Anmerkungen der Borkum-Austauschgruppe zum Adolfinenheim
Das Adolfinenheim war mit seinen 250 Betten das zweitgrößte Kinderkurheim auf Borkum, ist durch seine lange Existenz – von 1921 bis 1996 – das Heim mit der längsten Geschichte auf Borkum. Dazu schreibt Regina Konstantinids von der Borkum-Austauschgrupppe:
„Es gibt eine umfangreiche Aktenlage im Pfarrbüro Borkum als auch in den niedersächsischen Kirchen- und Landesarchiven wie Hannover. Es gibt daher inzwischen auch viele Dokumentationen und Studien zum Adolfinenheim. Neben Geschäftsberichten, Finanzierungen und Kosten der Kuren tauchen auch Befundberichte zu den Betroffenen auf. Besonders interessant sind auch die in der Dokumentation der Diakonie von 2021, die Auflistungen der Entsendestellen von 1957-1987, aus denen detailliert hervorgeht, woher wieviele Kinder jeweils kamen. Diese Liste ist besonders für die Heimsuche von Betroffenen von großer Bedeutung, die zwar wissen, dass sie nach Borkum verschickt waren, aber oft nicht wissen, in welches Heim.
Es verwundert auch nicht, dass eine sehr hohe Anzahl der Borkum-Verschickten – auch innerhalb unserer Borkumaustauschgruppe – dort waren und es zahlreiche Betroffenenberichte gibt. Allein zwei der drei Heimortkoordinator:innen erlebten ihre Kur in diesem Heim.“
Bei Fragen, schreibt bitte an borkum@verschickungsheime.de
Ein Heim in kirchlicher Trägerschaft
Das Adolfinenheim auf Borkum wurde vom Diakonissen-Mutterhaus in Bremen geleitet. Das Heim war in der Trägerschaft des Vereins Adolfinenheim e.V. Ab 1951 leitete Diakonisse Lubbina Ostendörp („Schwester Bini“) die Einrichtung über mehr als zwei Jahrzehnte. Seit Ende der 1960er Jahre ist ein zunehmender Mangel an Diakonissen dokumentiert.1
Beim Evangelischen Diakonissen-Mutterhaus in Bremen handelt es sich um eine evangelische Gemeinschaft von Schwestern, die ihr Leben am christlichen Glauben ausrichten. Im Mittelpunkt stehen der Dienst am Nächsten, das gemeinsame Gebet und das Leben in einer festen Gemeinschaft. Leitgedanke ist der Bibelvers „Dienet dem Herrn mit Freuden“ (Psalm 100,2).
Im Unterschied zu katholischen Orden legen die Bremer Diakonissen keine Ordensgelübde ab. Bei ihrer Einsegnung versprechen sie jedoch, sich an die Regeln von Kirche und Mutterhaus zu halten und ihre Aufgaben zuverlässig zu erfüllen. Die christlichen Grundsätze des Mutterhauses bildeten auch die Grundlage der Arbeit im Adolfinenheim.
Das Diakonissen-Mutterhaus war für die Pflege verantwortlich, leiteten den Kurbetrieb und stellten die Heimleitung. Träger war der Verein Adolfineneheim e.V. (Dazu mehr in diesem Abschnitt: Archivhinweise / Warum gibt es Akten einer niedersächsischen Insel in Bremen?)
1 Gerda Engelbracht / Achim Tischler: Zwischen Erholung und Zwang. Kinderverschickungen in das Adolfinenheim 1921–1996, Bremen: Kellner Verlag, 2023
Momente von Scham, Ausgeschlossen-Sein und Heimweh
In diese Zeit fällt auch der folgende Bericht von Regina B. Sechs Wochen im Sommer 1970 – vom 26. Mai bis 9. Juli – musste sie als sechsjähriges Kind im Adolfinenheim auf Borkum verbringen. Was als Erholung gedacht war, ist ihr bis heute in einzelnen, scharf umrissenen Bildern in Erinnerung geblieben: Momente von Scham, Ausgeschlossen-Sein und Heimweh.
