Haus Ruhreck auf Borkum

Verschickungsheim der Stadt Essen

Haus Ruhreck auf Borkum war über Jahrzehnte ein wichtiges Verschickungsheim der Stadt Essen – und für viele Essener Kinder ein prägender Ort ihrer Kindheit. Tausende wurden dorthin geschickt, oft mehrere Wochen lang, meist mit dem Ziel „Erholung“ oder „Kräftigung“. Doch viele ehemalige Verschickungskinder berichten von belastenden Erinnerungen, strengen Regeln und Erfahrungen, die bis heute nachwirken.

 

Zwei NRW-Verschickte berichten: Dunkle Erinnerungen, die nicht verstummen

Wir sind ein Niemand.

Der Ankunftsabend auf Borkum ist der Auftakt in die sechs schrecklichsten Wochen meines Lebens.

Ausgeliefert. Erst später fühle ich mich gedemütigt, beschämt, verlassen von der Welt.

"Ich habe damals diese sechswöchige Kinderkur als die schlimmste Zeit meines Lebens erlebt, das empfinde ich auch heute - fünfzig Jahre später - noch ganz genauso"

Mitgründerin der Borkum Austauschgruppe + CSP Finanzverantwortliche. Regina war 1964 ins Haus Ruhreck verschickt. Ihre Erfahrungen hat sie in einem Buch veröffentlicht.

Als ich dachte, der Fehler liegt bei mir – ein bewegender Zeitzeugenbericht über die Zeit in ‚Haus Ruhreck‘

Maria, zweite Reihe von unten, links neben der Erzieherin, mit Kopftuch und Zöpfen. Fotograf: unbekannt | Quelle: privates Foto

Die Zopfliesel

von Maria Dickmeis

Prekäre Verhältnisse

„Zopfliesel“ nannten sie mich. Da hatte ich Haus Ruhreck auf Borkum kaum betreten. Nie bin ich vorher irgendwo in Urlaub gewesen, und schon gar nicht alleine. Das macht die Reise ans Meer aufregend. Einerseits. Wäre da nicht die Angst, viel Angst, zu viel Angst. Gerade in die Schule gekommen und schon für sechs Wochen beurlaubt. Okay, ich freue mich ein bisschen auf das Meer, den Strand, die Kinder, eine fröhliche Zeit.  Es ist 1964. Ich bin fast sieben, als meine Kindheit durch die Kur endet. Verschickt von der Stadt Essen – um an Gewicht zuzunehmen, wie viele. Und vermutlich auch, weil meine Mutter schwanger ist und wir doch schon vier Kinder zuhause sind. Prekäre Verhältnisse also, so sehen es die Verantwortlichen für diese Art von Kururlaub.

 

Ausgeliefert

Meine Familie lebt von wenig Geld, lange hat meine Mutter gespart, um mir ein paar Süßigkeiten mitgeben zu können. Es ist mehr als nur Süßes, es ist ein warmes Gefühl in dieser Fremde. Die Tafel Schokolade, Gummibärchen, auch meine Puppe, sie erinnern mich an liebe Menschen zuhause. Kurz nach der Ankunft gehört mir nichts mehr davon und noch viel weniger. Tage später sehe ich manchmal die ein- oder andere „Tante“, die es sich mit der Schokolade gut gehen lässt, mit dem hart Ersparten meiner Mutter. Währenddessen würgen wir uns das Essen rein. Aber das passiert später… als wir die Lektion schon begriffen haben: Wir sind ein Niemand.

Der Ankunftsabend auf Borkum ist der Auftakt in die sechs schrecklichsten Wochen meines Lebens und die unmissverständliche offizielle Botschaft dazu lautet: „So läuft das hier“! 

Aus Sicht der Tanten sind wir ein Haufen nerviger „Nichts“, und mit mir machen sie im Speisesaal den Anfang, um daran keinen Zweifel zu lassen, als Signal für die anderen: „Zopfliesel, komm‘ nach vorne!“. Ich begreife nicht sofort. „Geht’s auch schneller!“ Ich stolpere vorwärts, ausgelacht von all‘ den einsamen übermüdeten Kindern, die vor der ersten Nacht in der Fremde noch Milchsuppe essen sollen – wie wir bald kapieren: essen müssen. Höhnisch grinsend wird mir mein Geldbeutel über den Kopf gezerrt. Ich habe ihn unter meinem Pullover versteckt. Wie können sie ihn gesehen haben? Ein Foto meiner Mutter ist darin, mein Anker nach Hause und ein Geldschein, fünf Mark, „damit du dir mal was Schönes kaufen kannst“, hat meine Mutter mit unterdrückten Tränen beim Abschied gesagt und ich wusste, dass sie lange dafür gespart hatte.

