Von: B.K.
Ich habe dieses Jahr meinen 65ten Geburtstag gefeiert. Ich habe viele Höhen und Tiefen in meinem bisherigen Leben erfahren, vieles auch vergessen oder verdrängt. Was ich aber nie vergessen konntet, war meine „Kinderkur“ Mitte der 60er Jahre. Ich litt als kleines Kind sehr unter Keuchhusten, den ich nur sehr knapp überstanden habe. Danach war ich stark unterernährt und wurde über die Diakonie in Münster zur Erholung verschickt. Sechs Wochen lang Martyrium. Ich weiß nicht, ob es Salzdetfurt war, meine aber, es anhand einiger Fotos zu erkennen. Was mir aber in Erinnerung geblieben ist, ist das Weiße Haus mit schwarzem „Fachwerk“ und Bäumen ringsum. Jeden Morgen mussten wir in dem im Keller befindlichen Kneipp Becken zum Wassertreten antreten. Wir waren da noch im Nachthemd. Da ich die Kleinste in dieser Wassertruppe war und die Wasserhöhe für die Größeren bemessen war, war mein Nachthemd immer klatschnass. Dafür gab es dann direkt die erste „Ansage“ am Tag. Jeden Morgen wurde ich angeschrien, ob ich zu doof wäre, das Nachthemd hochzuhalten. Meist setzte es eine Ohrfeige. Danach gab es Frühstück. Ich habe noch heute Panik vor bunten Plastikbechern mit dicken weißen Punkten. Ich sehe diese Becher noch heute vor mir. Die Innenseite bereits mehr gelb und grau als weiß, gefüllt mit warmer Milch (vor der ich mich seitdem ekle) mit Haut. Dazu ein Teller mit Haferschleim. Das musste als Erstes restlos verputzt werden, wehe wenn nicht. Ich habe versucht, den Brei an der Unterseite des Tisches zu verteilen, das ging schief – Ohrfeige und oftmals auch eine Zeit allein in einer dunklen Kammer. Den Milchbecher habe ich immer wieder „aus Versehen“ umgestoßen, in der Hoffnung, dass nicht nachgeschenkt wurde. Diese Hoffnung zerplatzte nach einigen Versuchen und Ohrfeigen. Wenn das überstanden war, gab es Brot oder manchmal auch Brötchen. Wenn ich Glück hatte, dann mit Marmelade, meist aber mit Käse, vor dem ich mich schon mein Leben lang geekelt habe. Wenn es irgendwie ging, habe ich mit anderen Kindern gegen ein Marmeladenbrot getauscht. Das durften die „Tanten“ natürlich nicht mitbekommen. Danach ging es raus, die einzige Zeit, die erträglich war. Mittags gab es wieder Milch im gepunkteten Becher und danach das Essen. Meist war dieses Essen mehr als ekelhaft und meist auch viel zu viel. Aber es musste aufgegessen werden, auch unter Zwang. Mein größtes Ziel war immer: nicht übergeben! Mir ist es gelungen, einigen anderen Kindern nicht. Sie mussten es dann aufessen. (Wahrscheinlich habe ich deshalb seit meiner Kindheit die größten Probleme, mich zu übergeben. Ich kann es einfach nicht mehr! ) Anschließend ging es zum Klo, ob man musstet oder nicht, und hinterher zur Mittagsruhe. Und wehe, es wurde im Zimmer geflüstert. Toilettengang war hier untersagt, den gab es eben nur zu vorgeschriebenen Zeiten. Abgesehen davon hatte ich gar nicht die Chance, aus dem Bett zu kommen, ich musste in einem Bett schlafen, das aus Metall war und ein altes Kinderbett mit Flechtgitter (den Namen eines solchen Bettes weiß ich leider nicht) war. Ich kam nicht raus! Zu Hause schlief ich in einem ganz normalen Bett ohne Gitter oder Stäbe, hier kam ich mir vor wie ein Tier im Käfig. Ich habe sehr viel geweint, habe mich nach meiner Mutter gesehnt, habe nicht mehr essen können vor Heimweh, was dann Füttern nach sich zog. Ich fühlte mich von meiner Mutter verlassen, entsorgt, vergessen. Irgendwann kam eine von den „Jüngeren Tanten“ und da ich noch nicht schreiben konnte, durfte ich ihr eine Karte an meine Mutter diktieren. Das weiß ich noch wie heute. Ich saß in meinem Bett und sie saß davor. „Liebe Mutti, hier ist es so schlimm, ich will nach Hause, bitte hol mich ganz schnell ab!!“
Es kam keine Mutti und keine Antwort. Ich begann meine Mutter zu hassen, weil sie mich wohl absichtlich leiden ließ. (Viele Jahre später habe ich diese Karte im Nachlass meiner Mutter gefunden: “Liebe Mutti, hier ist es sehr schön und mir geht es sehr gut! Alle Tanten sind sehr lieb zu mir und ich habe viel Spaß“
Das war dann also meine Karte? Meine Mutter hat mir jahrelang nicht glauben können, was in diesem Heim wirklich geschehen ist.
In den Nächten weinte ich mich meist in den Schlaf. Zur Strafe wurde mir dann mein Kuscheltier weggenommen. Für mich die letzte Verbindung nach Hause! Am Ende des Ganges von unserem Schlaftrakt saß nachts eine Tante, die keinerlei Herz hatte. Musste ich nachts auf die Toilette, so sollte ich den Nachttopf nehmen. Da ich aber nicht aus dem Bett herauskam, war der für mich unerreichbar. Also machte ich ins Bett und lag dann bis zum Morgen im Nassen. Danach setzte es Ohrfeigen und Demütigungen etc.
Nach sechs Wochen hatte ich es überstanden. Die Erinnerung daran habe ich nie ablegen können, aber bis vor Kurzem dachte ich immer, ich wäre alleine. Erst als ich einen Fernsehbeitrag zu diesem Thema gesehen habe, habe ich gesehen, dass es noch viele ehemalige Kinder aus diesen Heimen gibt, die wie ich diesen Heimen ausgeliefert waren und so wie ich oder meist noch mehr gelitten haben und teilweise noch darunter leiden. Der eine mehr, der andere weniger, aber fast alle haben davon ein Trauma behalten.
Für Ihr Engagement danke ich Ihnen von Herzen, jetzt wo ich glaube, dass ich endlich das Haus des Grauens (So habe ich es in meiner Jugend benannt) wiedergefunden zu haben, ist bereits ein großer Stein von meinem Herzen gefallen. Jetzt weiß ich, dass ich mir das alles NICHT eingebildet habe, dass ich nicht „überempfindlich“ bin und dass ich nicht allein bin.
Danke von Herzen!
Anonymisierungs-ID: aug