Franz von Assisi (1181/82–1226): Begründer des Franziskanerordens – Vorbild für Armut, Einfachheit und Nächstenliebe.
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Sancta Maria und die Franziskanerinnen: Religiöses Leitbild der Ordensschwestern
Das Kinderkurheim Sancta Maria auf Borkum stand in der Trägerschaft der „Kongregation der Franziskanerinnen vom hl. Martyrer Georg zu Thuine“, einer römisch-katholischen Ordensgemeinschaft mit franziskanischer Prägung. Die Einrichtung war damit nicht nur medizinisch oder sozial ausgerichtet, sondern Teil einer kirchlichen Institution mit einem verbindlichen geistlichen Leitbild.
Die Schwestern der Kongregation verpflichten sich durch ihre Gelübde zu Armut, Ehelosigkeit (Keuschheit) und Gehorsam. Ihr Leben soll sich am Evangelium und an der Spiritualität des heiligen Franz von Assisi orientieren. Die franziskanische Tradition betont insbesondere Einfachheit, Demut, Umkehr, Ehrfurcht vor der Schöpfung sowie den Einsatz für Frieden und Gerechtigkeit. In Selbstdarstellungen beschreibt der Orden seinen Auftrag unter anderem mit dem Anspruch, Gottes erbarmende Liebe für die Menschen sichtbar zu machen.
Sancta Maria war organisatorisch Teil des Ordens; seine religiösen Grundsätze bildeten den Maßstab, an dem sich die Arbeit im Heim messen lassen musste.
Wie ein Grandhotel – zwischen Fassade und Erinnerung
Die Journalistin Sabine Seifert war eines der ehemaligen Verschickungskinder, die sich Anfang August zur Einweihung des Erinnerungsortes auf den Weg nach Borkum machte, um darüber zu berichten. Das sei ihr nicht leicht gefallen, da Borkum nicht unbedingt zu ihren Lieblingsorten gehöre, erzählt sie.
Durch ein Foto hatte die taz-Redakteurin Sabine Seifert bei einem Kongress der Verschickungskinder herausgefunden, welches Heim auf Borkum der Ursprung ihrer Beklommenheit war, die sie mit der Insel verbindet: das vom katholischen Orden der Franziskanerinnen in Thuine geführte Kurheim „Sancta Maria“, das heute als Mutter-Kind-Fachklinik wie ein Grandhotel am Nordrand der Dünen hinaufragt. Sie erinnert sich vor allem an die Demütigung: „Wie ich im Freien das Laken im kalten Wasser eines Blecheimers auswaschen musste, vor der Gruppe, weil ich nachts ins Bett gemacht hatte.“
Die Generaloberin des Ordens Maria Cordis Reiker war ebenfalls zur Einweihung des Gedenkortes angereist. Sie entschuldigte sich bei den Betroffenen und sprach von „Trauer und Beschämung“, die sie als Vertreterin der Kongregation empfinde. Mehr Informationen zu der Erinnerungsskulptur findet ihr hier.
