Ausgeliefert
Meine Familie lebt von wenig Geld, lange hat meine Mutter gespart, um mir ein paar Süßigkeiten mitgeben zu können. Es ist mehr als nur Süßes, es ist ein warmes Gefühl in dieser Fremde. Die Tafel Schokolade, Gummibärchen, auch meine Puppe, sie erinnern mich an liebe Menschen zuhause. Kurz nach der Ankunft gehört mir nichts mehr davon und noch viel weniger. Tage später sehe ich manchmal die ein- oder andere „Tante“, die es sich mit der Schokolade gut gehen lässt, mit dem hart Ersparten meiner Mutter. Währenddessen würgen wir uns das Essen rein. Aber das passiert später… als wir die Lektion schon begriffen haben: Wir sind ein Niemand.
Der Ankunftsabend auf Borkum ist der Auftakt in die sechs schrecklichsten Wochen meines Lebens und die unmissverständliche offizielle Botschaft dazu lautet: „So läuft das hier“!
Aus Sicht der Tanten sind wir ein Haufen nerviger „Nichts“, und mit mir machen sie im Speisesaal den Anfang, um daran keinen Zweifel zu lassen, als Signal für die anderen: „Zopfliesel, komm‘ nach vorne!“. Ich begreife nicht sofort. „Geht’s auch schneller!“ Ich stolpere vorwärts, ausgelacht von all‘ den einsamen übermüdeten Kindern, die vor der ersten Nacht in der Fremde noch Milchsuppe essen sollen – wie wir bald kapieren: essen müssen. Höhnisch grinsend wird mir mein Geldbeutel über den Kopf gezerrt. Ich habe ihn unter meinem Pullover versteckt. Wie können sie ihn gesehen haben? Ein Foto meiner Mutter ist darin, mein Anker nach Hause und ein Geldschein, fünf Mark, „damit du dir mal was Schönes kaufen kannst“, hat meine Mutter mit unterdrückten Tränen beim Abschied gesagt und ich wusste, dass sie lange dafür gespart hatte.
Panik
Ich dachte, das war’s. Aber ich täusche mich. Völlig unerwartet bekomme ich nach drei Wochen „Kur“ 20 Pfennige und „Ausgang“. Eine Stunde. Unfassbar. Endlich frei! Keine Gruppe, keine Aufpasserinnen. Für kurze Zeit bin ich so etwas wie glücklich. Vielleicht wird jetzt doch noch alles gut oder wenigstens erträglich? An einem Kiosk kaufe ich mir eine kleine helle Muschel, sie ist gefüllt mit irgendeinem Süßzeug. Das ist damals der große Hit. Und so hat es doch meine Mutter gewollt: es mir mal gutgehen lassen. Sie ist mir ganz nah in diesem Moment.
Ich vergrabe die Muschel in meiner Manteltasche. Zur Vorsicht. Es gibt viele zuckerliebende Kinder in Haus Ruhreck. Mein Schatz. Aber mein Hochgefühl dauert nur kurz. Kaum zurück, werde ich zitiert. Heimleitung und zwei Tanten warten mit grimmigem Gesicht in einem Raum auf mich. Das scharfe Verhör beginnt ohne Vorwarnung. Ich sei eine Diebin, sagen sie, habe mir heimlich aus der Küche Honig gestohlen und ihn in die Muschel gefüllt. Ich solle gestehen. Andernfalls würden meine Familie und die Behörden über mein Verbrechen und meine Lügen informiert.
Ein grauenhaftes Rauschen im Kopf nimmt Besitz von mir, blitzschnell, alles leer, alle Gedanken getilgt, nur noch Zittern, Schlottern, Erstarren. Es gibt nichts zu gestehen. und ich tue es auch nicht, das erinnere ich noch, ganz sicher. Aber ich bin nur noch Angst. Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich Panik. Ausgeliefert. Erst später, als die Attacke vorbei ist, fühle ich mich gedemütigt, beschämt, verlassen von der Welt. Währenddessen gibt es sie nicht mehr, die Welt und von mir nur noch ganz ganz wenig. So wie auf den stundenlangen „Schweige-Strafgängen“ wegen Ungehorsam oder mangelnder Demut. Manchmal bin ich dafür „verantwortlich“, weil ich beim pädagogischen Personal Hilfe vor der Gewalt durch andere Kinder suche, vor ihren Quälereien mit Steck- oder Sicherheitsnadeln während des stundenlangen Mittagschlafs, nachts.