Panik

Ich dachte, das war’s. Aber ich täusche mich. Völlig unerwartet bekomme ich nach drei Wochen „Kur“ 20 Pfennige und „Ausgang“. Eine Stunde. Unfassbar. Endlich frei! Keine Gruppe, keine Aufpasserinnen. Für kurze Zeit bin ich so etwas wie glücklich. Vielleicht wird jetzt doch noch alles gut oder wenigstens erträglich? An einem Kiosk kaufe ich mir eine kleine helle Muschel, sie ist gefüllt mit irgendeinem Süßzeug. Das ist damals der große Hit. Und so hat es doch meine Mutter gewollt: es mir mal gutgehen lassen. Sie ist mir ganz nah in diesem Moment.

Ich vergrabe die Muschel in meiner Manteltasche. Zur Vorsicht. Es gibt viele zuckerliebende Kinder in Haus Ruhreck. Mein Schatz. Aber mein Hochgefühl dauert nur kurz. Kaum zurück, werde ich zitiert. Heimleitung und zwei Tanten warten mit grimmigem Gesicht in einem Raum auf mich. Das scharfe Verhör beginnt ohne Vorwarnung. Ich sei eine Diebin, sagen sie, habe mir heimlich aus der Küche Honig gestohlen und ihn in die Muschel gefüllt. Ich solle gestehen. Andernfalls würden meine Familie und die Behörden über mein Verbrechen und meine Lügen informiert.

Ein grauenhaftes Rauschen im Kopf nimmt Besitz von mir, blitzschnell, alles leer, alle Gedanken getilgt, nur noch Zittern, Schlottern, Erstarren. Es gibt nichts zu gestehen. und ich tue es auch nicht, das erinnere ich noch, ganz sicher. Aber ich bin nur noch Angst. Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich Panik. Ausgeliefert. Erst später, als die Attacke vorbei ist, fühle ich mich gedemütigt, beschämt, verlassen von der Welt. Währenddessen gibt es sie nicht mehr, die Welt und von mir nur noch ganz ganz wenig. So wie auf den stundenlangen „Schweige-Strafgängen“ wegen Ungehorsam oder mangelnder Demut. Manchmal bin ich dafür „verantwortlich“, weil ich beim pädagogischen Personal Hilfe vor der Gewalt durch andere Kinder suche, vor ihren Quälereien mit Steck- oder Sicherheitsnadeln während des stundenlangen Mittagschlafs, nachts.

Rettung

Ich schlief in einem Raum mit schwierigen Heimkindern, so lese ich es später in Archiv-Akten. Sie sind in einer Gruppe gekommen und sie machen mir klar, wer das Sagen hat, wenn das Personal den Kopf wegdreht. Sie quälen mich auch während der Spaziergänge.

Manchmal kann ich mich retten: Ich verspreche den grausamen Kindern, ihnen Geschichten zu erzählen. Die vom dicken fetten Pfannenkuchen mögen sie am liebsten. Dann werden sie ganz still, hören zu. Kleine bedürftige verlassene Kinder, die für einen Moment glücklich sind, weil ihr Opfer ihnen vor Angst ein Märchen erzählt. Das rettet mich manchmal vor ihrer Gewalt. Ich erzähle, um nicht misshandelt zu werden.

Das Personal ignoriert die Angriffe, sie sind ja selbst auf ähnlichem Niveau unterwegs: Die Mahlzeiten sind geprägt von Ekel, Angst, Spannung… Erbrochenes essen zu müssen, ist normal. Gerne auch noch einmal tief eingetunkt in Bratkartoffel und Essiggurken, mit dem restlichen Essen verrührt. Wenn jemandem übel davon wird, warten erniedrigende „medizinische“ Untersuchungen. Wir stehen hintereinander in der Schlange – ohne Unterwäsche – bis uns das Thermometer in den Po gerammt wird. Alles Simulanten, ist doch klar.

Oder ich werde stundenlang eingesperrt, bis ich die holzigen Kohlrabi vom Mittagessen ohne Kauen runtergewürgt habe. Weil ich sonst den Brechreiz nicht unterdrücken könnte. Ich schäme mich so. Dabei müssten sie sich schämen, denn sie sind die Erwachsenen und ich ein hilfloses alleingelassenes Kind. Ich interessiere nicht, störe den Ablauf, wie alle anderen auch – das ist die Botschaft an uns, von der ersten Minute an, bis zur letzten. Wir haben uns unterzuordnen, zu fügen, sind eine Masse ohne eigene Rechte, die es zu disziplinieren gilt. Manchmal lesen sie mit spöttischem Lächeln und besonderer Betonung Briefe von Eltern öffentlich vor. Ohne diese Demütigung, Macht und Kontrolle droht offenbar noch größerer Schaden. Welcher eigentlich?

