364463 Bad Salzungen, 1980

Wiek war eine der schlimmsten Orte

Von: U.S.

Verschickt aus: Potsdam

In folgenden Jahren war ich zur Kur:
– 1978 (Sommer) war ich mit 6 Jahren in Wiek
– Ca. 1980 (Sommer) in Bad Salzungen
– Ca. 1982 (Winter) in Trautenstein 
– 1984 und 1986 (jeweils Winter) in Veli Losinj
– ich denke, dass ich ein sechstes Mal zur Kur war, kann mich da aber an nichts erinnern.

1978 (Sommer) nach Wiek

Ich bin 1971 geboren und höre auf den Namen U.😊.

Im Jugendalter habe ich immer gesagt, dass ich die schönste Kindheit hatte, ich darf nur nicht drin bohren. Warum ich das immer so gesagt und gefühlt habe, wusste ich zu dieser Zeit nicht.
Ich war das erste Mal mit 6 Jahren zur Kur (das war die schlimmste aller Kuren).
Insgesamt war ich 5 oder 6 x zur Kur. Ca. alle 2 Jahre.
Ich habe alle Kurorte außer 1  
bereist und meiner Familie ganz normal und gut davon erzählt.

Dann kam der November 2023, ich war mittlerweile 52 Jahre alt.
Ich habe über 30 Jahre in einem großen Unternehmen (ca. 800 Mitarbeiter) gearbeitet und alles mit aufgebaut.
Kurz um, ich bekam völlig unerwartet die Kündigung.
Nach diesem Vorfall platzte ein bis dahin gut verschlossener Ballon in meinem Kopf.

Kurz gesagt:
Ich musste als 6-jähriger Junge in der Kur immer wieder ins Bett machen (ich habe eine kleine Blase), da Toilettengänge verboten waren. Die Nacht musste ich dann im nassen Bett weiterschlafen.
An den nächsten Morgen wurden die Kinder animiert, mich auszulachen.
Anschließend wurde ich vor allen Jungen und Mädchen mit einem Schlauch kalt abgespritzt.
Bis heute habe ich Angst vor Wasser.

Als man mir mit der Taschenlampe nachts in die Augen geleuchtet hat, habe ich aus Reflex die Augen aufgemacht. Strafe dafür war die Nacht in einer Ecke stehen, ohne die Wand zu berühren bis ich fast umgekippt bin.
Aus diesen beiden Gründen habe ich bis heute Schlafstörungen, die in der Jugend extrem waren.

Obwohl ich wegen meines Asthmas zur Kur war, musste ich Dinge essen, von denen ich erbrochen habe. Als Strafe mussten alle warten, bis ich auch mein Erbrochenes aufgegessen habe.
Ich gehe bis heute keine Experimente ein, was das Essen betrifft.

Die „normalen“ Kämpfe, wie Bürsten, bis Brust und Rücken knallrot waren, das Wegnehmen persönlicher Dinge, das Zensieren von Briefen, nicht weinen, das Androhen, dass meine Eltern 10.000 DDR-Mark für die Kur bezahlen müssen, wenn ich mich nicht benehme uvm., lasse ich mal ganz weg ;-).

Ziel war es, glaube ich, die Kinder zu brechen.
Ich habe eine Weile gegengehalten und dann doch aufgeben müssen.

Von diesen Erkenntnissen wissen nur meine Frau und meine Tochter.
Meinen Eltern habe ich es nie erzählt und werde es auch nicht erzählen.

Als 54 Jahre alter und gestandener Mann halte ich es in Krankenhäuser oder anderen stationären Institutionen nicht aus.
Aus diesem Grund wurde mir eine starke Anpassungsstörung „diagnostiziert“

Bis 2023 war ich ein sehr lebenslustiger und unbeschwerter Mensch. Jetzt ist vieles anders.

Das war meine Kurzgeschichte.

Ich wünsche mir sehr, dass mit den Geschichten der Betroffenen, zusammen mit eurer Arbeit politisch und gesellschaftlich etwas passiert.

Anonymisierungs-ID: aui

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