, gelangte man in einen Flurbereich ohne Fenster von dem aus man Zugang in den Waschraum hatte. Der Flurbereich war mit Bänken an der Wandseite ausgestattet. Dort konnten wir unsere Jacken aufhängen und die Schuhe unter den Bänken abstellen. Die Zeit bis zum Abendessen vertrieben wir uns regelmäßig mit Singen von Volksliedern in diesem Flur.  Das war für mich immer der schönste Teil des Tages, weil ich gerne sang und wir Wünsche hinsichtlich der gesungenen Lieder äußern durften.

Eines Abends jedoch musste ich nach dem Singen ohne Abendbrot ins Bett, weil ich es gewagt hatte, bei dem Lied „Wem Gott will rechte Gunst erweisen, den schickt er in die weite Welt“ die umgedichtete Textfassung „den lässt er von der Knackwurst beißen und wünscht ihm guten Appetit“ zu singen. Ich hatte mir nichts Böses dabei gedacht, fand die Fassung lustig und wusste nicht, wie mir geschah.

So kam ich dann auch nicht in den allabendlichen „Genuss“, den Besitzern des Kurheims, dem Ehepaar Böving, das in dem Hochparterre des Hauses wohnte, ein Ständchen im Flur auf der Treppe zu bringen.

Zu dem Besitzerpaar hatten wir sonst keinen Kontakt. Nur zwei Mädchen wurden „bevorzug behandelt“ und mussten manchmal keine langweilige Mittagspause einhalten. Sie durften während dieser Zeit in Bövings Garten, der nicht am Heim lag, Obst ernten und auch essen. Dafür beneideten die anderen Kinder sie sehr. Heute würde ich diese „Bevorzugung“ eher als Kosten sparende Kinderarbeit einstufen.

Morgens und abends wuschen wir uns in dem sehr primitiven Waschraum. Rechts an der Wand und längs in der Mitte des (fensterlosen?) Raumes befanden sich einfachste Waschbecken. An der linken Längsseite befand sich ein großer, länglicher Betontrog, in den wir uns einmal wöchentlich zu mehreren stellen und einseifen mussten. Anschließend wurden wir mit einem Schlauch mit kaltem Wasser abgespritzt.

Zum Zähneputzen gingen wir mit unserer Zahnbürste der Reihe nach zu der Betreuerin, die uns einen Klecks Zahnpasta auf die Zahnbürste drückte. Jeden Tag mussten wir auch unter Aufsicht einen Becher Meerwasser trinken, wahrscheinlich wegen des Jodgehalts. Die großen Jungen füllten einen Tank mit Wasser aus dem Meer, der dann in der rechten Ecke des Waschraums aufgestellt wurde. Warum das Meerwasser gut für uns sein sollte, wurde uns nicht mitgeteilt.

In den Toilettenräumen befand sich kein Toilettenpapier. Dieses wurde uns von einer jungen Dänin zugeteilt, und zwar nur 2 Blatt pro Toilettengang. Als ich so „dreist“ war, mir zwei Blätter mehr zu nehmen, wurde ich gefragt, ob ich nicht zählen könne, was ich verneinte. Ich brauchte mehr Papier und sah nicht ein, dass ich mir von dem kaum älteren Teenager in solcher Weise Vorschriften machen lassen sollte.

Eines Tages wurde ein Mädchen gesucht, dass eine Unterhose in die Toilette geworfen hatte, so dass diese verstopft war. Ich nehme an, dass dieses Mädchen seine Menstruation bekommen hatte, sich nicht zu helfen wusste und sich nicht traute, etwas zu sagen.

Von Sanktionen habe ich da nichts mitbekommen.

Einmal in der Woche durften wir in dem Speisesaal (Raum rechts vom Haupteingang im Erd- bzw. Kellergeschoss und einziger Aufenthaltsraum) auch Briefe schreiben.

Das war eine etwas schwierige Angelegenheit, da die Eltern merken sollten, dass wir uns nicht wohl fühlten, wir dieses aber nicht direkt schreiben konnten, da alle Briefe gelesen wurden.