Lieder

An dem ein- oder anderen Abend singen wir zusammen im Speisesaal. Manchmal spielt irgendwer Gitarre dazu. Das ist besser als der Rest. Es gibt Lieblingslieder, die sind jedes Mal dabei: „Der mächtigste König im Luftrevier“. Im Ersten Weltkrieg eine Art inoffizielle Hymne der deutschen U-Bootfahrer. In der NS-Zeit wurde der Refrain textlich nationalistisch umgedichtet, in: „Wir sind die Herren der Welt und die Könige auf dem Meer“. Wir singen es in dieser Version. Oder „Wildgänse rauschen durch die Nacht“ – im 1. Weltkrieg als Kriegslied gesungen und weil man so gut danach marschieren konnte, von den Nazis mit nationaler Symbolik verbunden und in den Liederbüchern der Wehrmacht verbreitet: „…unstete Fahrt, habt acht, habt acht, die Welt ist voller Morden…“ singen wir Kinder voller Inbrunst. Nicht wissend, dass mit den Mordenden im Nationalsozialismus die „Feinde“ gemeint waren, denn deutsche Soldaten mordeten nicht. Die Erziehrinnen stehen vorne in einer Reihe stramm und achten darauf, dass es zackig klingt, sonst wird wiederholt, bis es passt. Fröhliches Singen geht anders. Aber beim Singen habe ich wenigstens das Gefühl, nicht alleine zu sein. Denn das sind wir doch: Allein in unserer Not auf dieser Insel, verlassen von der Welt und Gott, falls es den noch gibt.

Unsichtbar

Die sechs Wochen scheinen nie enden zu wollen, ich habe jedes Gespür für Zeit und Raum verloren und weine verzweifelt jeden Abend. Wenn mich keiner beobachtet, dann taumele ich mich mit Kopfdrehen von rechts nach links in den Schlaf. Heimlich, weil ich verlacht oder gedemütigt würde, wenn es die „Tanten“ oder meine Zimmernachbarinnen entdeckten. Hospitalismus fängt so an. Mein wichtigstes Ziel wird, nicht aufzufallen, unsichtbar zu sein, durchzuhalten. Ich bin sicher: Wenn ich nach sechs Wochen nicht nach Hause komme, dann wird meine Mutter mich abholen. Ganz sicher. Aber das sage ich niemandem, denn die Botschaft habe ich begriffen: Alles was du sagst, wird gegen dich verwendet. Freundschaft unter den Kindern erinnere ich nicht. Jeglicher Kontakt nach außen ist untersagt. Kontrolle und Erniedrigung, emotionale Kälte und Strafen, das ist unser Alltag. Ein Leben in Angst, vermeintlich etwas falsch zu machen und dafür büßen zu müssen.

Prägung

Auf Borkum ist mein Lachen verschwunden, ich erlebte eine Welt ohne Schutz, ohne das Recht, gesehen und respektiert zu werden. Ohne Recht auf irgendetwas. Das hat mich nachhaltig geprägt. Fast zwei Jahrzehnte lang hatte ich in Stress-Situationen Panikattacken und lief auf Überlebensmodus. Ich traute niemandem. Schule fällt mir schwer. Ich kann mich nicht konzentrieren, nicht lernen, bin in „Hab‘-Acht–Stellung“, Prüfungen und zeitlicher Stress katapultieren mich in Panikmodus. Borkum hat mir noch mehr beigebracht:  Autoritäten zu misstrauen, nicht aufzufallen, niemanden an mich ranzulassen, auch meine Eltern und Freund:innen nicht. Meine Gefühle behalte ich viele Jahre für mich, Beziehungen scheitern…Aber ich lernte auf Borkum auch: „NIEMALS AUFGEBEN!“ Nicht die Täter:innen siegen lassen. Niemals!

Ich kann mir nicht vorstellen, diese Insel jemals wieder zu betreten. Nie mehr. Auch wenn das die meisten Borkumer vermutlich nicht interessieren wird: Das ist meine persönliche kindliche Rache an der Insel. Die Rache der kleinen Mausi, wie meine Mutter mich nannte, als mein Leben zwar nicht immer nur fröhlich, aber noch in Ordnung und behütet war. Bevor meine Seele tief verwundet wurde. In der Zeit vor Borkum.