Der Aufenthalt von Regina B. fällt genau in jene Zeit, in der ein zunehmender Personalmangel für das Adolfinenheim dokumentiert ist.
Zeitzeugenbericht von Regina B.
„Im August 2025 begann ich, unter den größten Stein meines Lebens zu schauen. Einer davon liegt in meiner Kindheit: Ich war sechs Jahre alt, als ich zur „Verschickung“ nach Borkum ins Adolfinenheim kam. Man sagte meiner Mutter, ich sei zu dünn und zu blass. Sechs Wochen sollte ich dort bleiben.
An die Zugfahrt erinnere ich mich noch: der Waggon voller fremder Kinder, ich zum ersten Mal allein von meiner Mutter weg – und das einzige, was mich tröstete, war die Vorstellung, das Meer zu sehen und darin schwimmen zu dürfen. Doch nichts davon erfüllte sich.
Die Demütigung am Strand
Kurz nach der Ankunft passierte etwas, an das ich mich bis heute erinnere:
Ich durfte meinen neuen Bikini nicht anziehen. Nicht einmal meinen Badeanzug.
Stattdessen musste ich – ein fast siebenjähriges Mädchen – nur mit einer Unterhose und einem Kopftuch bekleidet durch das Dorf marschieren, in einer Kindergruppe im Gleichschritt.
Ich weiß noch genau, wie ich den Blick senkte, meine Unterhose sah und vor Scham fast erstarrte.
Diese Demütigung wiederholte sich immer wieder.
Während die anderen Kinder im Schwimmbad schwimmen durften, hieß es für mich: „Du darfst wegen Schnupfen nicht mit.“ Ich liebte Wasser – und wurde davon ausgeschlossen.
Der Speisesaal – Angst, Ekel, Beschämung
Ein weiteres Bild ist bis heute messerscharf: der Geruch einer ekelhaften Suppe mit aufgequollenen Rosinen. Schon ihr Geruch machte mir Angst, weil ich wusste, dass ich „aufessen“ musste.
Einmal schrie eine Aufsichtsperson quer durch den Saal:
„Ey, guck mich mal an!“ Sie meinte mich und ich hob ängstlich den Kopf, um sie anzuschauen..
Nach kurzer Zeit sagte sie zu mir:
„Hey Schwatte, was guckst du mich so an?“
Ich war wie gelähmt. Ich wusste nicht, was ich falsch gemacht hatte.
Heute ist mir klar: Es war reine Schikane.
Die stummen Stunden des Mittagsschlafs
Die Schlafenszeiten waren unerträglich. Ich brauchte keinen Mittagsschlaf mehr – musste aber stundenlang still liegen. Wach. Voller Heimweh, Angst, ohne Trost, ohne Hoffnung.
Das Schweigen – und die Angst um meine Mutter
Was mich am tiefsten verletzte:
Ich hörte wochenlang nichts von meiner Mutter.
Sie hatte versprochen, mir jede Woche zu schreiben.
So wuchs in mir die Angst, ihr müsse etwas passiert sein.
Kurz vor der Rückreise wurde mir ein Brief von ihr vorgelesen – ich konnte noch nicht schreiben. Dann kam ich nach Hause und wollte alles nur vergessen. Ich erzählte meiner Mutter die wichtigsten Dinge, aber wir haben es nie besprochen, nie verarbeitet.
Der Fund im Keller – und die Wahrheit
Als ich mich Jahrzehnte später wieder mit Borkum beschäftigte, suchte ich im Keller nach alten Kisten. Dort fand ich eine kleine Schatzkiste:
Meine Mutter hatte alle meine Briefe und Karten aufgehoben – sowohl die vorgeschriebenen Briefe, die ich ihr schicken musste, als auch alle Briefe, die sie mir schrieb.
Ich sah schwarz auf weiß:
Sie hat mir mehrfach die Woche geschrieben.
Liebevoll. Fürsorglich. Voller Wärme.
Doch ich hatte nichts davon erhalten.