In einem Brief habe ich dann vorsichtig formuliert, dass wir die Süßigkeiten (eine Tüte Bonbons und eine Tafel Schokolade), die meine Eltern einem Päckchen für meine Schwester beigefügt hatten, leider nicht behalten durften. Die Eltern hatten meiner Schwester einen Rock zugeschickt, um den sie gebeten hatte, und die Süßigkeiten anlässlich des Namenstages meiner Schwester beigefügt, obschon es eigentlich nicht erlaubt war, Süßigkeiten zu schicken.

Der Brief wurde mir vor die Füße geworfen, und ich musste den Satz streichen. Meine Eltern wussten dann trotzdem Bescheid. Die Süßigkeiten wurden daraufhin tatsächlich wieder herausgerückt und in der gesamten Gruppe verteilt.

Ich habe damals überlegt, wie ich einen Brief aus dem Heim schmuggeln könnte, indem ich ihn unfrankiert anderen Kurgästen zustecken würde, habe mich aber nicht getraut. Es war auch schon schwierig, unbemerkt einen Brief zu schreiben, da uns das Briefpapier zugeteilt wurde.

Auch habe ich Fluchtpläne geschmiedet. Den Weg zum Bahnhof zu finden, traute ich mir wohl zu, aber ich fürchtete, vor Abfahrt eines Zuges aufgegriffen und wieder zurückgebracht zu werden. Die Konsequenzen mochte ich mir nicht ausmalen.

Mit dem Essen hatte ich keine Probleme, da ich nicht heikel war. Vor allem mochte ich gerne Milchreis und auch Schmalzbrote, die es sehr häufig gab.

Entsetzt war ich aber, als wir mit ansehen mussten, dass der jüngste Junge von den Kurkindern den Milchreis erbrach und gezwungen wurde, das Erbrochene wieder aufzuessen.

Wir mussten immer eine bestimmte Menge essen und wenn wir dann keinen Nachschlag mehr wollten, den Löffel umgedreht auf den Teller legen. Wenn man aus Versehen den Löffel falsch herumdrehte, musste man den Nachschlag aufessen.

Ich selber hatte nur damit Probleme, wenn es Äpfel zum Nachtisch gab, die Apfelkitschen zu essen. Ich habe es jedes Mal geschafft, sie unauffällig in der Backentasche zu belassen und dann anschließend in die Toilette zu spucken.

Wir mussten die Apfelkitschen bestimmt wegen des Jodgehalts essen.

Am Tag vor unserer Abreise fand noch eine Abschiedsfeier mit Musik mit allen Kurkindern in dem geschmückten Speisesaal statt.

Am letzten Morgen unseres Aufenthaltes habe ich dann noch mal einen Aufstand geprobt, weil ich fand, dass beim Frühstück das Marmeladenbrot schimmelig schmeckte. Ich bot an, ein anderes Brot zu essen, aber ich weigerte mich konsequent, ein meiner Meinung nach schimmeliges Brot zu essen. Die Folge war, dass ich in eine dunkle Abstellkammer gesperrt wurde. Das ertrug ich mit Fassung, weil ich wusste, dass mir nicht mehr viel passieren konnte, da wir ja noch am Vormittag abreisen würden.

Als sehr erniedrigend empfand ich auch das Verhalten der Betreuerinnen gegenüber einem leicht behinderten Mädchen, mit dem wir uns schon während der Zugfahrt etwas angefreundet hatten und das ungefähr im Alter meiner Schwester gewesen sein muss. Das Mädchen namens M. stammte, soweit ich mich erinnere, aus Ostercappeln, war etwas klein für sein Alter und hatte einen verkrümmten Rücken, war geistig aber keinesfalls zurückgeblieben. M. wurde kurzerhand der Gruppe der jüngsten Kinder zugeordnet und musste die sechs Wochen mit Kindergartenkindern verbringen. Vermutlich war in dem Schlafzimmer der älteren Mädchen kein Platz mehr frei.

Als wir unseren Eltern nach unserer Rückkehr beim Abendbrot erzählten, was wir während der Kur erlebt hatten, waren sie sehr empört und wollten die Zustände im Heim melden, zumal auch die Söhne eines Kollegen unseres Vaters die Zustände bestätigten. Letzten Endes sahen unsere Eltern jedoch von einer Beschwerde ab, da das Heim aus Altersgründen der Besitzer geschlossen werden sollte.