Hoffnung

Heute bin ich ein glücklicher Mensch. Der lange Weg dorthin führte durch tiefe Verzweiflung, Verstummen und Einsamkeit. Es war schwer, neuen Erfahrungen eine Chance zu geben, mich meinen Schatten zu stellen und sie zu meinen Verbündeten zu machen. Der Weg  war alternativlos und ich bin ihn gegangen. Ich weiß nicht, wo ich stünde, wenn mir diese sechs Wochen auf Borkum erspart geblieben wären. Es ist müßig, darüber lange zu grübeln. Vielleicht hätte ich weniger Empathie und Verständnis für die, deren Erfahrungen kein so gutes Ende gefunden haben wie meine, und die ich heute unterstützen kann, gerade weil ich Borkum überlebt habe.

Ich danke allen, die mich über Jahre begleitet und zu mir gestanden haben und allen, die mir heute vertrauen.

Maria Dickmeis, 2025

 

Mit 6 Jahren alleine im Haus Ruhreck

von Regina Konstantinidis

Quelle: Regina Konstantinidis, Fotograf: unbekannt

 

Auch ich wurde – vermutlich 1970 – zu einer sechswöchigen Kur über Weihnachten nach Borkum geschickt, ins Haus Ruhreck, weil ich zu dünn und zu blass war. Eine vierjährige Nachbarstochter ebenfalls, auf die ich aufpassen sollte. Vor Ort wurden wir sofort getrennt, Ich habe sie oft weinen hören, aber durfte nicht zu ihr. Ich habe diese Zeit als die schrecklichste meines Lebens empfunden, was aber mindestens genauso schlimm war, dass mir später weder meine Mutter noch sonst eine Vertrauensperson die schrecklichen Geschichten geglaubt hat, bis ich irgendwann selber schon dachte, ich habe mir das in meiner kindlichen Phantasie nur ausgedacht. Viele ältere Kinder, die vor mir bereits dort waren, konnten sich an nichts erinnern. Erst als ich im Jugendalter mit dem Bruder einer Freundin sprach, der vermutlich im selben Zeitraum im Haus Ruhreck war, bestätigten wir uns gegenseitig unsere Erlebnisse, das tat uns beiden nach so vielen Jahren der Verdrängung und Zweifel richtig gut.

Woran ich mich erinnere

Bei der Ankunft wurde das Gepäck von den Aufseherinnen in Schränke geräumt, an die man nicht dran kam, Anziehsachen wurden -glaube ich – einmal täglich von den Aufseherinnen herausgegeben, dazu stand man halbnackt in einem kalten Flur in einer Schlange. Strikte Toilettenzeiten, in denen die ganze Gruppe zur Toilette ging, außerhalb dieser Zeiten durfte man nicht gehen. Machte man sich deshalb in die Hose, wurde man vorgeführt und zur Strafe musste man die verpinkelten Sachen anbehalten.

Die schlimmsten Erinnerungen habe ich an das Mittagessen, das gruppenweise an langen Tischen mit ein bis zwei Betreuerinnen eingenommen wurde, denen Nichts entging: die Portionen waren für die dünnen Kinder riesig, und alles musste aufgegessen werden.

Einige Kinder würgten das Essen wieder heraus, auch in der Hoffnung, das Essen dann nicht mehr anrühren zu müssen. Das war allerdings nicht der Fall. Sie mussten tatsächlich ihr Erbrochenes wieder aufessen, solange, bis der Teller leer war. Das war grausam und werde ich wohl nie vergessen.

Jeden Tag musste ein Mittagsschlaf gemacht werden, es hatte absolute Ruhe zu herrschen in den Schlafzimmern bei offener Tür, im Flur saß eine Aufsichtsperson, beim kleinsten Mucks kam die Aufsicht und meckerte höllisch rum. Kein Kind aus meinem Zimmer schlief, aus dem Alter war man nun mal heraus. ich war mit sechs Jahren eine der Jüngsten in dieser Gruppe und nach gefühlt einer endlos langen Zeit war dann die Zeit für den Mittagsschlaf abgelaufen. Das einzige Positive war, dass man danach ein Brötchen mit Honig im Speisesaal bekam, das war für mich wirklich das Highlight des Tages.

Wöchentlich wurden Briefe an die Eltern geschrieben, in denen aber nur Gutes stehen

durfte, das haben die Aufseherinnen gründlich kontrolliert, und die Kinder, die sich auch nur ansatzweise beschwerten, mussten ihre Briefe umschreiben. Zukleben und davor nochmals kontrollieren war dann wieder Sache der Aufseherinnen. Einfacher hatten sie es bei uns kleineren Kindern, wir sollten irgendwas erzählen und sie haben dann irgendwas, was ihnen passte, aufgeschrieben. Nur Gutes wie ich hinterher erfuhr.