Und sie ahnte nie, dass ich in diesen sechs Wochen beschämt, gedemütigt, verängstigt, möglicherweise mit Medikamenten ruhiggestellt wurde.
Erinnerungsnebel und der Austausch mit anderen
Erst dieses Jahr erfuhr ich, dass viele Menschen Ähnliches erlebt haben. Ich dachte immer, es sei nur mir passiert.
Bei einem Zoom-Treffen fiel mir eines auf:
Ich erinnere mich an keine Gesichter.
Nicht an Kinder. Nicht an „Tanten“. Nicht an Diakonissen oder Ärzte.
Nichts.
Ich weiß nur noch: Ich sah ständig auf den Boden.
Es ist, als wäre ein dichter Nebel über dieser Zeit.
Nur wenige Szenen – die schmerzhaftesten – sind glasklar.
Andere Betroffene berichteten das Gleiche:
Nebel. Lücken. Keine Gesichter. Keine zeitliche Orientierung.
Ähnliche Worte, ähnliche Beschreibung.
In einigen historischen Berichten über verschiedene Verschickungsheime wird beschrieben, dass Kindern damals gelegentlich Medikamente gegeben wurden – teils zur Beruhigung, teils zur Behandlung von Beschwerden. Für meinen Heimjahrgang 1970 im Adolfinenheim habe ich hierzu keine gesicherte Information.
Ich stelle mir immer wieder die Frage: Ist dieser Nebel ist normal?
Könnte er dadurch entstanden sein, dass Kindern Medikamente zur Ruhigstellung gegeben wurden – ohne Wissen und ohne Einverständnis der Eltern?
Ist es nicht unnatürlich, dass aus sechs Wochen fast keine Erinnerung bleibt – außer Angst, Scham, Schatten und Nebel?
Was ich sagen kann, ist nur Folgendes:
Die Erinnerungslücken fühlen sich für mich ungewöhnlich groß an. Das ist mein persönlicher Eindruck, keine Tatsachenbehauptung und keine Unterstellung gegenüber Personen oder Einrichtungen.“
- Wer aus seine Erfahrungen mit uns teilen möchte, kann das gerne per E-Mail tun unter Projekt@akv-nrw.de Stichwort: Adolfinenheim oder einen anonymen Zeitzeugenbericht schreiben. Hier ist der Link.
- Auch das im Juli 2025 eingeweihte Denkmal geht auf die Initiative eines ehemaligen Verschickungskindes aus NRW zurück, das im Adolfinenheim war. Hier erfahrt ihr mehr dazu.
Die Beschwerdebriefe der Praktikantinnen
Mit dem wachsenden gesellschaftlichen Druck auf die Heimerziehung seit Ende der 1960er Jahre nahm die Kritik an den pädagogischen Standards zu. Dies wird besonders deutlich an einem Beschwerdebrief dreier Praktikantinnen aus dem Jahr 1972, der laut Archivunterlagen des Mutterhauses sowohl an das Landesjugendamt in Oldenburg, an die Heimaufsicht des Regierungspräsidiums in Aurich als auch an den Evangelischen Landesverband in Hannover geschickt wurde. Die Praktikantinnen berichteten darin von unzureichender personeller Ausstattung, räumlichen Problemen und als schikanös empfundenen erzieherischen Maßnahmen, darunter Zwang zum Essen, rigide Strafen bei unerwünschtem Verhalten und ein grober Umgangston. Außerdem beanstandeten sie den hohen Anteil nicht oder nur unzureichend ausgebildeten Personals. Der Vorstand reagierte darauf heftig und warf den jungen Frauen laut seiner schriftlichen Stellungnahme „Ignoranz, Böswilligkeit und Überheblichkeit“ vor. Zugleich räumte er jedoch in derselben Stellungnahme ein, dass es pädagogische Probleme gebe, die „manchmal nur schwer zu lösen“ seien, und benannte als Gründe sowohl Personalmangel als auch eine zunehmend schwierige Klientel von Kindern mit erheblichem Erziehungsbedarf. Eine spätere Analyse dieser Beschwerde durch Anja Röhl kommt zu dem Schluss, dass die Verantwortlichen zwar um belastende Bedingungen für Kinder gewusst hätten, Veränderungen aber aus Sorge um den Ruf und den Bestand der Einrichtung ausgeblieben seien.