Sexueller Missbrauch unter Ordensleitung in Niendorf – Hinweise bereits im Jahr 2010
Der Franziskanerinnen-Orden, der unter anderem noch Träger der Verschickungsheime St. Antonius und St. Johann in Timmendorfer Strand-Niendorf gewesen war – wir haben hier berichtet – , wusste sehr genau um die Schwere des Erlebten. Bereits 2010 waren Vorwürfe über das Netzwerk B, einem Forum für Betroffene sexualisierter Gewalt, gegen ihn erhoben worden. Gaby, die Lebensgefährtin von Daniel B., wandte sich dort hilfesuchend an die Forengemeinschaft. Ihr Lebensgefährte hatte sich ein Jahr zuvor das Leben genommen. Zu schmerzhaft seien für ihn die Erinnerungen an den sexuellen Missbrauch gewesen, die er in Niendorf erlebt habe.[1] Die Ordensgemeinschaft beauftragte zunächst intern eine Schwester, den Vorwürfen nachzugehen. Die Bemühungen wurden jedoch schnell aufgegeben, offiziell aufgrund der Aktenlage, die wegen der nur zehnjährigen Aufbewahrungspflicht zu dünn sei. [2]
[1] Gilhaus (2023), Verschickungskinder, S.165-192
[2]Pressemitteilung der Franzikannerinnen zur Thuine, Link hier
Erst öffentlicher Druck nach Recherchen von Lena Gilhaus bringt Aufarbeitung
Erst als die Journalistin Lena Gilhaus dem Fall auf die Spur ging und Gaby D. beim Aufarbeitungsprozess begleitete, kam Bewegung in die Sache. Mehr Information zu Lena Gilhaus‘ Film ist hier aufrufbar, Infos zum Buch gibt es hier. Die Thuiner Franziskanerinnen beauftragten die Leiterin der Diözesanbibliothek des Bistums Osnabrück Dr. Christine Möller damit, eine „Dokumentation als Beginn eines Dialogs zu erstellen.[3] Möller führte daraufhin Gespräche mit Betroffenen und ehemaligen Ordensschwestern der Heime. Generaloberin Maria Cordis Reiker erklärte, dass die Stimmen der Verschickungskinder gehört werden sollen „von allen Schwestern in unserem Orden, von allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in unseren Einrichtungen und von allen, die sich diesem Leid bisher verschlossen haben“.[4]
Franziskanerinnen erweitern ihre Zwischenstudie
Dr. Christine Möller erweitert im Auftrag des Ordens den bisherigen Zwischenbericht. Ziel ist es, die Kinderkuren in „Sancta Maria“ bis 1970 aufzuarbeiten. Die Generaloberin Schwester Maria Cordis Reiker hat bestätigt, dass zurzeit an einer Fortschreibung des Zwischenberichts gearbeitet würde:
"Er soll noch in der ersten Hälfte von 2026 erscheinen. Wir hoffen, dass es klappt. Zuschriften und Berichte von Betroffenen, gleich in welchem Zeitraum, nehmen wir in die Fortschreibung auf. Mit Betroffenen, die sich gemeldet haben, sich aber nicht in der Lage sehen, einen Bericht zu schreiben, haben wir ein Interview geführt und es mit deren Autorisierung aufgenommen."
Schwester Maria Cordis Reiker Tweet
Kaltherzige Ordensschwester
Ein mit acht Jahren aus Bayern für sechs Wochen nach Borkum in das Heim Sancta Maria Verschickter (im Folgenden hier anonymisiert mit X. F.) erinnert sich als Erwachsener an eine besonders kaltherzige Schwester. Möller, die Leiterin der Diözesanbibliothek des Bistums Osnabrück ,paraphrasiert das Gespräch, in dem sich beide auf die Bezeichnung „Schwester Drachen“ einigten, im sogenannten Zwischenbericht des Ordens wie folgt:
