32105 Bad Salzuflen, 1959

Diese Nonne ist für mich bis heute ein gesichtsloses Monster.

Von: E.D.

Der Artikel in den Ruhr Nachrichten Dortmund und die darin beschriebenen Schicksale haben mich zu Tränen gerührt und tief vergrabene Erinnerungen an meinen eigenen Kuraufenthalt in Bad Salzuflen in einem katholischen Kurheim wachgerufen. Zu dem Heim kann ich keine genauen Angaben mehr machen, ich war 7 oder 8 Jahre alt und hatte gerade lesen und schreiben gelernt. Namen der Nonnen und des Personals habe ich nicht mehr präsent, zumal es auch keine Unterlagen mehr zu diesem Aufenthalt gibt. Ich habe lange überlegt, ob ich Ihnen überhaupt schreiben soll, denn ich habe 6 Wochen „in der Hölle überlebt“, auch weil meine 1,5 Jahre jüngere Schwester mit dabei war und wir zu zweit immer jemanden zum Anlehnen hatten.

Nach längerem Überlegen fand ich es jedoch wichtig, meine Erfahrungen aufzuschreiben, weil sie menschenverachtendes und kinderfeindliches Verhalten offenbaren.

Meine Schwester und ich wurden 1958 (1959?) wegen „Unterernährung“ nach Bad Salzuflen geschickt. Heute würde man sagen, dass wir beide sehr schlank waren, aber damals entsprach man damit nicht dem Nachkriegsideal.

Hier sind meine Erfahrungen:

  1. Schlafen

Der Schlafsaal war ein langer Schlauch, in dem 30 oder mehr Betten mit den Kopfenden an beiden Wänden aufgereiht waren. Am Ende des Ganges befand sich eine Schlafkabine aus Holz mit Fenster, in der die Nonne schlief. Am frühen Abend mussten alle Kinder, egal wie alt, zur gleichen Zeit ins Bett. Die Nonne befahl allen Kindern, sich auf die rechte Seite zu legen. Dann deckte sie über alle Köpfe das Leinen-Überschlagslaken, das unter der kratzigen Wolldecke lag. Unter Androhung von Strafen mussten wir unter den Laken still liegen, es durfte nicht mehr gesprochen werden. Die Nonne verschwand in ihrer Kabine und überwachte durch das Fenster die „verdeckten“ Kinder. Wehe, die Decke bewegte sich, weil man sich umdrehen oder auf den Rücken legen wollte! Weinen wurde mit Mühe unterdrückt. Bei „Ungehorsam“ schoss die Nonne aus der Holzkabine, schrie und bestrafte. Man wagte kaum, um Erlaubnis für einen Toilettengang zu bitten, mit fatalen Folgen für die, die aus Angst, die Nonne stören zu müssen, zu lange gewartet hatten. Diese Nonne ist für mich bis heute ein gesichtsloses Monster.

2. Essen

Da wir zunehmen mussten, wurde die Einnahme des Essens, das man nach heutigen Maßstäben als „Fraß“ bezeichnen würde, streng überwacht. Es war schon schwer genug, einen Teller zu leeren, der zweite wurde zur Qual. Am schlimmsten waren die Samstage mit ihren „Specksuppen“. Schwarten und schwabbeliges Fett von Fleischresten schwammen darin. Wir lernten schnell, diese ungenießbaren Schwarten in der linken Hand, die den Teller hielt, zu verstecken und sie beim Tellerstapeln für das Abräumen dazwischen zu klemmen. Wehe, man wurde dabei erwischt! Schlimm traf es die Kinder, die am Samstag das Geschirr in großen Zinkzubern spülen mussten. Sie blickten in einen ekelerregenden See mit schwimmenden Schwarten und Fettresten.

Obst hatte Seltenheitswert. Deshalb „stahlen“ Kinder bei den Spaziergängen unreife Äpfel und Birnen von oder unter den Obstbäumen am Straßenrand. Einmal aßen viele Kinder rohe Holunderbeeren. Sie übergaben sich beim Abendessen. Den Anblick von diesem lilafarbenen Erbrochenen im Gang des Esssaales werde ich nie vergessen!

Bis heute entferne ich den Fettrand von gekochtem oder rohem Schinken, ebenso bei Fleisch, wenn ich zum Essen eingeladen bin. Bei mir als begeisterter Köchin gibt es weder Eisbein noch Krustenbraten. Meine Roulade ist immer mit einem Holzspieß gekennzeichnet, weil in ihr keine Speckscheibe wie bei den anderen eingerollt ist. Durchwachsene Grillkoteletts rühre ich nicht an! Mein Mann hält das für eine Marotte, aber ich weiß, woher dieses Verhalten kommt.

3. „Wiege-Tag“

Der Angst-Tag der Woche! Aufgereiht, nur mit Schlüpfer bekleidet warteten wir auf das Wiegen und beteten, wenigstens ein paar Gramm zugenommen zu haben, um nicht noch mehr unter strengerer Bewachung essen zu müssen.

4. Ausschlag

Viele Kinder, auch meine Schwester, bekamen einen schrecklichen Ausschlag im Gesicht, runde, mit Schorf besetzte Flecken. Angeblich war es eine Reaktion auf die Solebäder. Die Flecken wurden immer kontrolliert. Am Abreisetag spielten sich Dramen ab. Waren die Verkrustungen bis dahin nicht abgefallen, wurden sie gewaltsam entfernt. Meine Schwester hatte Glück. Ihre Krusten waren abgefallen, allerdings hatte sie noch Flecken im Gesicht. Meine Eltern dachten bei der Begrüßung, sie habe ihr Gesicht nicht richtig gewaschen. Lange mussten die Stellen beim Hautarzt behandelt werden, bis sie verschwunden waren.

5.Eltern

Mein Mann fragte mich, warum meine Eltern uns nicht einfach abgeholt hätten. Meine Eltern dachten bei der Abfahrt, dass sie uns Kindern etwas Gutes hätten angedeihen lassen. Es gab damals nur wenige Telefone, wir hatten keins zu Hause. Wie und wo sollten wir heimlich telefonieren? Meine Schwester und ich waren noch zu jung, um zu verstehen, dass die Post gelesen und bei Missfallen zurückgehalten wurde, selbst die von den Eltern an die Kinder. Päckchen wurden geöffnet und der Inhalt musste mit den anderen Kindern geteilt werden. Als wir wieder zu Hause waren und meine Eltern alles erfahren hatten, wurde keine Anzeige erwogen. Mein Vater war 1949 aus russischer Gefangenschaft zurückgekehrt, ich bin 1950 geboren, meine Schwester 1951. Da galt es, das Leben mit wenig Geld zu meistern. Befindlichkeiten und Traumata – auch bei Erwachsenen – waren damals kein Thema. Man baiute Deutschland auf und damit ein bessere Leben für die Kinder! So gesehen konnten sich die Verantwortlichen in den Heimen sicher fühlen.

Jetzt, da ich alles aufgeschrieben habe, bin ich traurig, dass erst so viele Jahrzehnte später vieles von dem, was damals geschah, analysiert und bekannt gemacht wird. Die Verantwortlichen kann man sicher nicht mehr zur Rechenschaft ziehen. Aber es ist gut, dass die Betroffenen, die nicht wie meine Schwester und ich das Glück hatten, das Geschehene unbeschadet zu überstehen, eine Stimme bekommen.

Dafür danke ich Ihnen und allen, die diese Missstände aufdecken und aufarbeiten.

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