Die überlieferten Beschwerdebriefe machen deutlich, dass Kritik nicht erst Jahrzehnte später formuliert wurde, sondern bereits während des laufenden Betriebs des Heims geäußert wurde. Sie sind deshalb bedeutsam, weil sie belegen, dass Kritik am Umgang mit Kindern und an strukturellen Rahmenbedingungen bereits intern thematisiert wurde – nicht erst im Rückblick vieler Jahre.
Marcel Oeben ‚Praktikumsbericht als Quellen zu Verschickungsheimen und Kinderheimen – ein Schulbestand im Stadtarchiv Lemgo‘ / erschienen in ‚Westfälische Forschungen 73/2023‘
50 Jahre später: Gespräch mit einer ehemaligen Praktikantin des Adolfinenheims
von Regina Konstantinids aus der Borkum-Austauschgruppe und der NRW-Community
Gespräch mit der ehemaligen Praktikantin H. V., heute F., an der Wohnungstür Anfang 2022:
Dauer des Gesprächs: 10 Minuten
„Ich klingelte bei F., da dieser Name damals ebenfalls als Absenderin des Beschwerdebriefes auftauchte und eine kleine, zierliche ältere Dame öffnete mir.
Ich stellte mich und mein Anliegen kurz vor, meinen verfassten Anfragebrief in der Hand. Ich fragte sie, ob sie eine ehemalige Praktikantin aus dem Adolfinenheim sei, die zusammen mit zwei weiteren 1972 einen Beschwerdebrief über die Missstände im Heim verfasst und an das Diakonissenmutterhaus nach Bremen geschickt habe. Sie bejahte, wurde etwas blass und dann schossen ihr Tränen in die Augen. Sie berichtet, dass sie das Geschehene bis heute traurig mache, wie man dort mit den Kindern (und auch mit ihr) umgegangen sei, sie auch nichts davon vergessen habe. Ihre beiden Kolleginnen (eine davon ist heute ihre Schwägerin) wollten aber nicht mehr darüber reden…deshalb glaubt sie auch nicht, dass diese mit mir oder anderen heute darüber reden werden. Sie habe das Thema aber immer wieder beschäftigt, und jetzt, wo ich nach 50 Jahren als ehemaliges Verschickungskind zu ihr komme, macht es sie besonders traurig, damals nichts erreicht zu haben. Sie weint ausgiebig und ich drücke sie leicht. Ich lasse ihr Zeit und merke, dass ich jetzt nichts weiter dazu fragen sollte, außer, ob sie vielleicht ein anderes Mal im Rahmen der Aufarbeitung ein richtiges Interview, auf das sie dann auch vorbereitet würde, mitmachen würde. Nein, sie könne das nicht, sie sei auch krank und würde gerne damit abschließen.
Sie bedankte sich aber für das Gespräch und wünschte uns bei der Aufarbeitung der Kinderverschickungen viel Glück – dies kam von Herzen.
Dieses Gespräch hat mich zutiefst berührt, und ich bin froh, dass ich den Mut aufbrachte, einfach zu klingeln, anstatt meinen Brief einzuwerfen.“
Archivhinweise
Die Praktikantinnenberichte
Vorwort zum Bestand T07 Praktika Höhere Töchternschule – Marianne-Weber-Gymnasium
Der Bestand enthält 812 Praktikumsberichte in 151 Verzeichnungseinheiten von etwa 16jährigen Schülerinnen des Marianne-Weber-Gymnasiums (Obersekunda bzw. Jahrgang 11), v. a. aus den 1950er und 1960er Jahren, vereinzelt auch aus der Zeit von 1937 – 1945. Die Berichte sind teilweise durch Fotoaufnahmen, Zeichnungen und Bilder ergänzt. Die Einsatzorte während der Praktika waren v.a. Kindergärten, Krankenhäuser (Kinder- und Säuglingsstationen), Kinderheime, Kindererholungsheime (v.a. an der Nordsee), kommunale Fürsorgestellen und Gesundheitsämter, insgesamt also der soziale Bereich, darunter auch Durchgangs- und Aufnahmelager für „Ausländer“ bzw. Flüchtlinge aus der DDR. Die Berichte sind handschriftlich verfasst und mit Korrekturen der Lehrkräfte versehen, in vielen Fällen liegen auch noch die Praktikumszeugnisse bei.