Rettung
Ich schlief in einem Raum mit schwierigen Heimkindern, so lese ich es später in Archiv-Akten. Sie sind in einer Gruppe gekommen und sie machen mir klar, wer das Sagen hat, wenn das Personal den Kopf wegdreht. Sie quälen mich auch während der Spaziergänge.
Manchmal kann ich mich retten: Ich verspreche den grausamen Kindern, ihnen Geschichten zu erzählen. Die vom dicken fetten Pfannenkuchen mögen sie am liebsten. Dann werden sie ganz still, hören zu. Kleine bedürftige verlassene Kinder, die für einen Moment glücklich sind, weil ihr Opfer ihnen vor Angst ein Märchen erzählt. Das rettet mich manchmal vor ihrer Gewalt. Ich erzähle, um nicht misshandelt zu werden.
Das Personal ignoriert die Angriffe, sie sind ja selbst auf ähnlichem Niveau unterwegs: Die Mahlzeiten sind geprägt von Ekel, Angst, Spannung… Erbrochenes essen zu müssen, ist normal. Gerne auch noch einmal tief eingetunkt in Bratkartoffel und Essiggurken, mit dem restlichen Essen verrührt. Wenn jemandem übel davon wird, warten erniedrigende „medizinische“ Untersuchungen. Wir stehen hintereinander in der Schlange – ohne Unterwäsche – bis uns das Thermometer in den Po gerammt wird. Alles Simulanten, ist doch klar.
Oder ich werde stundenlang eingesperrt, bis ich die holzigen Kohlrabi vom Mittagessen ohne Kauen runtergewürgt habe. Weil ich sonst den Brechreiz nicht unterdrücken könnte. Ich schäme mich so. Dabei müssten sie sich schämen, denn sie sind die Erwachsenen und ich ein hilfloses alleingelassenes Kind. Ich interessiere nicht, störe den Ablauf, wie alle anderen auch – das ist die Botschaft an uns, von der ersten Minute an, bis zur letzten. Wir haben uns unterzuordnen, zu fügen, sind eine Masse ohne eigene Rechte, die es zu disziplinieren gilt. Manchmal lesen sie mit spöttischem Lächeln und besonderer Betonung Briefe von Eltern öffentlich vor. Ohne diese Demütigung, Macht und Kontrolle droht offenbar noch größerer Schaden. Welcher eigentlich?
Lieder
An dem ein- oder anderen Abend singen wir zusammen im Speisesaal. Manchmal spielt irgendwer Gitarre dazu. Das ist besser als der Rest. Es gibt Lieblingslieder, die sind jedes Mal dabei: „Der mächtigste König im Luftrevier“. Im Ersten Weltkrieg eine Art inoffizielle Hymne der deutschen U-Bootfahrer. In der NS-Zeit wurde der Refrain textlich nationalistisch umgedichtet, in: „Wir sind die Herren der Welt und die Könige auf dem Meer“. Wir singen es in dieser Version. Oder „Wildgänse rauschen durch die Nacht“ – im 1. Weltkrieg als Kriegslied gesungen und weil man so gut danach marschieren konnte, von den Nazis mit nationaler Symbolik verbunden und in den Liederbüchern der Wehrmacht verbreitet: „…unstete Fahrt, habt acht, habt acht, die Welt ist voller Morden…“ singen wir Kinder voller Inbrunst. Nicht wissend, dass mit den Mordenden im Nationalsozialismus die „Feinde“ gemeint waren, denn deutsche Soldaten mordeten nicht. Die Erziehrinnen stehen vorne in einer Reihe stramm und achten darauf, dass es zackig klingt, sonst wird wiederholt, bis es passt. Fröhliches Singen geht anders. Aber beim Singen habe ich wenigstens das Gefühl, nicht alleine zu sein. Denn das sind wir doch: Allein in unserer Not auf dieser Insel, verlassen von der Welt und Gott, falls es den noch gibt.