Gegen tägliche frische Luft hatte ich überhaupt nichts, was sich allerdings anders gestaltete, als ich dachte. Freies Rumrennen oder Muscheln sammeln am Strand stand definitiv nicht auf dem Programm. Stattdessen ging es in Zweierreihen durch den Ort und zum Meer, das war eher ein Marschieren, denn wir mussten im Gleichtakt laufen und immer etwas Brüllen mit „Und eins und zwei ….und vorwärts, rückwärts, seitwärts, ran.“

Beim allerersten Mal fanden viele Kinder das noch lustig, aber danach war es einfach nur schlimm. Man konnte nicht mal stehen bleiben wo man wollte, denn das bestimmten die Aufseherinnen, man konnte durch das ewige Gebrülle auch nicht mit anderen Kinder quasseln oder gar Freundschaften schließen.

Leuchtturm einziger Freund

Mein einziger Freund war der Leuchtturm, dem ich in Gedanken meine Einsamkeit und Verzweiflung schilderte und versprach, dass ich alle Gemeinheiten dort später zuhause erzähle, damit da kein Kind mehr hin muss. Wie anfangs erwähnt, glaubte man mir nicht.

Ich kann mich auch noch daran erinnern, dass ich bis zu dieser Kur ein in sich ruhendes, aber doch fröhliches Kind war, dass gerne zur Schule ging, die Lehrerin liebte und in den Pausen mit den anderen auf dem Schulhof tobte. Nach der Kur hatte ich erfahren, dass meine damalige Lehrerin wohl auch meiner Mutter zu dieser Kur geraten hatte, daraufhin war ich monatelang wie ausgewechselt. Ich habe im Unterricht gestört, und jeden Tag meiner Freundin ins Ohr geflüstert: „Die Frau X (Lehrerin) ist doof, bitte weitersagen.“

Wegen dieser Aufmüpfigkeit musste ich dann oft an den sogenannten „Katzentisch“, alleine sitzen und Strafarbeiten machen. Irgendwann habe ich mich dann wieder gefangen.

Ich merke, dass mich das Aufschreiben und erinnern gerade sehr berührt, bin aber froh, dass diese schrecklichen Kindheitserlebnisse hier mal öffentlich gemacht werden und man noch einmal bestätigt wird durch die vielen anderen Berichte, dass man sich das definitiv nicht eingebildet hat. 

Regina veröffentlicht ihre Erinnerungen in einem Buch

Verschickt - verdrängt - vergessen Ein persönlicher Erfahrungsbericht des Verschickungskindes Regina Baumann

Das Buch ist im Selbstverlag erschienen und kann bei Regina bestellt werden unter der E-Mail-Adresse: regina.konstantinidis@gmail.com

Text von Regina zu ihrer Verschickung, ausgestellt auf dem Bundeskongress auf Borkum 2021

Regina schildert in ihrem Buch eindrücklich ihre Erfahrungen – hier zwei Auszüge daraus.

Foto: Bestand Stadtarchiv Essen , Quellenangabe: Slg. 953 (Fotoalben), 13. Haus der Essener Geschichte/ Stadtarchiv

Marotten, die ich entwickelte…

Schlafverhalten

Vor der Kinderkur habe ich gerne auf der Seite oder aber auch auf dem Bauch geschlafen, nach der Kinderkur habe ich mich immer auf den Rücken gelegt, Hände über der Bettdecke. Selbst wenn ich mich mal des nachts drehte, ich wurde immer auf dem Rücken liegend wach, Hände über der Bettdecke. Das saß so tief in mir, dass es sogar Freundinnen auffiel, wenn wir im späteren Kindes- und Jugendalter oft zu mehreren bei einer Freundin übernachteten. Dann hieß es immer:

„Regina hat sich zum Sterben hingelegt. Die liegt da wie im Sarg.” Sie wunderten sich sehr, wie man denn so schlafen konnte, ich habe mir da damals nichts bei gedacht. Bei gemeinsamen Campingurlauben mit Freundinnen war ich immer eine gefragte Zeltpartnerin, da ich so gut wie keinen Platz einnahm. Auch späteren Partnern fiel meine ungewöhnliche Schlafposition auf, wenngleich ich mir später den “Luxus” gönnte, die Hände nicht rechts und links am Körper über der Bettdecke zu positionieren. Heute kommt mir die Rückenposition allerdings sehr zugute, da ich aufgrund mehrerer HWS- und Rückenleiden gar keine andere Schlafposition mehr einnehmen kann. Ich genieße es aber sehr, die Hände dabei weit von mir zu strecken.

(Quelle: Regina Konstantinis, Verschickt – Verdrängt – Vergessen, S. 109 ff)

Marschieren, marschieren und marschieren

Als es hieß, wir gehen raus, war meine Freude riesengroß. Vor dem Haus Ruhreck sollten wir uns in Zweierreihen aufstellen.

