26757 Borkum , 1964

Heute denke ich, für 6 Wochen war ich völlig gefühllos.


Von: K.M.
Im Herbst 1964 ging es für mich und meine 2 Jahre ältere Schwester zur
Kinderverschickung auf die Nordseeinsel Borkum. 6 Wochen lang sollten wir uns dort
im Kinderheim Concordia erholen.
Eine Woche zuvor hat uns noch eine Mutter aus unserer Gemeinde mit ihrem
5jährigen Sohn aufgesucht. Auch er sollte sich dort erholen und die Mutter bat mich
und meine Schwester, doch in dieser Zeit für ihn da zu sein. Er hatte schon
Heimweh, bevor es überhaupt losging. Haben wir natürlich versprochen und hätten
auch zu unserem Wort gestanden, wenn man uns gelassen hätte.
Weder meine Schwester noch diesen kleinen Jungen habe ich nach der Ankunft
gesehen. Wir wurden in verschiedene Gruppen eingeteilt.
Viele Erinnerungen sind mit bis heute einfach nicht abrufbar und ich kann es mir nicht
erklären, warum. Erlebnisse, die weit vorher geschehen sind, sind mir immer präsent.
Aus dieser Zeit habe ich eher nur bestimmte Momente im Kopf, aber dafür ganz klar
ängstliche Kindergesichter und das Gesicht der großen und hageren „Tante“ E.
Müsste ich Hilfestellung für die Anfertigung eines Phantombildes leisten, wäre das für
mich super leicht.
Ein sehr ängstliches Mädel saß mir beim Mittagessen gegenüber. Ich werde nie
vergessen, mit welcher Qual sie versucht hat, alles in ihren Magen zu befördern.
Aber irgendwann konnte sie nicht mehr und sie kotzte in einem Schwall über den
ganzen Tisch. Wie es danach weiterging? Ich weiß es einfach nicht mehr, oder habe
es erfolgreich verdrängt. Ich habe zwar in verschiedenen Dokus gesehen, dass
Kinder gezwungen wurden, Erbrochenes wieder aufzuessen, ob das in meiner
Situation auch so gewesen ist, kann ich nicht sagen. Des Weiteren erinnere ich mich
daran, dass es festgelegt war, wann wir zur Toilette durften. Bin der Meinung 4x am
Tag. Da wir ja mit Nummern angesprochen wurden, weiß ich noch, dass erst mal 12
noch vor mir dran waren, denn ich war Nummer 13. Die Toilettentür musste dabei
offenbleiben.
Jedes Kind km natürlich mit einem Koffer an. Aber – wir hatten alle vom Heim
gestellte Klamotten an. Einheitlich Trainingshose, Shirt und Mützen in der Farbe
blau/weiß. Tatsächlich mussten wir dann dieses Lied trällern, blau/weiß unser
Zeichen, froh die Hand wir reichen. Den restlichen Text weiß ich nur noch
bruchstückhaft. Ich war im schulpflichtigen Alter, aber Unterricht? Fehlanzeige. Auch
an ärztliche Untersuchungen kann ich mich nicht erinnern. Hatte das Gefühl, Tag für
Tag, der gleiche Ablauf. Klar, kannte ich die Uhr, aber ich hatte keine mit und eine
Wanduhr in den Räumlichkeiten habe ich nicht gesehen. Es ging immer sehr früh zu
Bett, weil es noch so hell war, behaupte ich das mal. Vorher kurz eine Lesung aus
dem Buch „Die rote Zora“. Hatte schonmal überlegt, falls es dieses Buch noch geben
sollte, da nochmal nachzulesen, vielleicht kommen Erinnerungen.
Vor dem Schlafsaal saß immer Tanta E. achts musste ich dringend aufs Klo. Durfte
ich zwar, aber danach die restliche Zeit stehend mit dem Gesicht zur Wand auf dem
Flur verbringen.
Losgefahren bin ich mit dem Gedanken, 6 Wochen Spiel, Spaß mit anderen Kindern,
am Meer entlang wandern usw.
Heute denke ich, für 6 Wochen war ich völlig gefühllos. Kannte weder Zeit, Angst
oder Heimweh. Wie ein Roboter habe ich funktioniert. Die daraus resultierenden
Konsequenzen haben sich erst Monate später gezeigt. Viele komische
Verhaltensweisen sind bis heute geblieben und ich kann natürlich nicht nur die
Kinderverschickung dafür verantwortlich machen. Ich hatte nach diesem Aufenthalt
keinerlei Möglichkeit, mit meiner Familie etwas aufzuarbeiten. Meine Mutter war
überfordert, sie musste ja im August den Tod ihres Mannes und kurze Zeit später
auch nochmals den unerwarteten Tod ihrer Mutter verarbeiten. Viele ungünstige
Faktoren sind aufeinander geprallt.
Zurück in der Schule, hatte ich natürlich Nachholbedarf. Es kam zu Fehlern und dafür
wurde ich ausgelacht. Für mich unerträglich! So sind Kinder eben und ich war nicht
fähig, mich zu verteidigen. Ich fing an, meine Mutter zu hassen, konnte ihr weder
vertrauen, noch Liebe zeigen. Ich habe mir eine schöne und heile Welt aufgebaut,
indem ich mir in der Fantasie eine andere Mutter gesucht habe. Habe mich aber
auch bemüht, mir nichts anmerken zu lassen. Sicher hat es meine Mutter gespürt
und leider haben wir niemals darüber gesprochen. Nun ist sie schon sehr lange tot.
Und Ferien haben mir seid der Kinderverschickung Sorgen gemacht. Wollte ich nicht,
später im Erwachsenenalter war es bei Urlauben auch so. Natürlich bin ich im Urlaub
gewesen, habe andere Länder bereist, aber immer mit dem Gedanken im Kopf,
heute in drei Wochen bin ich Gott sei dank wieder zurück. Angesprochen habe ich
dieses Problem nie. Schlimmes im Urlaub habe ich auch nicht erlebt und schöne
Erfahrungen konnte ich aber leider nie so richtig genießen. Ich bin so tief in meiner
Fantasiewelt verhaftet gewesen und keiner konnte mich da rausholen oder stoppen.
Wie auch, kein Mensch wusste davon und ich hätte es auch nicht zugelassen. Diese
Welt war mir vertraut, wenn ich loslasse, weiß ich nicht, was mich dann erwartet.
Heute bin ich 66 Jahre alt, zurückblickend kann ich sagen, dass ich in meinem Leben
viel erreicht habe. Auch durch viel Therapieerfahrung und auch durch Fortbildungen.
Verzeihen steht bei mir ganz oben, denn Menschen werden geprägt durch ihre
Geschichte, soll nicht heißen, jeder hat einen Freifahrtschein und darf machen, was
er will. (Und jeder sollte zu seinen Fehlern stehen und die Konsequenzen dafür
tragen). Für mich waren Erfahrungen wichtig, dass ich nachvollziehen konnte, warum
ist das so? Einige Verhaltensweisen sind geblieben, aber inzwischen rede ich
darüber, aber auch nur mit Menschen, die mir was bedeuten. Ich habe viel Zeit, mich
meinen Hobbys zu widmen (Skulpturen aus Ton oder malen) und mich in sozialen
Projekten zu engagieren. Und ich kann dem Satz, man lernt nie aus, voll zustimmen.
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