31675 Bückeburg, 1958

Wer sich nicht schickte, wurde angebrüllt


Von: E.O.
Auch ich war eins der Verschickungskinder!
Ich war im Herbst 1958 im Alter von 8 Jahren in einem “Erholungsheim” in Bückeburg.
Grund: Aufgrund von Krankheiten im Säuglingsalter (Keuchhusten und Rachitis), Reflux und
einem Blinddarm-Durchbruch mit 6 Jahren war ich viel zu schmächtig, so dass der Schul-Arzt
mich zweimal hintereinander von der Einschulung zurückstellte. Ich wurde dann aber auf
Drängen meiner Eltern mit bereits 7 Jahren doch eingeschult.
Mit einem Reisebus wurden wir Kinder von Braunschweig nach Bückeburg transportiert. Ich
war zum ersten Mal von zuhause weg und kannte keinen der Mitreisenden.
Im Heim gab es mehrere Schlafsäle, in die man eingeteilt wurde. Abends musste man sich auf
dem Rücken unter die Decke und die Arme ausgestreckt neben den Körper auf die Decke legen.
Wer sich nicht schickte, wurde angebrüllt. Wenn jemand nochmal zur Toilette musste, wurde
angeschnauzt, also verkniff ich mir dieses Bedürfnis.
Die Mahlzeiten wurden schweigend im Speisesaal eingenommen. Die Speisen waren sehr
fetthaltig, was meinen Reflux stark befeuerte. Aufessen war Pflicht! Morgens und abends musste
ich 3 halbe Scheiben Brot essen, die schon fertig zubereitet verteilt wurden. Der Belag war
absolut nicht kindgerecht, z.B. Sülze mit Kümmel und fettige “Knappwurst”, echt eklig! Mir
wurde regelmäßig übel und ich hatte Magenschmerzen, aber das durfte man nicht äußern. Es
war streng verboten, die Speisen wieder zu erbrechen. Wem das passierte, der wurde
gezwungen, das Erbrochene erneut zu essen. Mir ist es zum Glück erspart geblieben, ich
schluckte mein Aufgestoßenes immer wieder hinunter.
Zwischen den Mahlzeiten marschierten wir bei jedem Wetter durch den Wald, zu zweit
nebeneinander, händchenhaltend. Pausen zum Spielen oder etwas zu trinken gab es nicht. Ich
war viel zu schwach für diese Märsche, aber das interessierte nicht.
Abends wurde im Schlusskreis mit allen Kindern gesungen, allerdings erst, wenn auch das letzte
Kind seine Mahlzeit beendet hatte. Gesprochen werden durfte auch in der Wartezeit nicht. Dafür
gaben die Betreuerinnen öffentlich einen Rückblick auf die meist unangenehmen Ereignisse des
Tages, z.B. wer sich eingenässt hatte und wer wieder mal geheult hatte. Auch Heulen war
verboten.
Einmal durften wir einen Brief nach Hause schreiben. Mein Brief ging nicht durch die Zensur, ich
durfte nicht schreiben, was ich wollte. Anschließend wurde mir der “richtige” Text diktiert, der
komplett anderen (für mich nicht zutreffenden) Inhalts war.
Am Ende des Aufenthalts wurden wir ärztlich untersucht und vor Allem gewogen. Ich erinnere
mich, dass ich 18kg auf die Waage brachte. Die Betreuerin war fassungslos und ich befürchtete
Prügel zu bekommen, da ich beim Warten schon Kinder schreien gehört hatte, aber man beließ
es beim Schimpfen.
Ich hatte 6 Wochen lang wahnsinnige Angst.
Meine Eltern haben mir nicht geglaubt und trauten sich vermutlich auch nicht nachzuforschen.
Anonymisierungs-ID: acl