26548 Norderney, 1971/72

...nackig im Kreis laufen, damit wir ‚nahtlos braun‘ wurden. Die Betreuer...haben uns dabei zugeschaut.

Von: A.K.

Auch ich bin eins der Kinder die in eine Kinderkur verschickt wurden, es um ca. 1971/1972 gewesen sein. Ich wurde mit meiner Schwester nach Norderney (ich meine das Haus hieß Haus Wuppertal) geschickt.

Eigentlich sollte ich bereits vor der Schule und dann nochmals im ersten Schuljahr zur Kinderkur, bin aber jeweils krank geworden. Im zweiten Schuljahr ein neuer Anlauf und da muss ich wohl gesagt haben: “Ich fahre nur, wenn meine Schwester mitdarf!”

So wurde meine Schwester zum Abnehmen, ich zum aufpäppeln verschickt – für 6 Wochen!

Die Koffer wurden wohl vorgeschickt und die Kleidung bereits von der Betreuung eingeräumt. Das erste (Schock) Erlebnis war das wir erraten mussten welcher Schrank zu uns gehört und wer falsch lag wurde ausgelacht!

Meine Schwester und ich wurden sowohl im Zimmer als auch im Badezimmer voneinander getrennt, sie gehöre ja wohl schon zu den Großen!

Frische Wäsche gab es nur selten oder nur für die Kinder die viel Wäsche mit hatten. Meine Mutter war davon ausgegangen, dass unsere Wäsche dort in den 6 Wochen auch öfters gewaschen wird! Mittags mussten wir Mittagsschlaf halten, wenn bemerkt wurde das wir nicht schliefen wurden wir ausgeschimpft und durften nachmittags nicht spielen.

Da wir in dem trüben Herbst/Winterzeit dort waren sollten wir ja gut erholt und braun gebrannt wieder heim kommen, dazu bekamen wir Höhensonne (raus an die Luft ging es selten!). Wir mussten mit einer Schutzbrille im Kreis laufen, irgendwann hieß es bis zur Unterhose ausziehen und dann sollten wir nackig im Kreis laufen, damit wir “nahtlos braun” wurden. Die Betreuer saßen auf Bänken und haben uns dabei zugeschaut (ob sie ihren Spaß dabei hatten?). Ich bin mir nicht sicher ob wir dabei auch fotografiert wurden. Wir mussten zur Strafe auch in der Ecke stehen. Es durften nur die Kinder in die Spielecke die in den Augen der Betreuer lieb waren und da gab es schon das ein oder andere Kind welches Liebling war! Post wurde unter Kontrolle geschrieben und ich weiß inzwischen das man in dem Haus auch irgendwo Post gefunden hat die nie raus ging an die Eltern wenn das jeweilige Kind nicht das geschrieben hat was diktiert wurde! Auch wurde die Post von zu Hause geöffnet und uns erst dann gegeben! Ein besonderer Schock war für mich der Essenszwang! Eines Abends gab es Grieß, nicht als Pudding, sondern es waren Blöcke, so wie Käse sah er aus. Ich hatte bereits zwei gegessen, doch Frau L. (die Gruppenleitung) behauptete das ich erst einen gegessen hatte und so wurde mir noch ein dritten!!! aufgetan, sollte ich doch zunehmen! Ich musste sitzen bleiben bis ich aufgegessen hatte! Alle Kinder durften spielen gehen nur ich nicht. Meine Schwester wollte bei mir bleiben, wurde aber weggeschickt, weil man genau wusste dass sie den Grieß für mich aufessen würde. So wurde ein anderes Kind dazu gezwungen bei mir sitzen zu bleiben. Ich aß nicht mehr, weil ich einfach satt war! Immer wieder kamen verschiedene Betreuer rein und zwangen mich weiter zu essen, ich wurde ausgeschimpft und weinte. Das ging solange bis ich weiter aß und dann nur noch erbrach ! (Noch heute ist Grieß für mich ein Gräuel). Mit einmal wurden dann alle etwas hektisch und der Arzt/ die Ärztin wurden gerufen.

Kurzum, diese Kinderverschickung war ein Grauen für mich und noch heute denke ich mit Schrecken daran und fühle mich einfach nicht wohl wenn ich daran zurück denke.

Es wäre schön, wenn sich daran auch andere Kinder erinnern können, denn wir waren (so wie ich mich erinnern kann) alle aus Wuppertal.

Gerne können Sie mich kontaktieren und vielleicht ist ja diese Selbsthilfegruppe was für mich???

Vielleicht haben Sie ja auch schon solche Berichte oder sind zufällig eins der Kinder???

Würde mich freuen mehr von Ihnen zu hören.

 Anonymisierungs-ID: afe