Treffen in Bonn-Oberkassel - Als wäre es gestern gewesen

Nach mehr als vier Jahrzehnten treffen sich erstmals Betroffene, die als Kinder nach Oberkassel verschickt worden waren, vor Ort.

Von Birgit Amrehn

Der Bahnhof Bonn-Oberkassel liegt im gleißenden Licht der Mittagssonne. Hier sind damals die meisten Kinder angekommen, bevor sie in die Verschickungsheime „Haus Ebton“ und „Haus Bernward“  gebracht wurden. Auch heute ist der Bahnhof unser Treffpunkt. Detlef Lichtrauter, erster Vorsitzender des Vereins „Aufarbeitung Kinderverschickungen – NRW“ und Heimortkoordinator, hat Betroffene eingeladen, die ehemals nach Oberkassel verschickt worden waren. Mit ihm sind sechs gekommen. Auf dem Programm steht zunächst eine Führung zur Stadtgeschichte durch den dort ansässigen Heimatverein.

© B. Amrehn/CSP-KV-NRW

Unsere zwei Stadtführer Peter Bürkner (links) und Sebastian Freistedt (rechts)

Dabei werden wir auch die zwei ehemaligen Kindersanatorien Haus Ebton und Haus Bernward von außen besichtigen können.

Was wird der Tag bringen?

Wir stehen am Anfang etwas verloren unter dem bisschen Schatten, den uns der Bahnhofsplatz bietet. Deutlich ist die Unsicherheit zu spüren, was dieser Tag wohl an Erinnerungen und Gefühlen hervorbringen wird. Auch ich bin nervös. Wie werden die Betroffenen reagieren, wenn sie erfahren, dass ich nicht eine von ihnen bin? Mir blieb als Kind das Schicksal einer Verschickung zum Glück erspart. Da ich für das Büro „Citizen Science Projekt – Kinderverschickungen – NRW“ (CSP-KV-NRW) arbeite, bin ich sehr an dem Treffen interessiert. Aber werde ich stören? Ich hätte mir keine Sorgen machen müssen. Die Begrüßung ist herzlich und ich bin mit allen Betroffenen sofort per Du.

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© B. Amrehn/CSP-KV-NRW

Noch stehen wir etwas verloren herum

Erinnerung, wie durch einen Nebel

Die Führung beginnt und ich laufe ein Stück des Weges neben Merit. Bei ihr sind die meisten Erinnerungen an ihre Verschickung verschüttet. Nur noch schemenhaft kann sie sich an eine Handvoll Ereignisse erinnern: an das schlechte Essen, daran, einmal geschlagen worden zu sein. Doch wenn sie nur den Namen „Oberkassel“ hört, bricht bei ihr ein Gefühlschaos aus. Heute ist sie hier, um dem nachzugehen. Sie hofft, weitere Erinnerungen wachzurufen zu können.

Die Vergangenheit wird real

Anderen fällt das Erinnern leichter. An fast jeder Ecke taucht die Vergangenheit auf. „Hier sind wir immer auf unseren Spaziergängen entlanggelaufen“. „An die Mauer kann ich mich erinnern“. Die WDR-Lokalzeit begleitet unsere Gruppe und fängt diese Momente ein.

 Am ehemaligen Haus Ebton angekommen, fällt es Barbara zunächst schwer, sich zu orientieren. Alles sieht anders aus. Das Gebäude beherbergt heute ein Altenheim für demente Menschen. Gerade wird angebaut. Der halbe Park ist gerodet und eine kahle Einöde hat für einen Neubau Platz gemacht. Barbara war 1955 zunächst im Haus Epton untergebracht. Nach dessen Schließung zog sie in das Haus Bernward um. Sie kam für 8 Wochen Kindererholung und musste 8 Monate bleiben. Ein Albtraum. Ich helfe Barbara den alten Eingang zum Haus zu finden.

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Barbara sucht den Eingang von damals

Plötzlich zeigt sie auf ein Fenster im Erdgeschoss. Dort sei ihr Schlafsaal gewesen. Sie erinnert sich, dass man ihr nur wenig zu trinken gab und sie ständig Durst hatte. Am Fenster bildete sich Kondenswasser und sammelte sich in einer Rinne am Holzrahmen. „Nachts habe ich mich heimlich dorthin geschlichen und die Pfütze aufgesaugt“, erzählt sie mit leiser Stimme.

Immer mehr Erinnerungen brechen sich bei Barbara Bahn: Wie sie bereits am ersten Tag mit ihren eigenen Pantoffeln verprügelt wurde. Wie eine Pflegerin ihr sagte, dass ihre Eltern sie nicht mehr haben wollten, weil sie so frech wäre. Wie wütend der leitende Arzt Dr. Otto Müller war, als sich Barbaras Vater beschwerte. Müller drohte ihr, sie ins Heim zu stecken, sollte sie weitere Geschichten erzählen. Vor lauter Angst schwieg Barbara seitdem.

