Ein Wochenende voller Emotionen: Applaus, Tränen und ein Magen, der alles durcheinanderbringt”

Berlin, 05.-07. Juli 2024

Am vergangenen Wochenende drehte sich bei Detlef Lichtrauter alles um das Thema Kinderverschickungen. Am Sonntag gab es eine große Theaterpremiere, und am Tag davor wurde eigens ein altehrwürdiges Gebäude gemietet, um mit unserem AKV-Vorsitzenden ein großes Interview für eine ZDF-Langzeit-Doku zu führen. Hier kommen exklusive Einblicke in die Dreharbeiten und in eine sehr gelungene Theaterpremiere.

Detlef Lichtrauter beim Interview im Lesesaal der Humboldt-Universität, Foto: Jule Graser
Das Deutsche Theater im Vordergrund das Klapprad / Foto: Detlef Lichtrauchter

Detlefs Reisebericht

„Ich reise bereits am Freitag an und nutze den Tag, um mit meinem Klappfahrrad Berlin zu erkunden. Sehr früh gehe ich ins Bett, denn am Samstag klingelt der Wecker schon um fünf Uhr morgens. 

Die Humboldt-Universität in Berlin / Foto: D.Lichtrauter
Der Lesesaal / Foto: D.Lichtrauter

Eine halbe Stunde später bin ich schon auf dem Weg zur Humboldt-Universität. Dort findet im Lesesaal ein großes Interview mit der Regisseurin und Filmemacherin Katrin Sikora statt, für eine Langzeit-Doku des ZDF zum Thema Kinderverschickungen.

Aufbau seit 4 Uhr morgens

Die Producerin Jule holt mich ab und führt mich auf eine der Emporen mit beeindruckendem Blick auf den architektonisch fantastischen Lesesaal. Dort erwartete mich unerwartet viel Technik. Ich war schon ein bisschen beeindruckt von dem, was das Filmteam für ein Einzelinterview mit mir alles aufgebaut hat. 

Der Lesesaal der Humboldt-Universität / Foto: D. Lichtrauter
Die Filmemacherin Katrin Sikora / Foto: D.Lichtrauter
Das Kamerateam Foto: J. Graser

Das Fernsehteam, bestehend aus vier Leuten plus Katrin Sikora, der Filmemacherin, ist schon seit vier Uhr mit dem Aufbau beschäftigt. Ich werde kurz mit einem Mikrofon verkabelt, Kamera und Licht werden feinjustiert. Um sechs Uhr dreißig starten wir mit dem Interview.

Ein Magen, der sich nicht an Dreharbeiten hält

Nach einer Stunde müssen wir eine kleine Pause einlegen, weil die Wortmeldungen meines Magen dermaßen laut sind, dass der Toningenieur Pepe sie hören kann. Das geht natürlich nicht. So legen wir notgedrungen eine kleine Zwangspause ein und ich muss ein halbes Brötchen essen. Für alle ehemaligen Verschickungskinder ist Essenszwang ein absolut rotes Tuch. Dass ausgerechnet mein Magen, mich Verschickungskind, in dieser Situation zum Essen zwingt, ist schon ein bisschen skurril.

Nachdem endlich wieder Ruhe eingekehrt ist, setzen wir das Interview fort. Die Fragen, die Katrin mir stellt, sind sehr fachbezogen und zeigen, dass sie wirklich im Thema drin ist. Sie beschäftigt sich schon seit einigen Jahren mit dem Thema Kinderverschickungen. In ihrem engsten Familienkreis befinden sich Betroffene.

Abends treffe ich mich mit Joachim Desens. Wir tauschen uns aus zu den Themen „Runder Tisch“ in Düsseldorf und der Fachtagung in Münster in der vergangenen Woche. Joachim und ich vertreten am Runden Tisch im NRW-Landtag die Betroffenen.

Foto: D. Lichtrauter
Die jungen Darstellerinnen und Darsteller bei der Premiere / Foto: D. Lichtrauter

Große Theaterpremiere am Sonntag

Am Sonntag geht es dann am frühen Nachmittag zum Deutschen Theater. Dort findet die Premiere des Theaterstücks „Am Meer wird es schön sein“ statt. Auch der Regisseur des Stücks Timo Staaks hat von Verschickung betroffeneenge Familienmitglieder.

Auch das Kamerateam war am Sonntag wieder dabei

Foto: J. Graser
Foto: D. Lichtrauter
Sabine Ludwig (re) zusammen mit Detlef Lichtrauter (lii) und den Gewinner:innen unserer Theaterkartenverlosung
Foto: J. Graser

Ich treffe die bekannte Kinderbuchautorin Sabine Ludwig. Ihr Roman „Schwarze Häuser“ ist Ideengeberin des Theaterstücks. Ihr Roman basiert auf den Erfahrungen ihrer eigenen Verschickungen.

Frenetischer Applaus und Tränen

Nach dem Stück sind Sabine Ludwig und ich uns einig: Nach 15 Minuten, die einen erst einmal sanft in das Thema hineinführen, wird die Geschichte sehr dicht und nimmt an Fahrt auf. Die jugendlichen Schauspielerinnen und Schauspieler reißen uns mit. Das ist eine große Leistung, denn man muss bedenken – für diese Jugendlichen ist unsere Geschichte völlig fremd. Die Darstellerinnen und Darsteller begeben sich in eine für sie vollkommen fremde Erlebniswelt – in eine Zeit, die Jahrzehnte zurückliegt. Zum Glück ist diesen jungen Menschen dieser düstere Teil deutscher Geschichte völlig unbekannt. Das machen sie großartig, sehr professionell, empathisch und emotional.

Alle drei Veranstaltungen sind bis auf den letzten Platz ausverkauft. Der Theatersaal dürfte gut und gerne doppelt oder dreimal so groß sein. Am Ende gibt es frenetischen Applaus und bei dem einen oder der anderen Betroffenen auch Tränen.“

Bewegende Szenen, nicht nur für Verschickungskinder / Foto: D. Lichtrauter

Hintergrundinformationen zur der ZDF-Doku und dem Theaterstück

SCHWARZE HÄUSER (AT) von Regisseurin Katrin Sikora wird in Zusammenarbeit mit der Produktionsfirma TONDOWSKI FILM realisiert und von ZDF KLEINES FERNSEHSPIEL gefördert.

Der 90-minütige Dokumentarfilm stellt, ausgehend von den Geschehnissen während der so genannten Kinderverschickungen zwischen 1950 und 1990 die Frage, wo heute noch vergleichbare Strukturen den Nährboden für gewaltsamen Umgang mit Kindern bieten.  

Die Länge und das Budget des Projektes lassen es erstmals zu, tiefer in die Thematik einzusteigen und sich auch mit den Zusammenhängen und Auswirkungen in unserer heutigen Gesellschaft auseinander zu setzen.

Es finden zahlreiche Stimmen ehemaliger Verschickungskinder Gehör. Ihre teils anonymen Schilderungen bebildern, wie viele Kinder über so viele Jahre, in ganz Deutschland, unter dem System Verschickung leiden mussten. Außerdem begleitet der Film das Jugendensemble des Deutschen Theaters bei der Realisierung eines Theaterstücks zum Thema Verschickung. Die jugendlichen Theaterakteur*innen erhalten ihrerseits Unterstützung von ehemaligen Verschickungskindern, die ihnen als Zeitzeug*innen zur Seite stehen. 

Die Mutter der Regisseurin ist selbst Verschickungskind, weshalb sie mit diesem sehr persönlichen Projekt auch die eigene Familiengeschichte verarbeitet. Die Dokumentation wird 2025 im ZDF gesendet werden.

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