37120 Löseck, 1966

Wer die Suppe morgens nicht aß, bekam sie mittags kalt bis zum Erbrechen eingefüllt

Von: I.G.

auch ich habe im Jahr 1966 (im Alter von 10 Jahren nach einer Blinddarmoperation) an einer solchen Kur teilgenommen.

Ich bin mir aber sicher, dass wir “Bergbaukinder” nur 4 Wochen aushalten mussten.

– Körperliche Züchtigung gab es von den “Tanten” nur für die Jungs.

– Wir alle mussten Obst (Johannisbeeren, Stachelbeeren, Himbeeren) ernten und wurden beaufsichtigt, dass wir nichts in den Mund

   steckten.

– Zum Frühstück mussten wir zwei Teller Milchsuppe mit zwei Schnitten Brot essen. Jeden Tag vier Wochen lang. Wer die Suppe morgens nicht aß, bekam sie mittags kalt bis zum Erbrechen eingefüllt. Das war für mich die schlimmste Tortur, denn ich möchte keine Milch.

– Wir wurden gezwungen, Äpfel mit dem Kitsche zu essen, was zu einer Verstopfung der Toilette und einem riesigen Donnerwetter führte. Aber da wir alle zusammenhielten, blieb die Strafe aus. Danach wurden die Kitschen beim Wandern im Wald entsorgt.

– Zum Nachmittagskaffee gab es aus einem großen Einmachkessel eine kaffeeähnliche Brühe (von uns als Spülwasser tituliert) mi Kuchen (eine oder zwei Scheiben trockenes Knäckebrot). Jeden Tag vier Wochen lang.

– Unser Taschengeld wurde eingesammelt; wir durften uns in 4 Wochen einmal ein Eis kaufen, aber pro Person 2,– DM für ein Geburtstagsgeschenk für “Tante H.”, der Leiterin der Einrichtung, kaufen und natürlich mussten wir die Mundorgel erwerben, damit wir kräftig mitsingen konnte auf unseren Wanderungen.

– Unsere Post wurde gelesen, bevor sie abgeschickt wurde; negative Aussagen wurden nicht zugelassen; diese Briefe wurden vor aller Augen zerrissen. Mein Vater, der beruflich am Rande mit diesen Kinderkuren zu tun hatte, hatte mit mir ein Zeichen ausgemacht, wenn etwas nicht stimmen würde. In der dritten Woche habe ich es eingesetzt, doch er war der Meinung, dass sein verwöhntes Einzelkind nur Heimweh hatte.

– Als die Kur zu Ende war, fand die ärztliche Untersuchung statt, die aus dem Wiegen bestand (genau wie die Eingangsuntersuchung). Oh Schreck, die kleine Irene hatte ein Pfund abgenommen.

– Zu Hause am Bahnhof in Duisburg angekommen, begrüßte ich meine Eltern mit den Worten: “Alleine fahre ich nicht mehr weg.”

  Nachdem ich mich beruhigt hatte, habe ich meinem Vater die Erlebnisse und Vorkommnisse geschildert. Mein Vater glaubte mir und fuhr mit dem Verantwortlichen von der Ruhrkohle für Kinderkuren zu einer unangemeldeten Überprüfung der Einrichtung;

– Das Ergebnis war, dass die Missstände vorgefunden wurden; hinzu kamen finanzielle Differenzen. Der Bergbau hat dann keine Kinder mehr nach Schloss Löseck bei Göttingen geschickt.

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