Hier ein Nachbau des Teddys aus Ton, in ziemlich desolatem Zustand.
Sinnbildlich für die verletzte Kinderseele. Quelle: Inge L.
Die Idee
Ich bin 1972, mit noch sieben Jahren, für die üblichen sechs Wochen nach Karlshafen (heute Bad Karlshafen) verschickt worden.
Schon mein ganzes Erwachsenenleben lang war und ist mir bewusst, dass das keine einfache Zeit für mich gewesen ist. Eine Zeit, die mich vielleicht mehr als jede andere in meinem Leben geprägt hat.
Immer wieder hat es Phasen gegeben, in denen mich die Angst fest im Griff hatte, und ich führe das (zumindest zu einem großen Teil) darauf zurück, dass mir als Verschickungskind ein gerütteltes Maß an Urvertrauen abhanden gekommen ist. Auch ich habe während der Verschickung, wie so viele andere, Essenszwang, körperliche Züchtigung und Zensur erlebt. Hatte Heimweh bis unter die Hutschnur und darüber hinaus.
Zu allem Übel musste ich die ersten Tage ohne meinen heißgeliebten Teddy auskommen, der bei all dem Trubel, am Morgen der Abfahrt vom Hauptbahnhof aus, zu Hause liegengeblieben war. Das war schlimm. Mutterseelenallein und dann auch noch ohne den Teddy. Zum Glück kam der nach einigen Tagen in einem Päckchen mit Brief von Mutti mit der Post.
Seit ich erwachsen bin, hege ich den Gedanken noch einmal an den Ort des Geschehens zurückkehren, um meinen Erfahrungen aus der „Kinderkur“ nachzuspüren.
Gerade in diesem Moment sitze ich tatsächlich hier in Bad Karlshafen auf der Terrasse meines Hotels, direkt an der Weser. Bei strahlendem Sonnenschein beginne ich den Bericht über meine Recherche im Archiv des LWV in Kassel.
Besonders in den letzten Jahren habe ich mich intensiver mit meiner Verschickung auseinandergesetzt und so das „Forum Bad Karlshafen“ im Internet gefunden. Neben allerlei Dingen, die sich mit dem Leben und den Leuten in der Stadt beschäftigen, gab es auch eine Themenseite über das Verschickungsheim. Dort haben auch andere hierher Verschickte, verschiedene Texte veröffentlicht. Besonders interessant fand ich, dass sich auch eine „Tante“ hier zu den Geschehnissen äußerte, und so habe ich versucht, zu dieser ehemaligen Betreuerin Kontakt aufzunehmen. Dabei ging es mir nicht um eine Abrechnung oder Konfrontation der inzwischen sicher alten Dame. Vielmehr interessierten mich einerseits die Abläufe und ihre Wahrnehmung der Kinderkuren und andererseits wollte ich gerne die eine Tante finden, eine Inge oder Ingrid, die damals mit ihrer freundlichen und zugewandten Art eine Ausnahme bildete und damit eine Lifesaverin für mich war. Und sollte sie noch leben, würde ich ihr dafür gerne Danke sagen.
Offenbar war diese „Tante“ aber nicht mehr im Forum aktiv, und so wendete ich mich an den Admin und schilderte ihm mein Anliegen:
„Lieber Admin,
1972 wurde ich mit sieben Jahren ins Kindersolbad Karlshafen verschickt und habe dort nicht die besten Erfahrungen gemacht. Ich bin seit einiger Zeit mit der Aufarbeitung dieser Zeit und was sie für mein Leben bedeutet hat, beschäftigt. (…)
Im Forum gibt es eine ehemalige „Tante“, (…), deren Account offenbar gelöscht ist. Von ihr würde ich gerne mehr über die Perspektive der Erzieherinnen erfahren. Wäre es möglich, einen Kontakt herzustellen? Ich habe eine Antwort auf einen ihrer Posts geschrieben, nehme aber an, dass sie das nicht zu lesen bekommen wird. Das würde mir sehr helfen!
