59955 Altastenberg 1967

...war anscheinend Bettnässerin. Sie wurde vor allen Kindern vorgeführt, beschimpft und gedemütigt.

Von: R.

Zeitzeugenbericht Verschickungskind Geburtsjahr 1962

In den Jahren 1966 und 1967 hatte ich zwei Operationen (Mandeln und Blinddarm).

Da ich als Kind schon eher zart war, empfahl der Hausarzt danach eine sechswöchige Kindererholungskur. Diese fand dann auch im Sommer 1967 statt. (den genauen Zeitpunkt weiß ich nicht, aber wir haben in der Kur Blaubeeren gepflückt)

Zuerst wurde meine Kleidung mit Namensetiketten versehen und eines Morgens ging es los. Meine Eltern brachten mich zum Dortmunder Hauptbahnhof, wo sich schon mehrere Kinder mit ihren Familien versammelt hatten. Wir trugen Pappschilder mit unseren Namen um den Hals und wurden dann in einen Bus gesetzt, der uns dann nach Altastenberg ins Sauerland fuhr.

Ich habe mit mehreren kleinen Mädchen im Alter bis zu 6 Jahren ein Zimmer geteilt.

Wir alle hatten großes Heimweh. Mittags mussten wir immer schlafen, d.h. wir durften keinen Mucks machen und auch die Augen mussten geschlossen sein. Eines Tages bekam ich zu meiner großen Freude eine Ansichtskarte mit dem Florianturm von meinen Eltern aus Dortmund. Diese stand auf meinem Nachtkästchen. Während des Mittagsschlafs hatte ich einmal die Augen geöffnet und habe diese Karte stumm angeschaut. Leider wurde ich dabei erwischt. Dieses hatte zur Folge, dass ich von einer älteren Frau an den Haaren aus dem Bett gezerrt wurde. Sie schlug mich und anschließend musste ich barfuß im Flur stehen. Ich bekam eine Erkältung, verbunden mit Husten. Dieser wurde mir verboten. Ständig wurden wir gemaßregelt.  Es war auch schlimm, dass wir nur zu bestimmten Zeiten auf die Toilette durften. Eines Nachts musste ich dringend und hatte Glück, dass jemand vergessen hatte die Toiletten abzuschließen. Ich hätte vor Erleichterung weinen können. Ein Mädchen in meinem Zimmer war anscheinend Bettnässerin. Sie wurde vor allen Kindern vorgeführt, beschimpft und gedemütigt. Das wiederholte sich oft.

Im Laufe der Zeit wollten meine Eltern und mein Bruder mich besuchen, wurden aber natürlich abgewiesen.

Es wurden Postkarten von den Tanten geschrieben und wir haben dazu gemalt.

Ich hatte furchtbares Heimweh und hab mich immer gefragt: Was habe ich verbrochen, dass meine Eltern mich hierher geschickt haben? Zudem hatte ich furchtbare Angst, sie nach so langer Zeit nicht wiederzuerkennen.

Eines Tages kam eine Tante in unseren Schlafraum und teilte einem Mädchen mit, dass ihre Mutter verstorben sei. Würde ich meine Mutter je wiedersehen????

Es gab ein Lied welches wir oft gesungen haben:

In Altastenberg da steht ein Haus,

da gehen die Kinder ein und aus.

Mal sind sie groß, groß, groß,

mal sind sie klein, klein, klein……..

Es gab eine Tante die nett war, aber an Namen kann ich mich nicht erinnern.

An viele Begebenheiten habe ich keine Erinnerung und ich habe auch Angst davor.

Vor der Reise war ich ein fröhliches offenes Kind. Mein erstes gesprochenes Wort soll „NEIN“ gewesen sein.

Nach meiner Heimkehr habe ich gar nicht über diese Kur gesprochen. Ich war still und eingeschüchtert und habe erst nach langer Zeit meiner Mutter davon berichtet. Gott sei Dank hat sie mir geglaubt und es tat ihr sehr leid.

Als ich eingeschult wurde und auch in den folgenden Jahren danach beschwerten sich meine Lehrer,

dass meine mündliche Beteiligung nicht gut wäre, obwohl ich alles wüsste. Ich habe mich oft nicht getraut etwas zu sagen. Zu viel habe ich mir gefallen lassen, auch später im Beruf. Wenig habe ich mir zugetraut, immer bin ich in Deckung gegangen. Oft habe ich versucht es allen recht zu machen, was mir einen Burnout beschert hat.

Alles was ich tue, zerdenke ich oft. Was kann im schlimmsten Fall passieren?

Ich setze mich oft unter Druck und bewundere Menschen, die sehr entspannt mit allem umgehen.

Schön, dass nun eine Aufarbeitung stattfindet und ich hoffe, dass ich ein bisschen dazu beitragen kann.

Anonymisierungs-ID: aaf