Von Regina Konstantinidis | Stand: Januar 2026
Anfänge der Heimortkoordination Borkum und erste Vernetzung seit 2019
Zu Beginn der Initiative Verschickungskinder übernahm 2019 Andrea E. als Erste die Heimortkoordination (HOK) Borkum. Regina und weitere fünf Betroffene meldeten sich bei ihr. Man tauschte sich per Mail über die Erfahrungen, die während der Verschickung auf Borkum gemacht wurden, aus. Andrea organisierte eine gemeinsame Reise nach Borkum.
Ein kleiner Kreis aus der Gruppe fuhr im Herbst 2020 nach Borkum, für die meisten war das Thema Verschickung oder die eigene Aufarbeitung damit erledigt.
Andrea übergab die HOK und Kontaktdaten der Gruppe an Bernhard F., ein Austausch fand in dieser Gruppe nicht mehr statt.
Neustart 2021: Heimortkoordination, Kongress und Aufbau der Borkumaustauschgruppe
Im Rahmen der Vorbereitung des dritten bundesweiten Kongresses „Das Elend der Verschickungskinder“, der im November 2021 auf Borkum stattfinden sollte, übernahmen Regina und Silke am 29.07.2021 die Heimortkoordination (HOK) Borkum.
Für eine Ausstellung im Eingangsbereiches des Kongresses über die Verschickung auf Borkum sammelten sie nun Infos in Archiven, Betroffenenberichte und Bilder zu den Heimen.
Recherche zu Verschickungsheimen auf Borkum: Archive, Heimlisten und historische Quellen
Mithilfe der sogenannten Folberth-Listen von 1956 und 1964, einer Borkumkarte von 1950, in der Kinderkurheime eingezeichnet waren, und den eigenen Recherchen entstand die erste aktuelle und eigene Heimliste im September 2021. Die Zahl der Heime, die bis heute verifiziert werden konnten, stieg damit auf 30 – 22 davon waren privat geführte Heime. Bei durchschnittlich 5.000 Einwohnern ist die Inselgemeinde Borkum mit 30 Verschickungsheimen ein Hotspot der Verschickung.
Durch den Programmpunkt: „Heimgruppe Borkum“ fanden bei dem Kongress 13 Verschickungskinder zusammen, Uwe wurde spontan ebenfalls Heimortkoordinator. Viele sprachen zum ersten Mal über ihre Erfahrungen mit anderen Betroffenen, sodass die vorgesehene Zeit von zwei Stunden kaum reichte. So wurde am 20.11.2021 auf Borkum – handschriftlich mit einem Zettel – die Borkumaustauschgruppe von 13 Betroffenen gegründet, mit dem Ziel, weiterhin regelmäßig Erfahrungen auszutauschen, Infos zu den Heimen und Heimfotos mit der Gruppe zu teilen, und über
Aktuelles zum Thema Verschickung zu informieren. Ein weiteres wichtiges Ziel ist, Betroffenen, die den Namen ihres Heimes auf Borkum bisher noch nicht herausfinden konnten, durch Fotos und Austausch mit anderen aus der Gruppe zu helfen, ihr Heim zu finden.
Austausch, Wachstum und Bedeutung der Gruppe für Betroffene
Das erste Onlinetreffen fand bereits am 13. Januar 2022 statt, bis heute haben 28 Onlinetreffen stattgefunden. Die Gruppe ist inzwischen auf 140 Betroffene angestiegen. Damit dürfte sie die größte Heimortgruppe mit regelmäßigem Austausch innerhalb der Community der Verschickungskinder sein.
Gerade zu Beginn der Aufarbeitung hatten viele von uns Betroffenen mit den Zweifeln Nichtbetroffener zu kämpfen, wir seien Einzelfälle und würden übertreiben, oder es wären damals gängige Erziehungsmethoden gewesen.