„Mit anderen Kindern hat X. F. in einem großen Schlafsaal mit ca. 20 Betten gelegen. Tagsüber wollte er nicht zeigen, wie sehr er unter Heimweh litt, deswegen hat er jeden Abend unter der Bettdecke geweint. Eines Abends kam Schwester Drachen und hat bemerkt, dass er noch nicht schlief, worüber sie erbost war. Er musste ihr in einem kleinen Raum mit milchigem Licht folgen. Dort sagte sie zu ihm: ‚So, und jetzt stellst Du Dich auf den Stuhl und stehst dort so lange, bis Du müde bist!‘ X. F. hat sich als Kind in diesem Moment sehr verlassen gefühlt, in dem Wissen, dass ihm niemand helfen wird. Erinnerung an Schläge oder körperliche Gewalt hat X.F. nicht. Weiter berichtet er, dass Schwester Drachen den Kindern ca. einmal pro Woche die Fingernägel geschnitten hat. Die Kinder mussten sich dazu in einer Reihe aufstellen, und Schwester Drachen hat die Fingernägel der Kinder ‚derart grob‘ geschnitten, dass hinterher alle immer blutige Fingerkuppen hatten. In ihrer Not haben die Kinder davon Fräulein Irmgard berichtet, die allerdings erwiderte, da könne sie nichts machen, dass sei ihre Chefin.“[5]
Zwischen Fürsorge und bitterer Enttäuschung
Über die Macht der Kirche, die schon bei den Kleinsten wirkte, erinnert eine Betroffene, dass sie schon als Kind den Fehler bei sich gesucht habe: „Dieses Heim Sancta Maria, das war in katholischer Trägerschaft, von katholischen Ordensschwestern, sodass ich immer dachte, es ist richtig, was die machen. Und immer gedacht habe, an mir ist etwas verkehrt, wenn ich das alles als schlimm empfinde.“[6] Eine andere, Ende der achtziger Jahre Verschickte erzählt, dass sie sich bei den Nonnen das erste Mal wirklich umsorgt gefühlt habe. Sie habe sich deshalb geöffnet und um Hilfe gebeten, da sie zu Hause Missbrauch erfahren musste. – Um bitter enttäuscht zu werden: Sie denke sich alles nur aus und wolle bloß Aufmerksamkeit erheischen, sei ihr von der Oberin vorgeworfen worden.
„Ich kam aus einer schwierigen Familie, hatte Missbrauch erlebt und fand in den Betreuerinnen zum ersten mal jemanden, der sich wirklich gekümmert hat und wirklich zugehört hat. Ihnen konnte ich mich anvertrauen und sie sagten, das Jugendamt könnte nur von der alten Oberin verständigt werden, dazu sollte ich mit ihr reden und ihr das alles erzählen.
Ich stand also ganz allein in einem kleinen Raum vor dieser alten Frau, die eine unfassbare Kälte ausstrahlte und wusste, dass nur über sie der Weg ging, wie ich aus den Qualen in meinem Elternhaus herauskommen könnte. Ich erzählte stockend von den furchtbaren Erlebnissen zuhause, doch sie ließ mich gar nicht zum Ende kommen und sagte, das wäre alles gelogen, ich würde mir das nur ausdenken um Aufmerksamkeit zu bekommen und ich solle mit sowas den wichtigen Leuten nicht die Zeit stehlen und sie würde mit meiner Mutter mal ein ernstes Wort über mein Verhalten sprechen.“[7]
[6] Interview Birgit Amrehn mit Ulrike B. Das ganze Interview könnt ihr hier hören.
[7] https://kinderverschickungen-nrw.de/26757-borkum-1987.
Sancta Maria steht zu Prügelstrafe
Vorwürfe gegen das Borkumer Heim waren strenggenommen nicht neu. Bereits im April 1970 hatte der Kölner Express getitelt: „Ordensschwester prügelt Kölner Ferienkinder“. Das Brisante: Statt die Gewalt zu leugnen, bestätigte das Verschickungsheim die kruden Strafmaßnahmen. Zwei verschickte Brüder hatten ihrer Mutter berichtet, dass sie zur Strafe verprügelt worden waren. Anderen Kindern war bei Verstößen „gegen die Hausordnung“ das Taschengeld gekürzt worden. Weil die Ordensschwestern die Briefe der Kinder zensierten, um sicherzustellen – so die Begründung –, „dass die Briefe der Kinder einigermaßen sauber und formschön abgehen“, erfuhr die Mutter erst nach der Rückkehr von den Erlebnissen ihrer Söhne. Sie wandte sich an die zuständige Kölner Entsendestelle beim Jugendamt. Auf die Missstände angesprochen, räumte die Leiterin ein: „So etwas passiert leider immer wieder. Bis jetzt gab es allerdings über Borkum, im Gegensatz zu anderen Heimen, die wir beschicken, noch keine Klage.“[8] Damit war der Fall aktenkundig.