Psychische Schäden habe ich durch den Aufenthalt nicht erlitten. Meine Schwester meint schon, Schäden davongetragen zu haben, vielleicht, weil sie als jüngeres Kind schlechter mit der Situation umgehen konnte als ich. Sie fühlte sich seit dem Aufenthalt gehemmt und eingeschüchtert. Auf der Rückfahrt weinte sie im Zug und ich sagte zu ihr, dass sie doch jetzt nicht mehr weinen müsse, da wir ja nach Hause führen. Sie meinte, es wären wahrscheinlich Tränen der Erleichterung gewesen.

Es brauchte jedenfalls einige Überredungskünste unserer Eltern, dass wir in den darauffolgenden Jahren bereit waren, an Ferienaufenthalten teilzunehmen, die von der Kirchengemeinde bzw. vom Sportverein durchgeführt wurden. Die Unterbringung in den Jugendherbergen war damals auch in keinster Weise luxuriös, z. T. noch einfacher als in dem Kinderkurheim, aber die gesamte Atmosphäre war freundlich und den Kindern/ Jugendlichen zugewandt. Dort haben wir uns dann auch wohlgefühlt. Wenn das Gespräch in späteren Jahren auf den Kuraufenthalt auf Sylt kam, habe ich immer sehr emotional darüber berichtet.

Aus heutiger Sicht habe ich den Eindruck, dass nur darauf geachtet wurde, dass die Kinder möglichst viel und kalorienreich aßen, damit sie zunahmen, womit der Kurerfolg belegt war. Auf das psychische Wohlergehen wurde in keinster Weise geachtet. Die Kinder sollten Geld einbringen, möglichst wenig Arbeit machen und vor allem die Besitzer des Heims, die ja im Hochparterre des Hauses wohnten, nicht stören.

Empathie für die Kinder konnte ich nie feststellen. Ich bin mir auch nicht sicher, ob es sich bei den sehr jungen Betreuerinnen um ausgebildetes Personal handelte. Eine junge Dänin war erst 15 oder 16 Jahre alt, also kaum älter als die großen Mädchen. Sie hatte allerdings auch nur die Funktion einer Hilfskraft.

Von einem pädagogischen Konzept war nichts zu spüren. Freundliche private Gespräche fanden nicht statt, ein persönlicher Kontakt wurde nicht hergestellt und ein Vertrauensverhältnis wurde nicht aufgebaut. Die Kinder wurden bei kleinsten “Vergehen“ gemaßregelt und sogar bestraft und eingeschüchtert. Geschlagen wurden die Kinder nach meinen Beobachtungen nicht.

Die rigiden Erziehungsmethoden waren wahrscheinlich noch Relikte aus der Nazizeit, was mir damals allerdings nicht bewusst war, und waren noch weit verbreitet. Man hatte keine Wünsche zu äußern und musste sich allen Anweisungen kritiklos fügen. Insgesamt war der Umgang mit den Kindern sehr lieblos.

Ich kann mich auch an keine Spiel- Sport- oder Bastelangebote erinnern. Wir haben nichts besichtigt und waren nie in der Stadt oder an anderen Strandabschnitten der Insel. Auch über die Insel und deren Pflanzen- und Tierwelt haben wir nichts erfahren.

Ich kann mich nicht daran erinnern, was wir bei schlechtem Wetter gemacht haben. Wir können uns dann nur in dem Speisesaal aufgehalten haben. Eine andere Möglichkeit gab es nicht. Dort konnten wir uns wahrscheinlich mit Gesellschaftsspielen beschäftigen. An die Möglichkeit zu lesen, kann ich mich nicht erinnern, und das war eines meiner Hobbys.

Meine Schwester kann sich entsinnen, dass sie abends den Kleinen eine Gute-Nacht-Geschichte vorlesen durfte.

Die Beschäftigungsmöglichkeiten müssen sehr eingeschränkt gewesen sein, denn mir ist nichts in Erinnerung geblieben.

Der Aufenthalt in dem Heim war nur deprimierend und öde. Mir ist nichts Positives in Erinnerung geblieben. Ich hatte viel Heimweh und habe das Ende der Kur herbeigesehnt.

Auf dem Gruppenfoto bin ich das Mädchen links auf der Bank, dem die Betreuerin die Hand auf die Schulter legt.

Meine Schwester sitzt, vom Betrachter aus gesehen, rechts auf der Bank.

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