32105 Bad Salzuflen, 1949

Wir mussten ganz still in unseren Betten liegen, durften uns weder rühren noch einen Laut von uns geben

26757 Borkum, 1950

Von: U.Sch.

Auch ich gehöre zu den Kindern, die 1949 zu einer 6wöchigen Kur in das Kinderheim „ Haus Bethesda“ in Bad Salzuflen geschickt wurde. Ich bin 1941 geboren. Mein Vater starb unmittelbar nach meiner Geburt an Lungen-Tuberkulose, so dass ich unter der ärztlichen Kontrolle des Gesundheitsamtes Herford stand und zur Kur geschickt wurde.

Ich erinnere mich an einen großen Schlafsaal, der des Abends und während des Mittagsschlafes von einer Kindertante beaufsichtigt wurde. Ich denke, dass wir etwa 20 oder mehr Kinder waren. Wir mussten ganz still in unseren Betten liegen, durften uns weder rühren noch einen Laut von uns geben. Ich hatte schlimmes Heimweh, so dass ich krampfhaft bemüht war, mein Weinen unter der Bettdecke zu ersticken. Ich gehörte zu den schüchternen und gehorsamen Kindern, so dass ich mich an Schläge nicht erinnere, wohl aber, dass ständig mit Strafen gedroht wurde und ich „in der Ecke stehen“ musste.

Der Toilettengang fand zu festgelegten Zeiten statt. Dazu mussten wir uns vor 2 Toiletten zu zweit hintereinander aufstellen und still warten, bis wir unsere Notdurft verrichten konnten.

Zur Kuranwendung gehörten im Badehaus Solebäder in einem Holzzuber. Auch da standen wir hintereinander in Reihen, um zu warten, bis wir dran waren. Strikte Anweisung war, so still zu liegen, dass das Wasser im Zuber sich nicht kräuselte. Ein Mädchen, das hinter mir warten musste, zog mich einmal in einem unbeobachteten Moment in den Haaren, so dass ich mich erschrocken bewegte. Natürlich bekam ich eine Strafe. An die täglichen Spaziergänge im Kurpark zu zweit in einer Reihe hintereinander erinnere ich mich nicht negativ, an Spielen draußen oder drinnen gar nicht.

Das Schlimmste war das allabendliche Verabreichen von einem Löffel reinen Lebertran, zu der Zeit noch nicht so aufbereitet, dass er angenehmer schmeckte. Ich habe mich so geekelt, dass meine Tränen schon flossen und ich würgen musste, wenn die Kindertante mit der Flasche und dem Löffel kam. Damit ich den Mund aufmachte, wurde mir die Nase zugehalten. Dann wurde der Unter- und Oberkiefer solange zusammengedrückt, bis ich den Lebertran runter gewürgt hatte.
 
Schlimm war das Heimweh. Einmal in der Woche mussten wir Briefe an Zuhause schreiben. Der Inhalt wurde diktiert und kontrolliert. Natürlich stand in den Briefen, dass es uns gut ging und wir uns gut erholten. Wie es uns wirklich ging, davon hatten die Eltern keine Ahnung. Das wöchentliche Wiegen zeigte dann auch, dass ich stetig abnahm, was zur Folge hatte, dass streng darauf geachtet wurde, dass ich solange vor meiner Portion Essen sitzen musste, bis alles aufgegessen war und regelmäßig weiter den Lebertran bekam.

Am besten ging es mir ein paar Tage auf der Krankenstation. Sie war in einem kleinen efeubewachsenen Haus neben dem Haupthaus. Ich hatte eine starke Erkältung und Fieber. Schlimm war, dass die Nase lief und ich nur ein Taschentuch hatte. Trocknen tat es Gottseidank gut unter der Bettdecke am warmen Körper, aber das verkrustete und säuerlich riechende Taschentuch voller Sekrete war ekelhaft. Vielleicht hätte ich nach einem Taschentuch fragen sollen, aber dazu war ich viel zu verängstigt. Vielleicht hätte aber auch die Krankenschwester dafür sorgen müssen.

Zu meinem Glück brach nach 4 Wochen Diphterie aus, und meine Mutter musste mich nach Hause holen. Ich hatte abgenommen und war total verschüchtert. Das wurde auch nicht besser, als ich nach 4 Wochen wieder zur Schule gehen musste und niemand daran dachte, dass ich Lehrstoff nach zu holen hatte. Übrigens waren auch in der Schule Bestrafungen und Schläge an der Tagesordnung. Das ist noch mal ein Kapitel für sich.

Was meine Eltern darüber dachten, in welcher Verfassung ich aus dem Kinderheim Bethesda nach Hause kam, weiß ich nicht. Auf jeden Fall wurde ich 1950 für 6 Wochen in ein Privatkinderheim nach Borkum geschickt. Dort wurde ich mit zwei weiteren Kindern liebevoll betreut, so dass ich sehr traurig war, als die Zeit zu Ende ging.

Anonymisierungs-ID: abh