32457 Porta Westfalica, 1949

Ich hatte eine Panik, wie ich sie vorher und auch später nie erleben musste.

Von: W.St.

Heute würde man wohl das, was mir in einer sechs Wochen dauernden Erholungsmaßnahme widerfahren ist, unter der Rubrik ‚Misshandlung’ aufgreifen. Tatsächlich habe ich das jedoch nie in denselben Zusammenhang gestellt, weil ich bisher nicht den Anlass gefunden habe, wo ich einen Beitrag hätte leisten können. Hier nun ein Auszug aus meinem Buch ‚Windlicht’, in dem ich meine Kindheitserinnerungen aufgeschrieben habe.

Es muss 1949 gewesen sein, ich war also vier Jahre alt, da stellte Mutter zum wiederholten Mal fest, dass ich als Folge der schlechten Ernährung während meiner ersten Lebensmonate – ich war bis zu ihrem Tod ihr Nachkriegskind geblieben – an einer Erholungsmaßnahme teilnehmen sollte. Und damit ich nicht allein in die ungewisse Szene eines dazu vom Gesundheitsamt ausgesuchten Heims entlassen würde, war meine sechs Jahre ältere Schwester H. ebenfalls angemeldet worden. War es nun der Wunsch, einen Vorher-Nachher-Vergleich zu ermöglichen, oder war es die unbestimmte Situation einer, wenn auch vorübergehenden, Trennung – vor der Abreise gab es noch eine Sitzung beim Fotografen. Ich kann auf dem Bild allerdings nicht erkennen, dass ich einen unterernährten Eindruck mache, wenn ich auch zugeben muss, dass ich aus der Wahrnehmung meiner Mutter kein großer Esser war. Dies im Gegensatz zu meinem 15 Jahre älteren Bruder, dessen Konsum ihm aber auch zeitlebens zum Vorwurf gemacht wurde.

Es ist dieses Foto gemeinsam mit der sechs Jahre älteren Schwester, das mich an die verhassten Wochen in der Fremde eines Kinderheims erinnert, und es grenzt an ein Wunder, dass ich in späteren Jahren weder eine Abneigung gegen Nonnen noch gegen Fotografen, geschweige denn gegen Grünkohl zurückbehalten habe. Was war geschehen?

Kurz nach der Foto-Session wurden die Koffer gepackt, mir wurde ein Wehrmachtsbrotbeutel voller Süßigkeiten umgehängt, und irgendwann befanden wir uns auf der Zugreise Richtung Norden. Porta Westfalica – oder kurz: Porta – war die Station meiner ersten dramatischen Kindheitserlebnisse.

Die Zugfahrt begann zunächst mit einer vertrauten Gewohnheit: im ganzen Abteil wurde gesungen. Wanderlieder und Volkslieder klangen aus vielen Kinderkehlen, und da ist mir ‚Lustig ist das Zigeunerleben‘ im Gedächtnis geblieben. Aber dann wurden uns irgendwann von Nonnen, die unsere Anreise begleiteten, die Brotbeutel abgenommen – um sie zu verwahren, wie es hieß. Wir haben die süßen Mitbringsel nie wieder gesehen, und nur einmal während des sechswöchigen Aufenthalts im Heim hat sich einer aus meiner Gruppe getraut, der später zu meinen Klassenkameraden in den beiden ersten Volksschuljahren gehörte, nach den Süßigkeiten zu fragen. Ich glaube, man hat ihm lediglich die Sachen gezeigt, ihn vielleicht auch mit einem Bonbon beruhigt; nach Ablauf des Aufenthaltes haben wir jedenfalls die Umhängetaschen leer zurückbekommen.

Es war eine heiße Sommerzeit. Wir machten gruppenweise ausgedehnte Spaziergänge zum Kaiser-Wilhelm-Denkmal, vorbei an schier endlosen Brombeerhecken mit reifen Früchten, deren Duft mir heute noch als einzige angenehme Erinnerung aus dieser Zeit erhalten geblieben ist, und bei diesen Ausflügen habe ich gelegentlich meine Schwester gesehen, die mich im übrigen jedoch nicht vor den Angriffen schützen konnte, denen ich durch die Nonnen ausgesetzt war.

