32816 Schwalenberg, 1959

Der Ton und die Art, wie mit uns umgegangen wurde, war wie beim Militär

Von: I.B.

Am 8.1. las ich in der WN den Artikel über Verschickungskinder. Sofort kamen meine Erinnerungen hoch und die waren nicht gut. Ich bin 1951 geboren und mit 7 oder 8 Jahren nach Schwalenberg zur Erholung geschickt worden. Meine Eltern meinten es bestimmt gut, aber die Folgen begleiten mich bis heute. Das schlimmste Ereignis war – und das Bild habe ich immer noch vor Augen – dass ich in einem riesengroßen Saal, an einem großen runden Tisch saß (ganz allein) und den Milchreis einfach nicht essen konnte. Man machte sogar das Licht aus und dadurch verschloss sich der Hals noch mehr. Ich hatte eine große Angst, zumal ich ja auch ganz alleine im Saal war.

Dazu kam, dass ich mich jeden Abend in den Schlaf geweint habe, mein Heimweh war sehr, sehr stark. Zu meiner Schwester, die auch mit war, durfte ich nicht. Der Ton und die Art, wie mit uns umgegangen wurde, war wie beim Militär. Egal was anstand, wir mussten uns immer hintereinander aufstellen und sollten nicht reden. Wenn wir mal eine Karte nach Hause schreiben durften, dann wurde sie kontrolliert. Stand etwas von Heimweh darauf, wurde sie zerrissen und wir mussten den vorgeschriebenen Text benutzen.

Die Zeit in dem Kinderheim war kaum zum Aushalten und bis heute kann ich keinen Milchreis essen. Dazu leide ich bis heute an einer Trennungsangst, wenn ich mit meiner Familie (Mann und 3 Kinder) in Urlaub fuhr, packte ich meine Tasche erst 30 Minuten vor der Abfahrt. Eigentlich wollte ich lieber zu Hause bleiben. Ich kam damals genauso dünn, aber mit seelischen Schäden wieder nach Hause.

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