Zudem frage ich mich, ob das Gebäude noch existiert und ob man es sich ansehen kann. (…)“
Er antwortete kurzfristig und meinte, dass das Thema Kinderverschickung in Bad Karlshafen wieder mehr in den Fokus rücken solle, „(…) auch um eine Aufarbeitung der Geschehnisse durch offizielle Stellen anzuregen. Leider gibt es das Gebäude nicht mehr; es ist meines Wissens 2005 abgerissen worden.“
Er verwies auf ein Mitglied des Forums, das zu der entsprechenden Person noch Kontakt habe. Leider hatte der Mann zwar zunächst auf meine Anfrage reagiert, sich aber, auch nach wiederholtem Nachhaken, nicht mehr gemeldet.
Keinen Kontakt also zu „Tante M.“. Schade.
Später schickte mir der Admin des Forums den Scan einer Seite von Arcinsys, in dem verschiedene Akten aus dem Kindersolbad aufgelistet waren. Dokumentationen der Kurmaßnahmen seit 1966. Unter anderem auch Patientenlisten.
Was für ein Fund!
Und so war sie geboren, meine Idee, den Gedanken Wirklichkeit werden zu lassen und endlich mal hinzufahren.
Auf dem Weg nach Dresden, wollte ich in Kassel, im Archiv des Landeswohlfahrtsverbandes Hessen, nach meiner eigenen Akte zu suchen und bei dieser Gelegenheit gleich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen und meinem Heimort, Bad Karlshafen, einen Besuch abstatten, um den zum größten Teil verschütteten Erinnerung aus der Verschickung nachzuspüren.
Die Patientenakte
Ich machte mir also einen Account bei Arcinsys und forderte online mehrere Akten in Kassel zur Einsicht an. Darunter die Patientenakten aus dem Jahr 1972 und auch die Lohnsteuerunterlagen der Mitarbeiter, in der Hoffnung „Tante“ Inge/Ingrid zu finden.
Nachdem zunächst irgendetwas mit der Onlinebestellung schief gelaufen war, hatte ich Kontakt mit Carmen Behrendt, einer Historikerin, die freiberuflich den AKV unterstützt. Sie riet mir, es mit einer Mail an das Archivs des LWV zu versuchen.
Ich listete also alles per Mail auf, was ich gerne bei meinem Besuch einsehen wollte.
Leider bekam ich kurze Zeit später dann die Mitteilung, dass eine direkte Einsichtnahme der Akten nicht möglich sei. Personenbezogene Schutzfristen machten mir einen Strich durch die Rechnung. Eine solche Schutzfrist könne im Einzelfall verkürzt werden, allerdings nur bei hinreichendem öffentlichen Interesse.
Ich hatte von Anfang an mit offenen Karten gespielt und mein rein persönliches Interesse war nicht zu leugnen.
Das war erstmal eine Enttäuschung, aber die Mail war noch nicht zu Ende:
„Alternativ können wir Ihnen anbieten, dass wir für Sie in den Quellen recherchieren.“
Bingo!
Zwar hatte mir die Vorstellung sehr gefallen, in Kassel selber in Bergen von verstaubten Aktenordnern zu wühlen, um meine persönliche Akte ausfindig zu machen und auch anderes, was vielleicht noch ans Tageslicht gekommen wäre, aber hier wurde mir zugesagt, nach meiner Akte zu forschen.
Ich schickte also alle noch nötigen Unterlagen, inklusive Fotos meines Personalausweises nach Kassel und wartet gespannt auf das, was auch immer da kommen sollte.
Die Mail ließ nicht lange auf sich warten:
„Sehr geehrte Frau L.,
unter Bezugnahme auf die Ihnen per Mail übermittelten Informationen (…) haben wir für Sie in den uns vorliegenden Unterlagen des Kindersolbades Karlshafen nach Ihrem dortigen Aufenthalt recherchiert und können Ihnen mitteilen, dass sich einige Informationen erhalten haben. (…)“
Etwas zittrig öffnete ich also die doppelt abgesicherte Mail mit den Scans.
Und da war sie, meine Patienten Akte.
Darin enthalten:
der Ärztliche Befundschein mit Diagnosen von Aufnahme, Nachuntersuchung und Entlassungsbericht, Daten zu Gewichtsmessungen und Verordnungen, eine Fieberkurve, denn ich war offensichtlich mit einer fiebrigen Tonsillitis für mindestens eine der sechs Wochen auf der Krankenstation. Zudem gab es eine handschriftliche Doppelseite unter anderem mit der Abrechnung des Taschengeldes:
Bei den Infos zu meiner damaligen Krankheit stellten sich tatsächlich auch ein paar Erinnerungen wieder ein. In diesen mindestens 8 Tagen auf der Krankenstation ist es mir wohl besser ergangen als im Rest der Zeit. Ich habe ein Bild von weißer Bettwäsche und einem Ansatz von Geborgenheit vor meinem inneren Auge.