Zeitzeugenberichte, Anerkennung des Leids und wissenschaftliche Aufarbeitung
Durch die beim Kongress auf Borkum geknüpften Kontakte stellte Pastor Schulze aus dem Kirchenarchiv die Akte „Adolfinenheim“ zur Einsicht zur Verfügung. Hierin befand sich ein Beschwerdebrief von drei ehemaligen Praktikantinnen aus dem Jahr 1972 an das Diakonissenhaus in Bremen, die ausführlich von den Missständen und der schwarzen Pädagogik gegenüber den Kindern berichteten. Nun gab es endlich erwachsene Zeitzeugen, die den rüden und oftmals traumatisierenden Umgang mit uns Verschickungskindern wie Schlafzwang, Essenszwang, Toilettenverbote anprangerten. Eine weitere ehemalige Praktikantin aus dem Adolfinenheim schrieb 1984 einen sechsseitigen Beschwerdebrief an das Diakonische Werk in Hannover. Und eine Praktikantin, die im Rahmen ihrer Ausbildung zur Kindergärtnerin 1970 im privat geführten Heim „Concordia“ war, meldete sich nach einem Zeitungsbericht über den Kongress bei unserer Borkumaustauschgruppe 2022 und schilderte ebenfalls die militärischen Methoden im Umgang mit den Kurkindern. Inzwischen wird das Leid der Verschickungskinder anerkannt: so nehmen auch ehemalige Träger das Thema Kinderverschickung ernst und gaben wissenschaftliche Studien in Auftrag, die bundesweite Beachtung fanden. Zuletzt im Mai 2025 veröffentlichte die DRV, der Deutsche Caritasverband, die Diakonie Deutschland und das DRK gemeinsam einen Forschungsbericht von Prof. Dr. Nützenadel und seinem Team, in denen auch zahlreiche Zeitzeugen zu Wort kommen.
Zum Adolfinenheim auf Borkum veröffentlichten bereits Ende 2023 Gerda Engelbracht und Achim Tischler das Buch „Zwischen Erholung und Zwang – Kinderverschickungen in das Adolfinenheim 1921 – 1996“, hier kommen zahlreiche Betroffene aus unserer Gruppe zu Wort, unsere Gruppe wird mit Kontakt – Emailadresse erwähnt.
Erinnerungskultur auf Borkum: Die Erinnerungsstele für Verschickungskinder
Ein weiterer Meilenstein auf unserem Weg der Anerkennung unseres Leids ist die Erinnerungsstele auf Borkum, die am 30. Juli 2025 auf dem lutherischen Friedhof, Nähe Süderstr. 64, eingeweiht wurde. Friedhelm Welge, Bildhauer und Mitglied unserer Gruppe, schuf diese Skulptur, die er „ängstliches Verschickungskind“ nannte. Von der Idee bis zur Umsetzung haben besonders Uwe und Silke, die in den 1970er Jahren direkt nebenan ins Adolfinenheim verschickt waren, ehrenamtlich viel Zeit und einige Reisen nach Borkum investiert, damit es zur Umsetzung der Idee kommen konnte. Unterstützt wurden sie von Pastor Schulze, sowie Mariele Kirchhoff und dem Team der ev.-lutherischen und -reformierten Kirchengemeinden und Vertreter*innen der Ökumene. Finanziert durch Spenden ehemaliger Träger wie der Diakonie Bremen, der Franziskanierinnen zu Thuine, sowie der Evangelischen Kirche. Auch die Borkumer Bevölkerung beteiligte sich mit Privatspenden, ferner Vereine wie die Borkum Stiftung, das Nordseeheilbad Borkum und die politische Gemeinde Borkum. Dank dieser breiten Unterstützung konnte ein Ort geschaffen werden, der heute und in Zukunft das Leid der Borkumer Verschickungskinder sichtbar und unvergessen macht. Ein Ort der Begegnung und auch Heilung.
Auch durch den regen Austausch in unserer Borkumgruppe konnten wir viele Dokumente, Fotos und Betroffenenberichte sammeln und damit unser Wissen zu den Verschickungsheimen erweitern und mit in unsere Heimliste aufnehmen. Es wird also nicht nur über uns geforscht, sondern mit uns und unter uns.
Was bisher nicht erforscht wurde, aber in der Borkumgruppe immer wieder Thema ist, ist die Frage, ob auch in Borkumer Verschickungsheimen einige Kurkinder durch Medikamentengabe sediert wurden. Einige aus verschiedenen Heimen erinnern sich an die Gabe von Säften oder Tabletten, und bis heute fragen sie sich, zu welchem Zweck sie diese bekamen. Die Vermutung der Sedierung liegt nahe, aber es nicht zu wissen oder nachweisen zu können, beunruhigt viele Betroffene bis heute sehr. Akten oder sonstige Dokumente, die eine solche Annahme belegen würden, konnten bisher von uns nicht ausfindig gemacht werden. Das Thema Medikamentengabe und/ oder Sedierung auf Borkum sollte daher aus unserer Sicht wissenschaftlich erforscht werden.
Bis heute leiten Uwe Rüddenklau, Silke Ottersbach und Regina Konstantinidis die Borkumaustauschgruppe ehrenamtlich als Heimortkoordinator*innen.
