26571 Juist, 1972

Der militärische Drill ist mir in Erinnerung geblieben.


Von: B.S.
Es geht um eine sechswöchige Kur im Kinderheim Schwalbennest auf der Insel Juist im Jahre

  1. Meiner Erinnerung nach über die Knappschafts-Krankenkasse, da mein Vater im Bergbau
    beschäftigt war. Die Kur war im Frühjahr, ich bin Jahrgang 1963, vom Juni, d.h. ich war zu dem
    Zeitpunkt noch 8 Jahre alt.
    Die Erinnerung an diese sechs Wochen waren lange die schlimmsten meiner Kindheit, allerdings
    habe ich in Jugendjahren Einiges erlebt, dass die Vorkommnisse noch übertroffen hat und auch
    die frühe Kindheit war von Verlassens-Ängsten geprägt. Daher habe ich, wenn ich über meine
    psychischen Probleme nachdenke, diese sechs Wochen als nicht ausschlaggebend eingestuft.
    Aber sicherlich sind sie ein nicht unwesentlicher Baustein, wenn ich nun so darüber nachdenke.
    Vor allem zu Lesen, wie viele Kinder damals wie ich, bzw. schlimmer, behandelt wurden, ist eine
    Bestätigung der eigenen Erinnerung und auch Gelegenheit, die Wut einmal in Worte zu fassen.
    Ich habe mir bis heute Morgen auch nie wirklich vor Augen geführt, dass einige der „Betreuer“
    oder „Ärzte“, „Pfleger“ (Mann oder Frau) vom Alter her NS-Vergangenheiten gehabt haben
    könnten, bzw. wahrscheinlich hatten. Und dass, obwohl ich mich privat wie beruflich viel mit der
    NS-Zeit beschäftige.
    Nun zu den Erfahrungen im „Schwalbennest“
    Ich kam dort in die Kur, weil ich anfällig für Bronchitis war. Allerdings auch, weil meine Eltern
    sich im Jahr zuvor scheiden ließen, ich bei meiner Mutter lebte und diese im gleichen Zeitraum
    selber eine Kur gemacht hat. Warum genau, weiß ich nicht. Sie hatte eine schwere Rücken-OP,
    war aber wohl auch schwer depressiv. Gesagt hat sie es mir nie, sie lebt noch (wir leben sogar
    zusammen), aber über die Vergangenheit wird nicht geredet.
    Auf Juist gab es mir gegenüber keine physische Gewalt und keine sexuellen Übergriffe. Aber es
    gab massive psychologische Gewalt, Einschüchterungen und Demütigungen.
    • Der militärische Drill ist mir in Erinnerung geblieben. Genaue Uhrzeiten, Mittagsschlaf.
    Und alles musste peinlich genau eingehalten werden. Beim Spaziergang durch die Dünen
    in Zweierreihen, absolute Stille auf den Zimmern usw. Mir, als recht freiheitsliebendes
    Kind, fiel das sehr schwer. Ich habe mich häufig nicht darangehalten, bin ausgeschert,
    Strafe waren harsche, laute Beschimpfungen und zusätzliche Bettruhe, Essensentzug.
    • Unterwäsche gab es frische nur einmal in der Woche. Das heißt, nach zwei/drei Tagen
    war die Unterhose verkotet und die restlichen vier Tage verbrachte man mit in einer
    immer mehr stinkenden schmutzigen Unterhose, was auch zu wunden Stellen im
    Intimbereich führte.
    • Es gab die Pflicht das Mittagessen aufzuessen. Mir ist es, und ich weiß noch es war
    immer donnerstags, jedes Mal wenn es Milchreis gab passiert, dass ich ihn nicht essen
    wollte. Ich mochte keinen Milchreis, warum auch immer. Ich musste sitzen bleiben, alle
    anderen Kinder waren schon auf den Zimmern, und versuchen den Teller leer zu essen.
    Auch ich habe mich ein (vielleicht zweimal) auf den Teller erbrochen und musste dann
    unter Beschimpfungen das eigene Erbrochene essen. (Das fällt glaube ich doch unter
    physische Gewalt, fällt mir gerade auf)
    • Briefzensur – jeden Sonntag wurde im Speiseraum aufgefordert, Briefe nach Hause zu
    schicken. Im Raum saß die „Aufseherin“ und ja, ich schriebe Vater wie Mutter wie
    schlimm es ist und bekam den Brief immer wieder zurück. Ich weiß, ich habe mich
    geweigert etwas anderes zu schreiben. Da gab es Essensentzug und Bettruhe. Teilweise
    durfte ich das Zimmer, also mein Bett im 10-Bettzimmer, nicht verlassen. Ich glaube
    irgendwann habe ich dann mal geschrieben „es ist so schön hier“
    • Die Osterpakete der Eltern wurden am Ostersonntag demonstrativ in der Mitte des
    Speiseraums auf einem Haufen aufgestapelt und dann wurde immer ein Paket
    weggenommen, der Name verlesen, das Kind kam und nahm unter Freudenschreien sein
    Päckchen in Empfang. Der Haufen wurde immer kleiner, bis schließlich kein Paket mehr
    da war. Wir waren, glaube ich, drei Kinder, deren Eltern es nicht rechtzeitig geschafft
    hatten, die also leer ausgegangen sind. Wir haben sehr viel geweint. Ich weiß, dass ich
    mir da endgültig von der Welt verlassen gefühlt habe, es war schrecklich.
    Ich kann mich erinnern, dass meine Lieblingsbeschäftigung auf den Spaziergängen in den Dünen
    war, mich einfach hinzulegen und in den Himmel zu starren. Ich wollte mit den Wolken
    wegfliegen, es war alles so eng. Obwohl ich sofort nach dem es bemerkt wurde wieder zum
    Aufstehen und Weitergehen genötigt wurde, mit Beschimpfungen bestraft, wurde, teils später
    mit Essensentzug „ohne Abendessen ins Bett“, habe ich es immer wieder gemacht.
    Anonymisierungs-ID: acx