Es wurde gedrängelt und geschubst, ich stolperte dabei, wie viele andere Kinder auch, mehrmals über die hohe Bordsteinkante, die die Abtrennung zur Straße bildete. In Zweierreihen aufstellen bevor es losging, das kannte ich von Ausflügen mit dem Kindergarten und der Schule, eine Tante vorne, eine hinten. Was ich aber nicht kannte war das Kommando:

„Los geht’s, wir marschieren. Und eins und zwei und drei und vier und vorwärts, rückwärts, seitwärts, ran!”

Wir brüllten mit und marschierten im Gleichschritt, Marsch.

Manchmal war das Kommando der Tante, die vorne ging, auch nur “Und eins und zwei und eins und zwei!” Das ging die ganze Zeit so, es war laut und anstrengend. Ab und zu blieben wir stehen, um neue Kommandos zu erhalten, oder uns wieder vernünftig zu sortieren.

Am Meeresstrand angekommen, freute ich mich aufs Rumtoben im Sand und natürlich das Muscheln suchen, wie ich es von Tagesausflügen nach Holland kannte. Doch da hatte ich mich wohl zu früh gefreut, denn der “Strandbefehl” lautete: ”Hier wird nicht rumgerannt, schön weiter in Zweierreihen laufen, und dass niemand auf die Idee kommt, Muscheln zu sammeln, das gibt es hier bei uns nicht!”

(R. Konstantinidis, S. 57 f)

Foto: Bestand Stadtarchiv Essen , Quellenangabe: Slg. 953 (Fotoalben), 13. Haus der Essener Geschichte/ Stadtarchiv

Reginas Geschichte erscheint sogar bald im Buch „Borkum in olde Tieden“

Reginas Geschichte erscheint im Bildband „Borkum in olde Tieden“ von Jens Bald. Auf vier Seiten wird dort auch das Leid der Verschickungskinder thematisiert.

Der Bildband ist eine fotografische Zeitreise von der Kaiserzeit bis in die 1990er-Jahre und zeigt zugleich, dass die Kinderverschickungen zunehmend anerkannt und sichtbar werden.

Erscheinungsdatum: 19. März 2026, Verlag: Rummel Maritim,
ISBN 978-3-00-085721-8

 Wie die Stadt Essen ihre Kinder verschickte: Die Geschichte des Kinderkurheims Haus Ruhreck

1926 erwarb die Stadt Essen eine ehemalige Pension in der Viktoriastr.10 auf Borkum zur Nutzung als Kindererholungsheim. Ein Gästebuch des Haus Ruhreck führt als ersten Eintrag den 2.8.1926.

Umbau und neuer Name

Nach umfangreichen Umbauarbeiten in den 1950er-Jahren erhielt das Haus den neuen Namen „Kinderkurheim Haus Ruhreck“. Der Betrieb als Kinderkurheim endete zum 31. August 1993. Im selben Jahr wurde das Gebäude zunächst an das Christliche Ferien- und Bildungswerk e.V. Hagen verkauft. Später ging es weiter an die „Kur und Reha GmbH“ des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes Baden-Württemberg über. Bis heute wird das Haus dort für Mutter-Kind-Kuren genutzt.

Erholungsbedürftig

Nach dem Krieg galten viele Essener Kinder als „erholungsbedürftig“ und wurden deshalb für sechs Wochen allein zur Kur nach Borkum geschickt. Die frische Seeluft und das Reizklima der Insel sollten aus den häufig blassen und zarten Kindern des Ruhrgebiets kräftigere und gesündere Kinder machen. Auch Kinder aus sozial schwachen oder kinderreichen Familien sowie sogenannte „schwierige“ Kinder aus Heimen wurden zu solchen Aufenthalten geschickt – oft als eine Art Ersatz für einen Urlaub. Diese Kuren fanden ganzjährig statt, sodass Schulkinder auch während der Schulzeit verschickt wurden und dadurch nicht selten mehrere Wochen Unterricht verpassten.

Zeitungsartikel über die Kinderkuren in Haus Ruhreck von 1958, erschienen in der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung (WAZ) / Quelle: Haus der Essener Geschichte / Stadtarchiv

Von 1.400 Plätzen jährlich bis zur Schließung: Der Weg der Essener Kinderkurheime im Überblick

Das Kinderkurheim Haus Ruhreck verfügte über 60 Plätze und konnte damit 482 Kinder pro Jahr aufnehmen. Zusätzlich betrieb die Stadt Essen zwei weitere Kinderkurheime in Rengsdorf (Westerwald) und Niedersfeld (Sauerland). Zusammen ergab das eine jährliche Gesamtkapazität von über 1.400 Kindern.