Die Berichte wurden im Stadtarchiv nach geographischen Gesichtspunkten (Bundesländer bzw. Kommunen in den heutigen Gebietsgrenzen) gegliedert und verzeichnet. Die Verzeichnungseinheiten umfassen zumeist mehrere Berichte. Die Namen der Praktikantinnen und der Beschäftigten bei den Einsatzstellen der Praktikantinnen wurden bei der Erschließung, auch aus Gründen des Datenschutzes, nicht berücksichtigt.
Nutzung
Die Berichte können im Lesesaal des Stadtarchivs eingesehen werden. Personenbezogene Schutzfristen wurden nicht vergeben. Die in den Berichten vorgestellten und in ihrem Verhalten geschilderten Kinder und Jugendliche werden nur mit Vornamen bezeichnet. Da es sich um unveröffentlichte Werke handelt, sind die Rechte der Urheber(innen) zu berücksichtigen. Bei den Fotoaufnahmen im Bestand ist zudem das Recht am eigenen Bild zu beachten. Reproduktionen der Berichte sind nur für den privaten, wissenschaftlichen Gebrauch zulässig. Eine Veröffentlichung der Texte oder wortwörtliche Zitierung sind nicht zulässig.
Staatsarchiv Bremen
- Weitere Akten zum Adolfinenheim gibt es im Staatsarchiv Bremen im Bestand “Senator für Gesundheit”, StAB 4.123/1, 416-421.
- Die ehemalige ehrenamtliche Landeskoordinatorin Birgit Lübben nahm im Staatsarchiv Bremen Einsicht in entsprechende Archivunterlagen. Weitere Infos dazu bekommt ihr von der Borkum-Austauschgruppe unter borkum@verschickungsheime.de
Warum gibt es Akten einer niedersächsischen Insel in Bremen?
Das Adolfinenheim auf Borkum wurde um 1921 als Kinderkurheim eröffnet. Der formale Träger war der Verein Adolfinenheim e.V., der am 24. April 1923 im Vereinsregister eingetragen wurde. Die Satzung des Vereins regelte, dass ein Verwaltungsausschuss eingerichtet werden musste, der laut §10 der Satzung aus Vertretern der politischen Gemeinde sowie der beiden evangelischen Kirchengemeinden auf Borkum und der Oberin des Heims bestand. Der Trägerverein war für die rechtliche Trägerschaft, die Verwaltung, den Personaleinsatz und die Finanzierung verantwortlich.
Die Satzung des Vereins aus dem Jahr 1955 wird in der Dokumentation von Kleinschmidt und Schweig ausführlich dargestellt, nachzulesen hier. Besonders § 4 zur Mitgliedschaft zeigt die breite institutionelle Absicherung des Trägervereins und verdeutlicht zugleich den starken Bezug zur Stadt Bremen. Dies könnte erklären, warum sich einschlägige Archivbestände im Staatsarchiv Bremen befinden, während sie im Niedersächsischen Landesarchiv Hannover fehlen.