Erklärtes Ziel unseres Heim-Aufenthaltes war die Gewichtszunahme, und vielleicht gab es dafür Erfolgsprämien in Form von Subventionen, aber die Wege dahin waren zum Kotzen, und dies im wahrsten Sinn des Wortes. Ich sehe einen Teller mit einer riesigen Portion Grünkohleintopf vor mir, die ich in diesem Ausmaß nicht von zu Hause kannte. Und es kam, wie es kommen musste: nachdem ich weniger als die Hälfte gegessen hatte, war zwar mein Hunger gestillt, aber das Ziel der Nonne, die uns ‚betreute‘, noch nicht erreicht. Sie nahm mich auf den Schoß, klemmt mich zwischen ihre Oberschenkel ein und nahm die weitere Fütterung vor. Ich sehe, wie der Löffel in dem aufgetürmten Grünkohl versinkt und wieder und wieder zu meinem Mund geführt wird, solange bis ich mich über dem Teller übergeben muss. Das hielt sie nicht davon ab, mit der Fütterung fort zu fahren, und so zwang sie mich, auch das Erbrochene zu essen, vielleicht bis ihr eigener Ekel vor diesem Szenario dem bösen Spiel ein Ende machte.

Es gab ein zweites Schlüsselerlebnis während dieses Aufenthalts: Noch in späten Jahren meiner Kindheit war ich nicht ‚sauber‘, wie man so zu sagen pflegt. Ob es reine Faulheit war, rechtzeitig die Toilette auf zu suchen oder ob es irgendeinen krankhaften Zusammenhang gab – ich weiß es nicht. Vater erzählte mir viele Jahre später, dass ich ein Problem mit dem Darm hatte, dessen Ende wohl noch nicht so nahtlos angewachsen war und gelegentlich aus dem Po flutschte. Er hat dann die Pobacken so lange im Wechsel zusammengedrückt, bis alles wieder an der richtigen Stelle saß.

Möglicherweise war das jedenfalls die Ursache für etliche ‚Streifschüsse‘ in meinen Unterhosen. Ärzte hatten eine Operation in Erwägung gezogen, aber derartige Eingriffe müssen früher sehr schmerzhaft gewesen sein, und man hat deshalb darauf verzichtet, zumal das später auswachsen würde – was ja wohl auch so gekommen ist.

Für meine Nonne war Ursachenforschung kein Thema, und so hatte sie mich wohl mehrmals gewarnt und drohte mir, mich in den Schweinestall zu sperren. An einem Sonntag war es dann soweit. Die Hose war wieder verschmutzt, und ich wurde in Richtung Schweinestall geschleppt. Das endgültige Einsperren wurde allerdings nicht vollzogen. Ich sehe das verzerrte Gesicht der Nonne, wie sie unter Aufbietung aller Kräfte versucht mich ich den Stall zu zwängen und gleichzeitig die Tür an zu drücken, um dann den Riegel ins Schloss zu schieben; aber auf Grund der quietschenden Schweine hinter mir entwickelte ich wohl unglaubliche Kräfte, und so hat sie irgendwann aufgegeben.

Sie hat sich dann mit einem Bad in der Wanne gerächt und mich nicht nur gegen meinen Widerstand ins Wasser gezwungen, sondern sich auch abreagiert, indem sie mich immer wieder mit dem Kopf unter Wasser drückte. Ich hatte eine Panik, wie ich sie vorher und auch später nie erleben musste.

Da mir alle möglichen Konsequenzen angedroht wurden, hatte ich von den Erlebnissen nicht sofort erzählt. Es hatte aber eine unerwartet rührige Reaktion während unserer Rückreise gegeben; in der Straßenbahn von Köln nach Frechen bin ich irgendwann meiner Mutter weinend um den Hals gefallen, und erst Wochen später habe ich mir Stück für Stück die Torturen von der Seele geredet. Vaters Einfluss bei den Dienststellen des Gesundheitsamtes soll angeblich dazu geführt haben, dass in dem Kloster keine Maßnahmen für Kinder mehr stattfinden durften. Ich habe nie erfahren, was aus dem ‚Heim’ geworden ist

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