34537 Reinhardshausen, 1953

Die "Tanten" waren meist sehr streng und wir hatten alle furchtbare Angst vor ihnen.


Von: C.V.
Rund 10 Millionen Kinder wurden in der Nachkriegszeit wegen gesundheitlicher
Probleme zur Erholung in Kurheime geschickt. Für diese „Verschickungskinder“
wurde die während des Krieges aufgebaute Infrastruktur der
„Kinderlandverschickung“ genutzt. Für die Belegung der Heime waren
Krankenkassen, Gesundheitsämter, Jugendfürsorge und Kirchen zuständig, eine
Kontrolle der pädagogischen Zustände fand in der Regel nicht statt. Von zahlreichen
Jungen und Mädchen wurde der Aufenthalt als traumatisierend wahrgenommen mit
Folgen wie Ess- und Schlafstörungen. Konkrete Erinnerungen bleiben oft
schemenhaft.
„Ich war vom 2. Oktober 1953 bis zum 10. November 1953 im Kinderkurheim
Reinhardshausen bei Bad Wildungen. Ich weiß das so genau, weil in meinem
Halbjahr-Zeugnis der katholischen Volksschule ein entsprechender Eintrag zu finden
ist. Ich war 9 Jahre alt und kann mich an viele schlimme Erlebnisse dort erinnern.
Besonders daran, dass wir Kinder jeden Morgen beim Frühstück einzeln aufgerufen
wurden und in eine Liste eine Sonne oder aber Regen eintragen mussten –
Bettnässen! Fast täglich gingen wir im nahen Wald spazieren; dazu mussten wir im
Keller des Heims unsere Pantoffeln gegen Schuhe austauschen. Mein Sitzplatz auf
der kleinen Bank mit den Schuhen war genau gegenüber einer schweren Stahltür,
die nach draußen führte und durch die wir dann zu den Spaziergängen immer
hinausgingen. Ich erinnere mich noch heute an das Gefühl beim Anblick dieser Tür:
Eine große, unbestimmte Traurigkeit und Sehnsucht erfüllte mich jedes Mal. Dahinter
ist die Freiheit, hier ist das Gefängnis. Wie wäre es, wenn ich einfach schnell
unentdeckt “abhauen” würde”.
Aber dazu hatte ich keinen Mut, – wohin auch? Ich hatte schreckliches Heimweh. Der
nächtliche Aufenthalt im Kinderkurheim war in einem großen Schlafsaal mit weißen
Eisenbetten, das Ganze war gewiss sehr traumatisch für mich. Die “Tanten” waren
meist sehr streng und wir hatten alle furchtbare Angst vor ihnen. Zum Beispiel war
streng verboten, beim angeordneten Mittagschlaf miteinander zu reden oder auf die
Toilette zu gehen. Ich erinnere mich, dass ich während einer Krankheit tagelang
meine Stirn und Hände an der Außenwand neben meinem Bett kühlte. Ich hatte wohl
Fieber,
Der Aufenthalt war für mich schlimm. Aber gleichzeitig auch so etwas wie
Alltagsnormalität. Ich kannte nichts anderes. Die Atmosphäre zu Hause war ja
ähnlich. Als Flüchtlingskind aus Schlesien (Vater war 1945 in Frankreich während der
Gefangenschaft gestorben, habe ihn nie gesehen) in einem 100-Seelendorf der
Soester Börde, war unsere Familie entsetzlichen Anfeindungen und Demütigungen
ausgesetzt, besonders vom Schulleiter der Katholischen Volksschule.“
Die Geschichte der „Verschickungskinder“ erfährt erst seit kurzer Zeit eine intensive
Aufarbeitung. Erst das Alter der Betroffenen macht die Rückschau auf diesen
Lebensabschnitt und die öffentliche Diskussion jetzt möglich.
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