Besonders angerührt hat mich die Beschreibung meiner Person: „Inge macht den Eindruck eines gut erzogenen Mädchens. Still und bescheiden, kameradschaftlich und immer freundlich.“
Das war tatsächlich meine Überlebensstrategie. Bloß nicht aufmucken, immer nicken und keinen Ärger provozieren. Immer lieb sein.
Diese Strategie zu überwinden, ist auch heute noch manchmal ein Kampf, hat sie mich doch damals gerettet.
Meine Patientenakte nach all den Jahren in Händen zu halten, rührt mich auch heute noch, Monate nachdem sie ihren Weg zu mir gefunden hat. Ich empfinde Mitgefühl mit der leidenden kleinen Inge von damals. Die Akte hat mich dem Kind, das ich damals war, ein Stück näher gebracht.
Über den genauen Namen der „Tante“ nach der ich immer noch suche, konnte ich nichts herausfinden (Datenschutz).
Ich möchte mich hier ausdrücklich und herzlich bei den Menschen bedanken, die mich bei der Recherche unterstützt haben. Da ist zunächst der Admin des Forums Bad Karlshafen, der mich mit dem Hinweis auf den Aktenschatz beim LWV überhaupt auf die Idee gebracht hat nach meiner Akte zu recherchieren. Ein herzliches Dankeschön geht ebenfalls an die freie Historikerin Carmen Behrend, die mir in vielen Telefonaten mit Rat und Tat zur Seite gestanden hat und noch steht.
Auch den Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen des Archivs vom LWV Hessen, in Kassel, die sich Zeit für mich genommen, die Akte für mich herausgesucht und mir geschickt haben.
Nach meinem Gefühl liegt dort noch ein ganzer Schatz vergraben, der geborgen werden möchte. Wer also in Karlshafen war, wird dort sicher auch fündig werden, denn im Archiv werden noch alle Patientenakten aus Karlshafen aufbewahrt. Ob das auch für andere hessische Verschickungsheime gilt, weiß ich nicht, aber das wäre sicher eine Nachfrage wert.
Die Hoffnung, über das Archiv des LWV an den Namen der Tante zu kommen, die mir den Aufenthalt erträglicher gemacht hat, habe ich noch nicht ganz aufgegeben, auch wenn sich das schwierig gestaltet.
Mein Heimortbesuch
Eine gute Woche nach Erhalt der Akte setzte ich dann meinen Plan um und besuchte auf der Durchreise nach Dresden meinen Heimort Bad Karlshafen.
Ich fuhr allein hin und hatte im Vorhinein ein Zimmer in einem kleinen Hotel und eine eins-zu-eins Stadtführung gebucht.
Schon auf der A40 bei Essen der erste Stau. Ich war mit einem etwas bangen Gefühl von Mülheim aus losgefahren. Na, das sollte ja eine Reise werden … Der Himmel war wolkenbedeckt. Wo war nur die Sonne der letzten Tage, ja, Wochen geblieben? Gerade also eher düster. Ich musste aufpassen, dass sich die Wolken nicht auch in meinem Gemüt ausbreiteten.
Nach stundenlanger Fahrt kam ich schließlich etwas abgekämpft in Bad Karlshafen und in meinem Hotel an. Ich bezog mein Zimmer mit Blick auf die Weser. Innerlich unruhig, machte ich mich sehr bald auf den Weg in Richtung Verschickungsheim.
Bei meiner Ankunft hatte mich Bad Karlshafen mit strahlendem Sonnenschein empfangen, doch schnell zog sich der Himmel zu und entsprach damit dem mulmigen Gefühl, das mich auf dem Weg zum Gebäude beschlich. Was würde der Anblick des früheren Heims mit mir machen? Ich rechnete nicht mit einer Retraumatisierung, aber wer konnte das schon mit Sicherheit sagen …?