Heute will Barbara nicht mehr schweigen - im Interview mit dem WDR
© B. Amrehn/CSP-KV-NRW

Heute will Barbara nicht mehr schweigen – im Interview mit dem WDR

Ein Ort des Schreckens

Wir gehen weiter und gelangen schließlich zum Haus Bernward. Hier unterhalte ich mich mit Alf. Er war insgesamt drei Mal verschickt worden. Darunter auch an diesen Ort. Alle Verschickungen erlebte er als traumatisch. Den Wust an Erinnerungen kann er oft nicht mehr einem konkreten Verschickungsheim zuordnen. Doch eine Erinnerung an Haus Bernward ist noch ganz wach: Als er auf die Eingangsuntersuchung bei dem leitenden Arzt Dr. Müller wartete, berichteten ihm andere Jungen aufgeregt, dass Müller Fotos von ihren Geschlechtsteilen gemacht hätte. „Damals dachte ich mir, dass das wohl zu einer ärztlichen Untersuchung dazugehören wird. Heute weiß ich, dass dem nicht so ist, zumal ich gar keine urologischen Probleme hatte.“

Alf dokumentiert für sich, wie das Haus Bernward heute aussieht
© B. Amrehn/CSP-KV-NRW

Alf dokumentiert für sich, wie das Haus Bernward heute aussieht

Auch der Großneffe der ehemaligen Besitzerin der zwei Kinderkurheime nimmt an der Führung teil. Er bestätigt mir, was ich bislang immer nur vom Hörensagen kannte: 1976 war er nach der Schließung von Haus Bernward in den ehemaligen privaten Räumen von Dr. Otto Müller. Dort fand er eine Anzahl kinderpornographischer Fotos. Damals sicherte er die Fotos nicht. Ein Fehler, den er noch heute bereut. Mit klopfenden Herzen frage ich nach, ob er zu einem anderen Zeitpunkt seine Aussage für unser Citizen Science Projekt dokumentieren würde. Er sagt zu. In absehbarer Zeit werden wir sein Zeugnis auf dieser Website veröffentlichen können.

Hartnäckig verschüttet

Die Stadtführung ist inzwischen am alten Rathaus von Oberkassel angekommen. Merit nutzt den Stopp und setzt sich erschöpft auf eine benachbarte Wiese in den Schatten. Ich frage sie, ob sie sich inzwischen an mehr erinnern kann. „Nein, aber die Erzählungen der anderen haben meine wenigen Erinnerungen bestärkt. Ich werde mich weiter mit meiner Verschickung nach Oberkassel beschäftigen,“ antwortet sie zuversichtlich.

„Wir haben davon nichts mitbekommen“

Unsere Führung findet ihr Ende im Schützenhaus des „Tambourcorps Grün-Weiß 1950 Bonn-Oberkassel e.V.“. Der Saal ist herrlich kühl und wir stürzen uns alle auf die bereitgestellten kalten Getränke. Gleich soll Detlef Lichtrauters Vortrag über die Kinderverschickung nach Oberkassel stattfinden. Viele Einheimische mischen sich neugierig unter die Betroffenen. Sie sind gekommen, um den Vortrag zu hören. Aus Gesprächen schließe ich schnell, dass sie mehr aus allgemeinem Interesse an ihrer Heimat gekommen sind. Über das Schicksal der Verschickungskinder in ihrem Ort scheinen sie noch nichts zu wissen.

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Auch viele Oberkassler sind zum Vortrag gekommen

2 Oberkasslerinnen berichten

Zwei Einwohnerinnen berichten über ihre Wahrnehmung der Einrichtung und ihre positiven Erfahrungen mit Dr. Müller im Interview mit Birgit Amrehn.

Der Bahnhof Bonn-Oberkassel liegt im gleißenden Licht der Mittagssonne. Hier sind damals die meisten Kinder angekommen, bevor sie in die Verschickungsheime „Haus Ebton“ und „Haus Bernward“  gebracht wurden. Auch heute ist der Bahnhof unser Treffpunkt. Detlef Lichtrauter, erster Vorsitzender des Vereins „Aufarbeitung Kinderverschickungen – NRW“ und Heimortkoordinator, hat Betroffene eingeladen, die ehemals nach Oberkassel verschickt worden waren. Mit ihm sind sechs gekommen. Auf dem Programm steht zunächst eine Führung zur Stadtgeschichte durch den dort ansässigen Heimatverein.


In seinem Vortrag berichtet Detlef über seine eigenen traumatischen Erlebnisse im Haus Bernward. Und er fasst zusammen, was die Bürgerforschung des Vereins „Aufarbeitung Kinderverschickungen – NRW“ bislang herausgefunden hat: Brutale Gewalt gegen die Kinder, sinnlose, schmerzhafte Spritzen in Rücken und Po, Medikamentenmissbrauch, lebhafte Kinder wurden anästhesiert. Die Liste der Gräueltaten ist lang und von den Oberkasslern ist immer wieder entsetztes Raunen zu hören. Jetzt ist klar: Was damals in den Häusern geschah, ist nicht nach außen gedrungen oder hat sich zumindest nicht überliefert.

Doch die Oberkasseler scheuen ihre Stadtgeschichte nicht. Immer wieder fragen sie nach, wollen es genauer wissen. Die letzte Frage eines Anwohners lautet, was Detlef mit seinem Vortrag und der Aufarbeitung der Geschichte erreichen will. Detlef antwortet: „Ich will die Verschickungen aufarbeiten, denn nur dadurch können wir sicherstellen, dass so etwas nie wieder vorkommt.“