[8] Express, 27.4.1970 (Herbert Franz „Briefzensur im Nordseebad. Ordensschwester prügelt Kölner Ferienkinder“), abrufbar hier
Erste große Bundesstudie zeigt: Wo sind Aktenfunde möglich
Fünfzig Jahre später recherchierte das Team um Professor Alexander Nützenadel von der Humboldt-Universität in Berlin für die Studie Die Geschichte der Kinderkuren den Vorgang im Niedersächsischen Landesarchiv.[9] Der Regierungsbezirk Weser-Ems war für die Heimaufsicht auf den ostfriesischen Inseln zuständig. Deshalb wird der Vorgang zusammen mit anderen Heimaufsichtsakten im niedersächsischen Archiv aufbewahrt.
[9] Nützenadel et al., Die Geschichte der Kinderkuren, S. 305., Download u.a. möglich hier
Das ehemalige Verschickungsheim Sancta Maria ist heute eine Mutter-Kind-Kur-Einrichtung, noch immer von den Thuiner Franziskanerinnen geführt. Die Verschickung von Kindern, die allein ohne ihre Eltern in sehr jungem Alter die lange Zugreise antreten mussten, ging bis in die 1990er Jahre.
Erfahrungen eines Verschickungskindes vom Frühjahr 1990
Auch heute berichten ehemalige Verschickungskinder, dass sie sich mit ihren persönlichen Erfahrungen direkt an die Generaloberin der Franziskanerinnen von Thuine, Schwester Maria Cordis Reiker, wenden. In ihrer Funktion als Leiterin der Ordensgemeinschaft nimmt sie entsprechende Schreiben entgegen.
Schwester Maria Cordis Reiker steht seit 2016 an der Spitze des Ordens; im April 2022 wurde sie für eine weitere Amtszeit bestätigt.
Der folgende Brief des damaligen Verschickungskindes J. B. an die Generaloberin, den wir mit Genehmigung von J. B. veröffentlichen dürfen, schildert Erlebnisse aus dem Jahr 1990. Die darin beschriebenen Erfahrungen weisen Parallelen zu Berichten aus früheren Jahrzehnten auf.
„Sehr geehrte Schwester Maria Cordis Reiker,
es fällt mir nicht leicht, Ihnen zu schreiben, weil ich noch heute jeder Ordensschwester aus dem Weg gehe und zur Kirche allgemein, obwohl ich an Gott glaube, kein Vertrauen mehr haben kann. Dennoch weiß ich, dass ich irgendwo anfangen muss, und ich habe gelesen, dass Sie die Umstände im Sancta Maria Kinderkurheim aufarbeiten.
Ich war mit ca. 11 Jahren, ungefähr im Jahr 1990 da und einer Gruppe mit Ordensschwestern zugeordnet. Was vielleicht hilft, die Zeit einzuordnen: Meine Cousine war zu dem Zeitpunkt dort als Erzieherin tätig und laut meinen Eltern wurde in dem Jahr eine Physiotherapeutin wegen der Misshandlung der Kinder entlassen. Ob ich unter ihr gelitten habe, weiß ich nicht mehr so genau, ich sehe immer nur ein weinendes anderes Mädchen vor mir, was von ihr beschimpft und „beweglich gemacht“ wurde.
Zu meiner Person: Ich war dort, um an Gewicht zuzunehmen. Ich erinnere mich, dass ich jeden Tag einen Nachtisch mit Vanillesoße erhielt, der komisch aussah. Ich habe gefragt, warum das so sei und man sagte mir, dass da etwas drin sei, damit ich zunehme. Wissen Sie vielleicht, was das war?
Einmal mochte ich etwas nicht. Man hat mich von ca. 12.30 Uhr bis 17 Uhr unter der Aufsicht einer Schwester gezwungen, alles aufzuessen und mir gesagt, dass ich es nicht wagen solle, zu erbrechen, dass ich das dann auch essen müsse.
