26548 Norderney, 1952

Zitat: „Pädagogik wie aus der Nazi-Zeit …“



Von: B.M.
Der RP Artikel „Die Leiden der Verschickungskinder“ vom 19.9.2020 hat mir noch einmal meine
eigenen sehr negativen Erlebnisse während meiner Kinderverschickung im Jahre 1952 in
Erinnerung gerufen. Sechs Wochen lang war ich als Sechsjähriger ohne jeglichen Kontakt zu
meinen Eltern den Schwestern und Ärzten der „Seeblick Klinik“ auf Norderney im wahrsten
Sinne des Wortes „ausgeliefert“.
Wenn man heute von Kinderkuren spricht, hatte das mit dem äußerst strengen Regime, das dort
geführt wurde, kaum etwas gemein, eher etwas mit einem Strafgefangenenlager. Liebe und
Verständnis für ein asthmatisches Kind, das jede Nacht hustete und verzweifelt nach Luft rang?
Fehlanzeige! Und wenn dieses Kind dann, völlig vereinsamt und unglücklich, wie in meinem Fall,
begann, das Bett zu nässen, dann wurde man zur Strafe mit dem nassen Bettlaken morgens vor
der Eingangstüre postiert, wohl damit diese Erniedrigung das „Fehlverhalten“ abstellte.
Pädagogik wie aus der Nazi-Zeit, und daher stammte wohl auch noch die gesamte Atmosphäre,
die die Klinik Anfang der 1950er Jahre bestimmte.
Jahrzehntelang konnte ich keine Haferschleimsuppe sehen, ohne Würgegefühle zu bekommen,
weil es morgens, mittags und abends zum Essen eine große Portion gab, die natürlich auch völlig
aufgegessen werden musste. Der Effekt: ich nahm zu und wurde rund, das sollte wohl bei meiner
Heimkehr zu meinen Eltern belegen, dass ich mich gut erholt hatte!?
Mein schlimmstes Erlebnis betrifft eine völlig nutzlose OP ohne Einwilligung meiner Eltern. Ein
Arzt hatte entschieden, dass mir die Mandeln geschält werden müssten, vielleicht weil man
damals den Verdacht hatte, sie spielten negative Rolle bei Asthmatikern. Ohne Erklärung wurde
ich also eines Tages auf einen HNO-OP Stuhl gesetzt, aufgefordert meinen Mund weit zu öffnen,
worauf mir eine Art Stahlkäfig in den Mund geschoben wurde. Dann wurde ich festgehalten und
mir wurde eine mit Chloroform getränkte Maske über das Gesicht gestülpt, um mich zu
betäuben. Man wird – ohne große Fantasie entwickeln zu müssen – nachvollziehen können, dass
ich dachte, mein letztes Stündlein habe geschlagen und in Todesangst in Narkose versetzt
wurde. Danach kam ich in ein Einzelzimmer, um mich zu erholen, versehen mit einer
Nierenschale, die ich in der Nacht randvoll mit erbrochenem Blut aus meinem Magen füllte. Mit
etwas Pech wäre ich vielleicht sogar nachts verblutet.
In welcher Zeitkapsel die Seeklinik Norderney steckengeblieben war, konnte man am besten an
der „Schule“ ablesen. Obwohl ich in NRW noch nicht schulreif war, entschied man während der
letzten Wochen, ich solle die dortige Schule besuchen. Und was unterrichtete man?
Sütterlinschrift, und ich darf mich zu Recht als klassisches „I-Dötzchen“ bezeichnen, weil man
erster erlernter Buchstabe das berühmte „Auf ab auf, Pünktchen oben drauf“ i war. Ja, das war
1952!
Ich bin sicher, dass ich bei meiner Rückkehr meinen Eltern von meinen Misshandlungen
berichtet habe, aber sie haben bedauerlicher Weise nichts unternommen, noch nicht einmal
einen Beschwerdebrief an die Klinikleitung versandt. Hätte ich den behandelnden Arzt als
junger Mann irgendwo zufällig getroffen, hätte er allerdings von mir eine gehörige Tracht Prügel
bekommen.
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