23669 Niendorf/Ostsee, 1970

Keinen Namen, sondern die Nummer 71

Von: P.K.

Name des Trägers:
Kostenträger:
Verschickungsort: Niendorf/Ostsee
Zeitpunkt der Verschickung: April/Mai 1970
Dauer der Verschickung: 6 Wochen

Ich habe mich auch bis heute als Einzelschicksal gesehen. Gerade habe ich den Bericht in der WAZ darüber gelesen und bin ziemlich aufgewühlt.
Meine bewusste Reaktion auf alles Erlebte war, dass ich mir geschworen habe, meine Tochter niemals alleine zur Kur zu schicken.
Ich war auch zu dünn und hatte mit den Bronchien zu kämpfen. Da meine Eltern sich einen Urlaub an der See nicht leisten konnten dachten sie natürlich, dass sie mir etwas Gutes tun. Ob und was ich danach zu Hause erzählt habe, weiß ich nicht mehr. Aber dass mich diese Zeit geprägt hat, lassen mir gerade die Tränen herunterlaufen. Vielleicht ist es das, was mich im Innersten immer wieder hochschrecken lässt.
Wenn ich die Zeilen der anderen Betroffenen lese, scheine ich noch “Glück” gehabt zu haben. Mein Erbrochenes musste ich nur selbst wieder vom Boden aufwischen.
Ich hatte vor Ort keinen Namen, sondern die Nummer 71.
An meinem Bett im Schlafsaal war die Blende am Fußende vom Gestell allein heruntergefallen. Ich wurde dafür zur “Sau” gemacht, weil mir unterstellt wurde, ich hätte im Bett gesprungen. Die Stimmer der schwarzhaarigen Tante habe ich noch heute im Ohr.
Und dann das schreckliche Heimweh dieser langen endlosen sechs Wochen.
Ich besitze zwei Fotos aus dieser Zeit. Einmal sind wir am Strand (ich möchte fast behaupten, wir waren dort tatsächlich nur ein- oder zweimal) und das andere Foto zeigt unsere Kindergruppe vor dem Hotel Immenhof.
Ich bekam auf jeden Fall nach der “Kur” mein Fahrrad, was mir versprochen wurde, wenn ich fahren würde. Anonymisierungs-ID: agc