Ab etwa 1973 ging die Zahl der verschickten Kinder zurück: Insgesamt wurden in diesem Jahr noch 938 Essener Kinder auf die drei städtischen Heime verteilt. Das entsprach einer Auslastung von etwa 65 %, weshalb das Kinderkurheim Haus Sonnenhang in Niedersfeld 1974 geschlossen und verkauft wurde.

Zwischen 1980 und 1988 nahmen durchschnittlich 738 Essener Kinder pro Jahr an einer Kinderkur teil (1986: exakt 841 Kinder). Diese verteilten sich auf die zwei verbliebenen Einrichtungen:

  • Haus Ruhreck / Borkum: 431 Kinder pro Jahr (Kapazität: 482) → Auslastung 89,4 %

  • Rengsdorf: 307 Kinder pro Jahr (Kapazität: 436) → Auslastung 70,4 %

Gesamt: 738 Kinder jährlich → 79,9 % Auslastung

Kürzungen und politische Entscheidungen

Im Zuge der Haushaltskonsolidierung der Stadt Essen wurde ab 1981 über die Aufgabe der beiden städtischen Kinderkurheime diskutiert. Die Kurdauer wurde bereits von ursprünglich sechs Wochen auf fünf Wochen verkürzt.

Am 28. September 1988 beschloss der Rat der Stadt Essen, das Haus Ruhreck auf Borkum weiterzuführen, während das Heim in Rengsdorf zum 30. November 1988 geschlossen wurde. Gleichzeitig wurde festgelegt, dass sich die Kurdauer im Haus Ruhreck „an die pädagogischen Bedürfnisse der Kinder anpassen“ solle und künftig vier Wochen betragen sollte. Als Begründung wurden schulische Schwierigkeiten nach der Rückkehr sowie Probleme der „Rückgewöhnung“ bei jüngeren Kindern genannt. Sparmaßnahmen spielten eine wesentliche Rolle.

Rückgang der Kuren und Vorbereitung der Schließung

Seit Beginn der 1990er Jahre wurde über eine vollständige Schließung des Hauses Ruhreck spekuliert. Dennoch wurde im November 1990 die Küche des Heimes für rund 400.000 DM instandgesetzt.

Die Auslastung sank weiter:

  • 1990: 387 Kinder → 80,3 %

  • 1991: 392 Kinder → 81,3 %

Ein Bericht des Sozialdezernenten vom 20. Oktober 1992 hielt fest, dass das Heim als Einrichtung der Jugendhilfe geführt wurde. Die dort durchgeführten Kinderkuren dienten der vorbeugenden Gesundheitshilfe gemäß § 36 BSHG, mit sowohl medizinischen als auch sozialen Indikationen. Die meisten Kinder kamen aus sozialschwachen Familien, häufig mit Sozialhilfebezug, und wurden über den Allgemeinen Sozialdienst angemeldet.

Für den Fall einer Schließung wurde geprüft, die kurbedürftigen Kinder auf vorhandene Einrichtungen anderer Träger mit Reizklima zu verteilen. Dazu lagen bereits sechs Angebote aus Borkum, Sylt, Langeoog und St. Peter-Ording vor.

 

Foto: Bestand Stadtarchiv Essen , Quellenangabe: Slg. 953 (Fotoalben), 13. Haus der Essener Geschichte/ Stadtarchiv

Heimleiterinnen

  • In den städtischen Unterlagen der Stadt Essen wird für die 1950er Jahre eine „Fräulein Real“ als Heimleitung des Haus Ruhreck erwähnt.
  • Seit 1965 war Frau Minor bei der Stadt Essen beschäftigt und wird in Akten als Heimleiterin des Haus Ruhreck geführt. Sie blieb bis zur Schließung 1993 Teil des Leitungsteams – in welcher genauen Position in den letzten Jahren, ist nicht genau dokumentiert.
  • Seit 1988 wird Frau Berssen als stellvertretende Heimleiterin in den Akten erwähnt. (Quelle: R. Konstantinidis, Verschickt – Verdrängt – Vergessen, S. 138)

So sah es früher aus im Haus Ruhreck – eine Fotostrecke 

Alle Fotos sind im Stadtarchiv Essen zu finden: Sammlung (Slg.) 953 (Fotoalben), 13. Haus der Essener Geschichte/ Stadtarchiv

Haus Ruhreck auf Borkum heute: Was ist daraus geworden?

Das ehemalige Haus Ruhreck heute / Foto: D. Lichtrauter
Der Eingang / Foto: D. Lichtrauter
Das Türschild heute / Foto: D. Lichtrauter

Heute heißt das ehemalige Haus Ruhreck Haus Leuchtfeuer und ist ein Standort der Rehaklinik Borkum (Kur + Reha GmbH) für Mutter-Kind- und Vater-Kind-Kuren.

