26571 Juist, 1965, 1966

… die ganze Nacht allein in die Dusch- und Waschräume im Keller gesperrt - geradezu traumatisch


Von: A.B.
Die Geschichte der deutschen Nachkriegszeit mit ihren Menschen ist in
vielerlei Hinsicht höchst sonderbar. Ich bin Jahrgang 1960, geboren in
Hamm, und wurde vor der Einschulung – wohl 1965 und 1966 – “ins
Kinderheim gesteckt”.
Vor meiner Einschulung habe ich dann vier Wochen eine weitere Kur
verschrieben bekommen: Ich wurde in einem Jungeninternat auf Juist
untergebracht, ein Gefängnis aus roten Klinkern, die schlimmste Zeit
meiner Kindheit:
Riesengroßer Speisesaal mit kleinem Fenster ganz oben unter der Decke an
der Wand, von dem die Pensionsleiterin alles kontrollierte; Schlafsaal
mit vielen Betten; Zwang, das aufessen zu müssen, was auf den Tisch kam.
Am Wochenende gab es regelmäßig Erbseneintopf, ich habe mich regelmäßig
übergeben; Salzwasserbaden, eiskalt; Salzwasser trinken! An einem
Samstag gab es wieder Eintopf, ich hatte gesagt, dass ich ihn nicht mag.
Ich musste ihn essen, ich habe mich übergeben. Am nächsten Tag hatte ich
Geburtstag und mir war immer noch so schlecht, dass ich im Bett
liegenbleiben musste. Morgens kam dann die ganze
Betreuerinnenmannschaft, allen voran die Chefin mit Ziehharmonika,
„Happy Birthday“ singend, an mein Bett, gratulierte und sagte mir, dass
meine Eltern mir ein Päckchen zum Geburtstag geschickt hätten, mit
Süßigkeiten, aber da ich krank sei, hätten die anderen Kinder nun den
Inhalt bekommen. Ich habe in meiner Kindheit nie wieder so geweint wie
an diesem Tag.
In einer Nacht habe ich wohl Blödsinn mit anderen Kindern gemacht.
Daraufhin wurde ich mit einem Morgenmantel angezogen und die ganze Nacht
allein in die Dusch- und Waschräume im Keller gesperrt – geradezu
traumatisch. Eines Tages erschien dann meine Mutter in dem Fenster im Speisesaal. Ich
hatte das Gefühl, dass ich endlich gerettet war.
Über Jahre viele habe ich mich an diese Zeit erinnert und davon
geträumt, mich zu rächen, wenn ich groß bin (wie auch immer). Im
Frühjahr 1986 bin ich mit meiner Freundin nach Juist gefahren, um mir
das Internat anzusehen, vielleicht sogar zu fragen, ob heute noch Kinder
dort untergebracht werden und wo die Betreuerinnen von damals sind. Das
Internat wurde ein Jahr zuvor, 1985, abgerissen und die Leiterin ist
verstorben! Was für ein wunderbares Gefühl!
Bei meinen weiteren Recherchen habe ich auch das Kinderheim gefunden,
aber ich habe bis heute nicht eindeutig klären können, in wessen
Trägerschaft es gewesen ist. Vieles spricht dafür, dass es das
Kinderheim Tilemann in der Hugo-Droste-Straße gewesen ist, das älteste
Kinderheim auf Juist, dessen Gründung auf die Familie des
Oberkirchenratpräsidenten H. T. aus Oldenburg zurückgeht
und dessen Witwe – seine dritte Frau – das Kinderheim leitete und die
“die Chefin mit Ziehharmonika” gewesen sein könnte. Siehe dazu die
angefügte PDF.
Den Artikel von T. (Hg.): Kinderheime auf Juist, in:
http://www.strandlooper.com/index2.htm (Texte der Ausgabe 2003,
22.8.2017) werden Sie sicherlich kennen.
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