23669 Niendorf, 1955

Zitat: „Ich habe mir in dieser Zeit die ganzen Fingernägel abgekaut bis aufs blutige Fleisch.“ 23669 Niendorf, 1955

Von: R.B.
Ich kann mich erinnern. Ich war 6 Jahre alt und ging noch nicht zur Schule. Ich wurde vom
Gesundheitsamt in Lemgo-Brake verschickt.
Wir wohnten auf dem Dorf in Schwelentrup (meine Eltern waren Vertriebene) und wir hatten
wenig Geld.
Ich wurde in Dörentrup in den Zug gesetzt mit dem Ziel „Erholungsheim in Niendorf an der
Ostsee“. Es war eine sehr sehr lange Fahrt (so kam es mir damals vor), allein auf die erste Reise.
Es war 1955, etwa 4 oder 6 Wochen vor Weihnachten, denn 2 Tage vor Weihnachten kam ich
wieder nach Hause. Zum Nikolaustag bekamen einige Kinder ein Päckchen von zu Hause, ich
auch. Die Päckchen wurden von den Schwestern geöffnet. Wir durften nicht sehen, was drin war.
Es wurden eine Tüte Kekse und etwas Schokolade an die Gruppe verteilt, alles andere war weg.
Nicht mal der Brief wurde vorgelesen.
Auch wir mussten das Erbrochene vom Teller wieder aufessen und alle anderen mussten dabei
bleiben und weiter essen oder zusehen, bis der Teller leer war. Am Schlimmsten aber waren die
Mittagsruhe und die Nächte. Es war ein großer Schlafsaal für ca. 20 Mädchen. Dort mussten wir
jeden Tag mittags 2 Stunden auf einer Seite liegen, alle in eine Richtung und es durfte sich nicht
umgedreht werden. Die Nonne (Schwester E.) saß am Eingang und las ein Buch. Wer sich
bewegte, wurde bestraft und musste den restlichen Tag im Bett bleiben. Ich habe mir in dieser
Zeit die ganzen Fingernägel abgekaut bis aufs blutige Fleisch. Meine Mutter ist nach meiner
Rückkehr mit mir zum Arzt gefahren, weil sie dachte, ich hätte irgendeine Krankheit. Erst mit 35
Jahren bin ich von dieser Angewohnheit losgekommen.
Noch schlimmer waren die Nächte. Wir durften nachts nicht zur Toilette. Einige Kinder haben
nachts eingenässt. Als Bestrafung wurde das nasse Betttuch über den nackten Popo oder um die
Ohren gehauen und man musste den ganzen Vormittag in dem feuchten, halbdunklen
Waschraum in der Ecke stehen. Ab und zu kam eine Schwester und kontrollierte. Ich habe
versucht, nachts nicht zu schlafen, aber eines nachts habe ich davon geträumt und da ist es mir
auch passiert. An diese Erlebnisse erinnere ich mich immer wieder, wenn ich eine Nonne sehe.
Es gab noch eine Schwester E., das war keine Nonne, die war ganz lieb, aber nur, wenn die
Nonne nicht dabei war. Da konnte man auch kein Vertrauen aufbauen. Ich besitze noch ein Foto
mit besagter Person. Ich lege es Ihnen bei, um mich endgültig davon zu befreien. Vielleicht
gelingt es mir, ich möchte es nicht mehr behalten. Auf dem Foto mussten wir alle lachen, obwohl
uns zum Weinen war.
Das war mein Alptraum von der Erholung in Niendorf an der Ostsee.
Meinen eigenen Kindern, Jahrgang 1968 und 1971 habe ich aus diesem Grund immer eine
Freizeit mit kirchlichen Verbänden nicht gestattet und würde es auch heute noch genauso
entscheiden.
Anonymisierungs-ID: adq