„Das alte Gebäude ist nun nicht mehr wiederzuerkennend, weder von innen noch von außen, was auf mich doch sehr beruhigend wirkt.“ Zitat Regina Konstantinidis ‚Verschickt – Verdrängt – Vergessen. Ein persönlicher Erfahrungsbericht des Verschickungskindes Regina Baumann‘, S. 132.

👉 „Resümee und offene Fragen an die Forschung“

Die historischen Fakten zeigen: Hohe Kosten, sinkende Auslastung und damit verbunden sinkende Einnahmen. 

Warum hielt die Stadt Essen trotzdem so lange daran fest?

Archiv-Hinweise

Im Haus der Essener Geschichte/ Stadtarchiv, Ernst-Schmidt-Platz 1, 45128 Essen gibt es folgende Aktenbestände zum Haus Ruhreck auf Borkum mit den Signaturen:

– Bestand 953, Nr. 13 (Fotos)

– Bestand 852, Nr. 157 (Gästebuch)

– Bestand 1052, Nr. 31 (Recherchebericht zum Haus Ruhreck)

Für die Unterlagen gelten unterschiedliche rechtliche Regeln:

  • Bestand 1052, Nr. 31 – Recherchebericht zum Haus Ruhreck

    Es handelt sich um eine Verwaltungsakte mit einer Schutzfrist von 30 Jahren. Eine Veröffentlichung ist grundsätzlich möglich. Die Digitalisierungsfähigkeit sowie der Umfang der Akte können geprüft werden. Die Gebühr beträgt 2,00 Euro pro Scan.

  • Bestand 953, Nr. 13 – Fotoalbum

    Hier gilt das Recht am eigenen Bild. Fotografien mit noch lebenden Personen dürfen nicht veröffentlicht werden. Veröffentlichungsfähig sind hingegen Aufnahmen ohne Personenbezug, z. B. von der Innenausstattung (etwa Küche oder Räumlichkeiten).

  • Bestand 852, Nr. 157 – Gästebuch

    Eine Veröffentlichung ist nicht möglich, da die Eintragungen unterschiedlichen Urheberrechten unterliegen.

    ℹ️ Kommentar in eigener Sache

Das Stadtarchiv Essen antwortet unverzüglich und hat die gewünschten Akten unter Berücksichtigung der rechtlichen Grundlagen umgehend zur Verfügung gestellt:

Datenschutzrechtlich unbedenkliche Fotos und Akten können online gegen eine Arbeitsgebühr versendet werden.

Alle anderen Akten können nach Terminvereinbarung im Essener Stadtarchiv eingesehen werden.

Historie "Haus Ruhreck", Viktoriastr. 10, 26757 Borkum

1895

Baujahr um 1895 als Pension, viergeschossiger Eckbau

1926

Kauf der Stadt Essen zur Nutzung als Kindererholungsheim

bis 1927

umgebaut und mordernisiert

um 1950

Umbenennung in Kinderkurheim

1950 - 1957

Instandsetzungen, Umbau: 1951 Bau einer Liegehalle, ab 1955 Bau von mehreren Waschräumen im ersten und zweiten OG (vorher auf dem Flur), 1957 Unterkellerung, Erweiterungsbau, Außenanlagen, Inneneinrichtung, Waschküche

ab 1990

Instandsetzung der Küche

30. Juni 1993

Der Rat der Stadt Essen beschließt, den Betrieb des Kinderkurheimes mit Ablauf des 31.August 1993 einzustellen

1993

Verkauf an "Christliches Ferien- und Bildungswerk e.V. Hagen"

1998

Kauf durch die Kur und Reha Gmbh und Umbau zur Mutter-Kind-Klinik

bis heute

Mutter-Kind-Klinik, Kur + Reha GmbH des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes Baden-Würrtembergs

Weitere Zeitzeugenberichte aus unserem Portal oder hier auf der Seite Verschickungsheime.de

Nonnen, die ihren Frust an Kinder auslassen

Angst vor Erzieherinnen

Ich dachte sie hört gar nicht mehr auf und meine Hand fällt ab.

Von Gott und der Welt verlassen

Diese 6 Wochen haben sich in meinem Leben eingebrannt.

 

Wer ebenfalls im Haus Ruhreck war und seine Erfahrungen in Form eines (anonymen) Zeitzeugenberichts teilen möchte, ist herzlich eingeladen, diesen per E-Mail an uns zu schicken:

projekt@akv-nrw.de         Stichwort: Haus Ruhreck

Oder nutzt unser anonymes Zeitzeugenportal hier

Redaktion: Michaela Stricker

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