Betroffenenberichte – gesammelt von der Borkum-Austauschgruppe
Anmerkung von Regina Konstantinidis
Die Betroffenenberichte wurden unter ‚Zeugnis ablegen‘ auf der Seite verschickungsheime.de eingestellt und somit der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Durch Angabe des jeweiligen Verschickungsheimes sind sie exemplarisch und typisch für das, was dort zahlreiche weitere Betroffenen erlebt haben. Mit einigen hatte ich persönlichen Kontakt, z.B. langes Telefonat mit H. aus dem Haus Ruhreck, andere und weitere sind Mitglieder der Borkumaustauschgruppe.
Hier ist Haralds Bericht
2109 Einträge
Harald aus Essen schrieb am 30.07.2022
Verschickungsheim: Ruhreck / Borkum
Zeitraum (Jahr): 1976
Ich war 1976 vor der Einschulung für 6 Wochen im Haus Ruhreck auf Borkum. Es war
eine furchtbare Zeit, die mein Vertrauen in „staatliche Fürsorge aller Art“, besonders aber
„Jugendamt“ und vor allem „Jugendamt der Stadt Essen“ sehr nachhaltig zerstört hat.
Es sollte wohl eine „Erholungsmaßnahme“ sein, das war es aber natürlich nicht:
* Die Kinder wurden bei geringster Aufmüpfigkeit gerne mal mit Ohrfeigen diszipliniert
* Beliebt (beim Personal…) war auch, vor der Kindergruppe Ewigkeiten rumzustehen und
über seine „Vergehen“ nachzudenken und dann demütig um Verzeihung zu bitten
* Zu trinken gab es ausschließlich (in der warmen Sommerzeit) heiße Milch und heißen
Kakao, Durstgefühl war durchgehend gegeben. Ich weiß noch deutlich, dass ich über den
dauernden Durst in den Postkarten nach Hause, die unsere Betreuer angeblich nach
„Diktat“ geschrieben haben, geklagt hatte. Jahre später habe ich die Karten gefunden: Da
stand in höchsten Tönen jubelnd, wie toll es mir gefallen würde – alles gelogen.
* Wir mussten bei Einzug unsere Betten selber beziehen. Soweit kein Problem. Mir kam
aber komisch vor, dass alle Kinder eine Gummimatte unter das Laken legen mussten, weil
wir Bettnässer seien. War ich (mit 7…) nicht. Wurde ich aber schlagartig in dem Heim,
danach hörte es wieder auf.
Ich habe per Zufall Jahrzehnte später gelesen, dass das Personal Valium benutzt hat,
damit die Kinder Mittagschlaf halten und Nachts durchschlafen, Einnässen beim Schlafen
ist da wohl Nebenwirkung.
* Das Essen war unter aller Sau und die „Tischregeln“ rigoros. Ich mochte noch nie fettige
Suppen. Ich erinnere mich an einen Tag, an dem es Hühnersuppe gab, auf der Fettaugen
schwammen. Einige Kinder, ich auch, wollten das nicht essen. Mit Nackenschlägen und
Haare ziehen wurden wir gezwungen. Wer sich (wie ich) in die Suppenschüssel
übergeben musste, musste das dann eben mit aufessen
Ich hatte als Kind lange die Phantasiel, als Erwachsener zurückzukehren und mich beim
dann anwesenden Personal in einer möglicherweise justitiablen Art zu „bedanken“.
Darüber sprach ich in der Oberstufe mit einem sehr guten Lehrer, der nur kommentierte:
„Ruhreck? Den Laden haben sie zugemacht, da triffst Du keinen mehr an. Da haben wohl
Altnazi-Weiber Kinder gequält.“
Da fühlte ich mich erstmals verstanden, weil bis dahin die Elternmeinung war „Ach, so
schlimm wird es nicht gewesen sein, Du hast ja auch nie darüber gesprochen.“
Weiter geholfen hat dann, dass es inzwischen viele Berichte gibt, so auch hier.
Ich habe das Glück, zumindest subjektiv keine allzu großen Schäden mitgenommen zu
haben (außer, dass ich weder mich selber noch mein Kind in irgendeiner Form städtischer
oder staatlicher Obhut freiwillig aussetze, dazu hätte auch Wehrdienst gezählt), aber es tat
dann schon gut zu lesen, dass ich mich offenbar nicht „anstelle“ oder „viel zu schlecht“
erinnere; es war, wie es war.
Mir bleibt das Bild zurück, dass das Jugendamt (und sicher nicht „einzelne Mitarbeiter
ohne Wissen der Amtsleitung“, dafür ist der Umfang zu groß!) mit zwielichtigen Firmen
kooperiert hat und manche Menschen durch organisierte Kindesmißhandlung viel Geld
verdient haben.
Danke für nichts, Jugendamt Stadt Essen.
Kontakt
Wer Kontakt zu der Borkum-Austausch-Gruppe sucht, der wendet sich bitte per E-Mail an:
borkum@verschickungsheime.de