Unsichtbar
Die sechs Wochen scheinen nie enden zu wollen, ich habe jedes Gespür für Zeit und Raum verloren und weine verzweifelt jeden Abend. Wenn mich keiner beobachtet, dann taumele ich mich mit Kopfdrehen von rechts nach links in den Schlaf. Heimlich, weil ich verlacht oder gedemütigt würde, wenn es die „Tanten“ oder meine Zimmernachbarinnen entdeckten. Hospitalismus fängt so an. Mein wichtigstes Ziel wird, nicht aufzufallen, unsichtbar zu sein, durchzuhalten. Ich bin sicher: Wenn ich nach sechs Wochen nicht nach Hause komme, dann wird meine Mutter mich abholen. Ganz sicher. Aber das sage ich niemandem, denn die Botschaft habe ich begriffen: Alles was du sagst, wird gegen dich verwendet. Freundschaft unter den Kindern erinnere ich nicht. Jeglicher Kontakt nach außen ist untersagt. Kontrolle und Erniedrigung, emotionale Kälte und Strafen, das ist unser Alltag. Ein Leben in Angst, vermeintlich etwas falsch zu machen und dafür büßen zu müssen.
Prägung
Auf Borkum ist mein Lachen verschwunden, ich erlebte eine Welt ohne Schutz, ohne das Recht, gesehen und respektiert zu werden. Ohne Recht auf irgendetwas. Das hat mich nachhaltig geprägt. Fast zwei Jahrzehnte lang hatte ich in Stress-Situationen Panikattacken und lief auf Überlebensmodus. Ich traute niemandem. Schule fällt mir schwer. Ich kann mich nicht konzentrieren, nicht lernen, bin in „Hab‘-Acht–Stellung“, Prüfungen und zeitlicher Stress katapultieren mich in Panikmodus. Borkum hat mir noch mehr beigebracht: Autoritäten zu misstrauen, nicht aufzufallen, niemanden an mich ranzulassen, auch meine Eltern und Freund:innen nicht. Meine Gefühle behalte ich viele Jahre für mich, Beziehungen scheitern…Aber ich lernte auf Borkum auch: „NIEMALS AUFGEBEN!“ Nicht die Täter:innen siegen lassen. Niemals!
Ich kann mir nicht vorstellen, diese Insel jemals wieder zu betreten. Nie mehr. Auch wenn das die meisten Borkumer vermutlich nicht interessieren wird: Das ist meine persönliche kindliche Rache an der Insel. Die Rache der kleinen Mausi, wie meine Mutter mich nannte, als mein Leben zwar nicht immer nur fröhlich, aber noch in Ordnung und behütet war. Bevor meine Seele tief verwundet wurde. In der Zeit vor Borkum.
Hoffnung
Heute bin ich ein glücklicher Mensch. Der lange Weg dorthin führte durch tiefe Verzweiflung, Verstummen und Einsamkeit. Es war schwer, neuen Erfahrungen eine Chance zu geben, mich meinen Schatten zu stellen und sie zu meinen Verbündeten zu machen. Der Weg war alternativlos und ich bin ihn gegangen. Ich weiß nicht, wo ich stünde, wenn mir diese sechs Wochen auf Borkum erspart geblieben wären. Es ist müßig, darüber lange zu grübeln. Vielleicht hätte ich weniger Empathie und Verständnis für die, deren Erfahrungen kein so gutes Ende gefunden haben wie meine, und die ich heute unterstützen kann, gerade weil ich Borkum überlebt habe.
Ich danke allen, die mich über Jahre begleitet und zu mir gestanden haben und allen, die mir heute vertrauen.
Maria Dickmeis, 2025