26548 Norderney, 1959

Bis heute habe ich eine Abneigung gegen die deutschen Nordseeinseln…

Von: H.P.

Verschickungsort: Norderney
Zeitpunkt der Verschickung: ca. Ende der 50er Jahre
Dauer der Verschickung: 6 Wochen
Bericht: Ich bin 1951 in Wuppertal geboren. Nach mehreren Krankenhausaufenthalten war ich sehr dünn und wurde deswegen zur Kur nach Norderney geschickt. Darauf freute ich mich sehr, weil ich endlich das Meer sehen würde. Ich war Arbeiterkind und Urlaubsreisen konnten sich meine Eltern nicht leisten.
Die von mir ersehnten Strandaufenthalte gab es nicht. Ebenso durften die Dünen nicht betreten werden. Wir wurden gezwungen jeden Tag hinter den Dünen Völkerball zu spielen. Ich war nie ein sportliches Kind und allein diese erzwungenen Spiele waren für mich schon eine Strafe. Alles war darauf abgestimmt den sogenannten “Tanten” das Leben zu erleichtern, mit strenger Reglementierung für uns. In den 6 Wochen hat man uns kein einziges Mal an den Strand gelassen. Ich war auf Norderney ohne das Meer richtig gesehen und erlebt zu haben.
Am Schlimmsten war das Essen. Kalte Makkaroni mit Tomatensoße waren mir bis dato unbekannt und ich fand die tägliche Portion widerlich. Noch widerlicher waren die Nachspeisen, ich fand Geruch und Geschmack und die Optik der Quarkspeisen abstoßend. Lediglich das Abendbrot war für mich genießbar, es gab Schnitten. Dazu musste man seine Hand heben und bekam dann eine Schnitte von der Tante zugeteilt. Weil ich ausgehungert war, war meine Hand natürlich immer oben, wurde dann aber ignoriert, weil nur eine bestimmte Anzahl Schnitten pro Kind vorgesehen war. Außerdem sollte der Hunger mich dazu zwingen, bei den anderen Mahlzeiten meine Teller zu leeren. Wie ein untergewichtiges Kind von diesem Fraß Gewicht zulegen sollte ist mir bis heute ein Rätsel.
Eines Nachmittags fand die Heimleiterin mich vollkommen allein im ansonsten leeren Haus im Speisesaal vor meiner Quarkspeise sitzen. Auf Nachfrage erzählte ich ihr meine Schwierigkeiten mit den Mahlzeiten. Sie hat dann dafür gesorgt, dass keine Versuche mehr unternommen wurden mich zum Essen zu zwingen. Außerdem sollte ich so viele Schnitten bekommen wie ich wollte. Ich habe also praktisch nur von den Schnitten zum Abendbrot gelebt. Glücklicherweise bekam ich die Windpocken und musste das Bett hüten. Das war für mich keine Strafe. Ich war dankbar nicht mehr Völkerball spielen zu müssen. Ich kann mich nicht erinnern mit den anderen Kindern andere Spiele gespielt oder mich mit ihnen unterhalten zu haben, wahrscheinlich mussten wir immer still sein. Man durfte auch nicht einfach so zur Toilette gehen. Sonntags mussten wir eine Karte nach Hause schreiben, die natürlich von den Tanten gelesen wurde.
Bis heute habe ich eine Abneigung gegen die deutschen Nordseeinseln und Dünen, ich esse weder Makkaroni, Tomatensoße oder Tomatensuppe und habe eine grundsätzliche Aversion gegen alles weiße Essen, speziell Quark und Joghurt. Und was Ballspiele angeht, nein danke.
Als ich nach sechs Wochen wieder in Wuppertal am Bahnhof ankam konnte meine Mutter mich nicht finden. Sie war mehrfach an mir vorbei gegangen und hat ihr eigenes Kind nicht erkannt, weil ich schrecklich aussah und sehr stark abgenommen hatte.
Meine Eltern haben keinen Versuch unternommen sich zu beschweren, so waren eben die Verhältnisse.
Der Aufenthalt auf Norderney im Anschluss an drei Krankenhausaufenthalte hat mich entschieden geprägt. Diese Erlebnisse haben ihren Teil dazu beigetragen, dass ich mich bereits zu diesem Zeitpunkt entschieden hatte, niemals selbst Kinder in die Welt zu setzen.

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