Ansonsten erinnere ich mich daran, dass uns vorgegaukelt wurde, dass wir in der Mittagsruhe im Schlafsaal lesen dürften. Ich durfte dann aber in der ganzen Zeit nicht ein einziges Mal lesen. Ich musste 1,5 Stunden still liegen und die Augen schließen. Eine Schwester hielt Wache. Überwacht wurde auch das Schreiben der Briefe nach Hause. Ständig guckte einem jemand über die Schulter und las mit. Dann war da ein toller Abenteuerspielplatz. Ich hatte mich sehr auf ihn gefreut. Nur einmal durften wir dorthin. Wir mussten zudem in Reihen zu zweit spazieren gehen und immer das Tempo halten. Dann erinnere ich mich noch an das tägliche Inhalieren, das ich furchtbar fand.
Es gab eine nette, jüngere Schwester dort, der Rest war furchtbar. Ich erinnere mich aber an keinen einzigen Namen mehr aus der Zeit und habe, trotz, dass ich schon älter war, erhebliche Erinnerungslücken. Da ich im Moment eine Hypnosetherapie mache, kann es passieren, dass da noch einiges ans Tageslicht rückt. Dann würde ich Ihnen wieder schreiben.
Freundliche Grüße“
👉 Das ehemalige Verschickungskind J. B. erhielt nach einiger Zeit eine mitfühlende Antwort der Generaloberin. Auf konkrete Inhalte des Schreibens wurde darin jedoch nicht näher eingegangen.
Die Eltern des ehemaligen Verschickungskindes J. B. haben sämtliche Unterlagen aufbewahrt. Bei der Durchsicht dieser Dokumente entsteht der Eindruck, dass zwischen den vom Heim Santa Maria angekündigten Maßnahmen und den später von J. B. geschilderten Erlebnissen eine deutliche Diskrepanz besteht.
Alle drei Dokumente wurden von den Eltern der Zeitzeugin aufbewahrt und befinden sich in ihrem Privatbesitz
Kinderkur oder Reklame? Schreiben von Sancta Maria wirken wie Werbebriefe
Der Ton der Schreiben erinnert eher an einen Werbeprospekt als an eine nüchterne medizinische Mitteilung. Pädagogische und gesundheitliche Vorteile werden ausdrücklich hervorgehoben, mögliche Bedenken von Eltern und Lehrkräften aktiv aufgegriffen und relativiert. Die Argumentation folgt einer klaren Überzeugungslogik: Einwände werden benannt, positive Effekte betont und organisatorische Lösungen angeboten. Dies legt nahe, dass die Kurmaßnahme gegenüber Eltern und Schulen erklärungs- und rechtfertigungsbedürftig war – ihre Zustimmung offenbar nicht (mehr) selbstverständlich.
Interview mit Zeitzeugin U.B.
U. B. war 1977 für sechs Wochen ins Heim „Sancta Maria“ verschickt. Im Interview mit Birgit Amrehn erzählt sie von dieser traumatischen Zeit, und unter welchen Folgen sie bis heute leidet.
Zwei Kinder starben 1953 im Meer – Akten belegen Badeunfälle
Autorin: Birgit Amrehn
Für zwei Kinder endete ihre Verschickung sogar tödlich. In einer Akte des Landesarchivs Niedersachsen sind für das Jahre 1953 zwei Badeunfälle von Verschickungskindern aus „Sancta Maria“ dokumentiert. Nur wenige Tage nacheinander ertranken die 12-jährige Margret aus Ochtrup und die 14-jährige Carola aus Dortmund. Eine Unterströmung der Nordsee hatte sie mit anderen Kindern der Gruppe aufs offene Meer gezogen. In der Borkumer Chronik ist beschrieben, dass eines der Mädchen erst Wochen später an der Schleswig-Holsteinischen-Küste angespült wurde. Die anderen Kinder seien durch Rettungsschwimmer und Gäste gerettet worden. Als Folge dieser Tragödie wurden, laut eines Zwischenberichts der Kongregation, nicht nur von Seiten des Ordens die Baderegeln verschärft. Das DLRG-Büro verfügte, dass nur noch 8 Verschickungskinder in einer Badegruppe sein dürften. Außerdem musste jede Gruppe von nun an von einem DLRG-Schwimmer im Wasser begleitet werden. Dies wirft Fragen zur damaligen Aufsichtspraxis auf.
