26757 Borkum, 1963

Diese 6 Wochen haben sich in meinem Leben eingebrannt.

Von I.P.
im Frühjahr 1963 wurde ich als 8jährige für 6 Wochen zur Kur geschickt. Das Gesundheitsamt
der Stadt Essen hatte meinen Eltern das Haus Ruhreck auf Borkum empfohlen, da ich ein
„schlechter Esser“ war und man meinte, ich sei zu dünn.
Dort angekommen war der erste Abend für mich schon der Horror. Ich habe schon als Kind
weder Wurst noch Fleisch gegessen, mein Vater meinte noch beim Abschied, ich muss das auch
im Kinderheim nicht essen.
Aber an diesem ersten Abend wurde ich vor allen anderen Kindern bloß gestellt. Ich musste
weinend die Butterbrote mit Salami essen. Man zwang mich einfach dazu. 6 Wochen lang wurde
ich gezwungen Wurst und Fleisch zu essen. Mir wurde mit Stubenarrest und Isolation gedroht.
Für mich war es der reinste Ekel, ich esse auch heute noch keine Wurst.
Waren Kinder in der Gruppe nicht folgsam, musste die ganze Gruppe darunter leiden. Zum
Beispiel: Arrest in Hemd und Hose in den Waschräumen, Ausschluss von
kinderheiminternen Feiern, wie Bergfest nach der Hälfte der Zeit. Der Zaubererabend usw.
Verunreinigte Kleidung musste weiterhin angezogen werden.
Postkarten nach Hause wurden zensiert.
An diesen Aufenthalt im Haus Ruhreck denke ich auch heute nach 57 Jahren mit Schrecken.
Diese 6 Wochen haben sich in meinem Leben eingebrannt. Ich hatte mir damals mit 8 Jahren
schon geschworen, wenn du mal Kinder hast, schickst du sie niemals zur „Erholung“.
Die Tanten im Haus Ruhreck, die meine Gruppe betreuten, hießen Tante U. und Tante B.
Viele Grüße
Anonymisierungs-ID: aci