Das Haupthaus links auf dieser alten Postkarte ist 2005 abgerissen worden und musste einer Kurklinik weichen. Der langgestreckte Teil mit dem Eingang steht noch, wenn auch zum größten Teil verfallen.
Ich erinnerte mich wieder daran, dass wir vom Bahnhof aus zu Fuß zum Heim gegangen waren. Ein Weg von etwa 10 Minuten. Es ging über eine Weserbrücke und anschließend diesen Weg hinunter. Wir liefen in Zweierreihen, ich neben meiner während der Zugreise neu gewonnenen „Freundin“, an dem Gebäude entlang bis zu dem Eingang, wo wir eine Weile draußen warten mussten. Dort wurde ich dann von dieser ersten „Freundin“ wieder getrennt. Sie war etwas älter als ich und in der kurzen Zeit der Reise zu einer Art Anker für mich geworden. Wieder war ich also ganz auf mich allein gestellt.
Heute ist das Gebäude total verfallen. Noch ist unklar, was damit mal passieren soll. Die Stadt ist wohl auf der Suche nach einem Investor.
Bei einem Blick durchs Fenster, entdeckte ich diesen Raum. Nach rechts ging es in einen Aufenthaltsraum, in dem auch ein Fernseher stand. Meine Gruppe durfte sich einmal die Zeichentricksendung „Schweinchen dick“ ansehen, während die anderen schon die Treppe rauf, in die Schlafräume gehen mussten. Soweit ich mich erinnere, lief diese Sendung im Vorabendprogramm, um 18:05 Uhr. Frühe Bettruhe also.
Eine große Treppe führte links hinauf zu den Schlafräumen. Diese lagen im inzwischen abgerissenen Teil des Gebäudes. Wie gerne wäre ich hineingegangen, aber das war leider nicht möglich.
In meine Erinnerungen versunken, lief ich noch ein Stückchen weiter die Weser entlang und kam zur Weser-Therme. Bad Karlshafen war und ist ein Solekurort. Einen Moment lang dachte ich ernsthaft darüber nach, ob ich, wie 1972, noch einmal Solebaden sollte. Am Ende habe ich mich nicht nur in Ermangelung eines Badeanzugs dagegen entschieden. Ich hatte Sorge, ich würde damit im wahrsten Sinne des Wortes zu tief in die Erinnerungen abtauchen. Immer noch hatte ich dieses mulmige Gefühl im Bauch.
Die Stadtführung am Nachmittag war interessant in Bezug auf die Geschichte der Stadt. Zum Verschickungsheim konnte die Stadtführerin mir leider nicht so viel erzählen. Trotzdem bin ich froh, das gemacht zu haben, denn so habe ich Bad Karlshafen auch von seiner positiven Seite kennenlernen können.
Mein Heimortbesuch liegt nun schon einige Monate hinter mir. Ich habe das Gefühl, dass die Fahrt ein guter Schritt in Richtung Aufarbeitung war. Auch wenn der größte Teil des Gebäudes abgerissen worden war, gab es doch noch ausreichend Bausubstanz – wenn auch verfallen – zum Wiedererkennen.
Einige verschüttete Erinnerungen habe ich zurückgewonnen.
Vor der Reise war ich unsicher gewesen, ob ich wirklich ohne Begleitung an den Ort des Geschehens zurückkehren sollte. Ich fühlte mich aber stabil genug, es auch allein mit meinen Erinnerungen aufzunehmen. Im Nachhinein war das auch okay so. Auch wenn ein direkter Austausch mit einem nahen Menschen sicher gut getan hätte.
Toll wäre gewesen, mit Menschen zusammen zu reisen, die ebenfalls hierher verschickt wurden. So hätten wir gegenseitig von unseren Erinnerungen profitieren können. Aus diesem Grund halte ich auch immer Augen und Ohren offen, ob ich auf jemanden treffe, der/die ebenfalls in diesem Kurheim gewesen ist.
Das Alleinreisen hatte auch Vorteile. So konnte ich mich ganz auf mich und meine inneren Regungen und Erinnerungen konzentrieren. Ich konnte mich zurückziehen, wenn mir danach war, schreiben oder spazieren gehen.
Bad Karlshafen hat mir als Stadt, entgegen meiner Erwartung, gut gefallen und vielleicht, ganz vielleicht, fahre ich auch nochmal hin.