Laut Satzung bestand der Verein aus sogenannten „Stiftern“ und Einzelmitgliedern. Als Stifter galten:
die Nachkommen des Herrn A. C. M. aus Samarang (Java), vertreten durch einen Bevollmächtigten,
die evangelisch-reformierte Gemeinde in Borkum,
die evangelisch-lutherische Gemeinde in Borkum,
das Land Niedersachsen (vertreten durch den zuständigen Gesundheitsminister),
die Hauptfürsorgestelle Bremen,
die Sammlung für Säuglingsschutz und Kleinkinderpflege (vertreten durch das bremische Gesundheitswesen),
die Bremer Volkshilfe als Nachfolgerin der Kinderhilfe in Bremen,
der Zentralausschuss für Innere Mission,
der Landesverband für Innere Mission in Hannover,
die politische Gemeinde Borkum.
Die Gemeinde Borkum behielt ihren Status als Stifterin nur unter der Voraussetzung, dass sie das Adolfinenheim weiterhin unterstützte, insbesondere durch ermäßigte Preise für Bäder und Kurtaxe sowie durch die Bereitstellung eines Aufenthaltsgebäudes am Strand.
Die Stifter waren zugleich Mitglieder des Vorstands und verfügten sowohl in der Mitgliederversammlung als auch im Vorstand jeweils über fünf Stimmen.
Wichtige Archivhinweise zu Adolfinenheim-Recherchen
Dr. Rüdiger Kröger, Archivar des Landeskirchlichen Archivs Hannover, erläutert in folgendem Beitrag die Entstehung und Überlieferung von Akten zu Kinderkurheimen am Beispiel des Adolfinenheims auf Borkum. Er beschreibt die rechtlichen und organisatorischen Rahmenbedingungen kirchlicher Einrichtungen und erklärt, weshalb Überlieferungslücken entstehen können. Zudem gibt er Hinweise zu möglichen Recherchewegen in verschiedenen Archiven.
Ein wichtiges Buch zur Aufarbeitung des Adolfinenheims
Das Adolfinenheim zählt zu den vergleichsweise wenigen Verschickungsheimen, zu denen eine eigenständige wissenschaftliche Monografie vorliegt. Mit dem Buch „Zwischen Erholung und Zwang – Kinderverschickungen in das Adolfinenheim 1921–1996“ von Gerda Engelbracht und Achim Tischler liegt eine eigenständige wissenschaftliche Untersuchung vor. Damit gehört das Adolfinenheim zu den Einrichtungen, die monografisch aufgearbeitet und auf Grundlage von Archivquellen sowie Zeitzeugenberichten untersucht wurden.
Chronologische Zeitleiste Adolfinenheim
(1950–1985)
Quelle: Engelbracht/Tischler 2023
Leitung des Adolfinenheims durch Diakonisse Lubbina Ostendörp („Schwester Bini“)
Leitung des Adolfinenheims durch Diakonisse Lubbina Ostendörp („Schwester Bini“)
Dokumentierte starke Abhängigkeit von Verbands- und Kinderpflegerinnen
Zunehmender Mangel an Diakonissen im Mutterhaus Bremen
Ausscheiden von Schwester Bini nach über zwanzig Jahren Leitung
Vorstand stellt fest, dass nicht mehr ausreichend Diakonissen entsendet werden können
Empfehlung: Einsatz „freier Schwestern oder ziviler Kräfte“
Beschwerdebrief von drei Praktikantinnen an Heimaufsichten und Evangelischen Landesverband
Beschluss eines Neubaus mit Ziel einer pädagogischen Neuorientierung (kleinere Gruppen, modernere Struktur)
Erstmals übernimmt mit Sozialpädagoge Wilhelm Schenkel ein „Zivilist“ die Heimleitung
Schließung

Um das Jahr 1921 wurde das Adolfinenheim als Kinderkureinrichtung eröffnet
Weitere Zeitzeugenberichte
Wer ebenfalls im Adolfinenheim war und seine Erfahrungen in Form eines (anonymen) Zeitzeugenberichts teilen möchte, ist herzlich eingeladen, diesen per E-Mail an uns zu schicken:
projekt@akv-nrw.de Stichwort: Adolfinenheim
Oder nutzt unser anonymes Zeitzeugenportal unter https://diakonie.canto.global/v/JLPUBQQO4E/album/O1REU?viewIndex=0
Redaktion: Michaela Stricker