Geschichte des Kurheims Santa Maria
Die Kongregation nutzt Sancta Maria auf Borkum wieder als Kindererholungsheim
In Akten dokumentierte Badeunfälle von Verschickungskindern aus Sancta Maria
Bericht über Gewaltvorwürfe gegen Schwester „Martina“; im Landesarchiv ist ein Gespräch protokolliert, in dem sie Schläge einräumt
Betrieb von drei Verschickungsheimen (Sancta Maria, St. Antonius, St. Johann)
Interne Aufarbeitung von Vorwürfen ehemaliger Verschickungskinder
Interne Aufarbeitung von Vorwürfen ehemaliger Verschickungskinder
Externe Recherche beauftragt (Christine Möller) für 1970–1990
Zwischenbericht veröffentlicht; viele Aktenanfragen ohne Ergebnis (fehlende Akten/ Löschfristen/ Datenschutz)
Ehemalige Verschickungsheime Sancta Maria und Maria Meeresstern werden als Mutter-Kind-Kurheime genutzt; der Orden betreibt u. a. Pflegeeinrichtungen, Schulen und Internate
Archiv-Tipp für eigene Recherchen: Welche Akten zu Sancta Maria noch existieren
- Es gibt Akten im Niedersächsischen Landesarchiv Abteilung Oldenburg. Das liegt am Standort der Heimaufsicht im Regierungsbezirk Weser-Ems und am Landesjugendamt, Abteilung Oldenburg. In zwei Beständen gibt es je eine Akte zum Verschickungsheim Sancta Maria: im Bestand der Bezirksregierung Weser-Ems (Bestandssignatur Rep. 410) und im Bestand des Verwaltungsbezirks Oldenburg (Bestandssignatur Rep. 400). Im Bestand Rep. 400 ist das der Aktenband Akz. 226 Nr. 92. Im Bestand Rep. 410 ist die Bandnummer Akz. 226 Nr. 93. Die Akten sind nicht frei zugänglich. Die Einsicht muss aus Datenschutzgründen beantragt werden.
- Tipps für die Recherche im Niedersächsischen Landesarchiv:
„Wenn Sie Archivalien zur eigenen Einsichtnahme in unseren Lesesaal vorzubestellen, müssen Sie sich in Arcinsys registrieren, anmelden und einen Nutzungsantrag an uns stellen. Sobald Ihr Antrag genehmigt wurde (dies kann u.U. bis zu einem Werktag in Anspruch nehmen), können Sie Archivalien entweder auf Ihre Merkliste oder in den Bestellkorb stellen und anschließend zu einem gewünschten Termin bestellen. Den Bereitstellungsstatus können Sie jederzeit im System abfragen. Weitere Informationen zur Registrierung und Bestellung entnehmen Sie bitte den beigefügten Anleitungen. Die Archivalien können Sie im Lesesaal zu den untenstehenden Öffnungszeiten einsehen. Registrierung, Antragstellung und Bestellung sind natürlich vor Ort im Archiv möglich.“
- 2020 sichtete Andrea Eberwien, erste Heimortkoordinatorin Borkum (2019–2020), im Niedersächsischen Landesarchiv (NLA) Abteilung Oldenburg die Akte „Aufsicht über das katholische Kinderkurheim ‚Sancta Maria‘ auf Borkum 1946–1974“ (Akte: Rep 400 Akz 226 Nr. 92).
In der Akte befinden sich seit 1947 die jährlichen Protokolle der Überprüfung des Heimes durch das Landesjugendamt, dazwischen die Weihnachtsglückwünsche des Heimes an das Amt und die Personallisten vom Heim an das Amt. Aus diesen Listen geht Name, Familienstand, Ausbildungsqualifikation mit Jahr und Funktion des betreuenden Personals im Heim hervor. Dazwischen ist ein Foto-Prospekt vom Heim (ca. 1965), ein handgezeichneter Lageplan von 1967, ein Beschwerdebrief einer Mutter aus Köln (1970) und die Antwort vom Heim. Eingelegt auch auf dünnen Durchschlagpapier eine Art „Leitbild“ vom Heim ohne Angabe von Jahr oder Verfasser. In der Akte befinden ich auch die Informtionen zu den Badeunfällen. Bericht und Zeitungsausschnitt zum Tod der 12-jährigen Margret aus Ochtrup und der 14-jährigen Carola aus Dortmund beim Baden (1953).
Weitere Informationen oder Kontakt zur Autorin sind über die Borkum-Austauschgruppe möglich: borkum@verschickungsheime.de
- Beim Caritasverband in Osnabrück Findbuch-Nr. 4.3.8.00/021 gibt es folgende Akten:
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Bestände unter Betreuung des Diözesanarchivs Osnabrück:
Pfarreiakten Borkum:
- A.-110 Allgemein, darin: Urlauberseelsorge, 1955-1976 (enthält auch Unterlagen zum Kinderkurheim, unter anderem Statistik)
- C.-235 Kinderheim Sancta Maria, 1946-1968 (gemischte Akte, vorwiegend organisatorische Kontakte zu den Thuiner Franziskanerinnen und Besetzung der Stelle eines Hausgeistlichen dokumentiert)
Caritasarchiv (nicht im Haus, muss bei Bedarf vom Caritasverband angefordert werden):
- 4.3.2.05/004 Verhandlungen zwischen dem Berufsverband der Ortskrankenkassen und Müttergenesungswerk zur staatlichen Anerkennung der Pflegesätze für Kostenübernahme der Kurmaßnahmen durch Krankenkassen, 1980-1992 (Darin auch: Konzeptionen der Erholungsheime im Bistum Osnabrück: Kinderkurheim Sancta Maria auf Borkum, Müttergenesungsheim Haus Maria am Meer auf Norderney, Mutter Kind Heim Haus Wittdün auf Langeoog und Müttergenesungsheim Haus St. Anna in Bad Iburg, 2 Bände)
- 4.3.8.00/021 Kinderkurheim Sancta-Maria Haus auf Borkum, 1960-1990 (Umbau, Renovierung. Darin auch Heimaufsichtsbesuche der Bezirksregierung Weser-Ems)
- 4.3.8.00/022 Kinderkurheim Sancta-Maria Haus auf Borkum, 1996 (Pflegesatzverhandlungen)
Bestände im Pfarrarchiv Borkum (auf Borkum, bei Bedarf können Digitalisate angefertigt werden):
- C.-445 Kinderheimschule, 1906-1911 (Acta betreffend die Familienschule im katholischen Kinderheim)
- C.-631 Kinder- und Jugenderholung, 1952-1956 (Kinderlandverschickung, Jugenderholung auf Borkum)
- Darüber hinaus kann das Caritas-Archiv einen Zeitungsartikel zum 75-jährigen Jubiläum von Sancta Maria zur Verfügung stellen.
Weitere Zeitzeugenberichte aus unserem Portal oder hier auf der Seite Verschickungsheime.de
Wer ebenfalls im Kurheim Sancta Maria war und seine Erfahrungen in Form eines (anonymen) Zeitzeugenberichts teilen möchte, ist herzlich eingeladen, diese per E-Mail an uns zu schicken:
projekt@akv-nrw.de Stichwort: Sancta Maria
Oder nutzt unser anonymes Zeitzeugenportal unter https://diakonie.canto.global/v/JLPUBQQO4E/album/O1REU?viewIndex=0
Redaktion: Michaela Stricker