37441 Bad Sachsa, 1955

Es wurden die schrecklichsten 6 Wochen meiner Kindheit

Von: S.E.

Ich war ein Verschickungskind

Im Alter von 4 Jahren wurde bei mir 1954 eine Hilusdrüsentuberkulose festgestellt. Wie das festgestellt wurde und welche Beschwerden ich hatte, wie weiß ich nicht, ich war noch zu klein. Für einige Monate musste ich daher in eine Lungenheilstätte in der Nähe von Bonn. An Einzelheiten erinnere ich mich nicht, nur, dass ich mit einem Gipsbett (Skoliose?) zurückkam und fast ein ganzes Jahr darin auf dem Rücken liegen musste.

Danach bekam ich ab und zu Rotlicht?- Bestrahlungen (ich lag vom Hals bis zum Po unter einer Art Hundehütte) und musste regelmäßig zum Gesundheitsamt zur Kontrolle. Das Gesundheitsamt veranlasste, dass ich zu einer 6-wöchigen Kur nach Bad Sachsa im Harz geschickt wurde, da ich zu dünn war. Es wurden die schrecklichsten 6 Wochen meiner Kindheit.

Schon bei der Ankunft im Heim herrschte ein militärischer Ton. Wir wurden in Gruppen eingeteilt und alle unsere Sachen wurden uns abgenommen, auch die Süßigkeiten, die ich mir auf der Hinfahrt für später aufgespart hatte.

Ich kam in ein Zimmer mit sechs oder acht Mädchen, das hinten links am Ende eines langen Flures lag. Gegenüber auf der rechten Seite schliefen etwa gleichaltrige Jungen. Die Türen zum Flur blieben auch nachts auf, und zwischen ihnen saß unter einem Fenster eine „Aufsicht“, die aufpasste, dass wir nicht redeten oder gar aufstanden. Dabei aß sie unsere mitgebrachten Süßigkeiten auf. Gewaschen mit kaltem Wasser haben wir uns an einem Waschbecken, das in der Ecke des Zimmers vorhanden war.

Einmal wöchentlich, samstags, ging es zum Duschen in den Keller. Da herrschte militärischer Drill. Ich erinnere mich, dass im kalten Duschraum acht oder zehn Duschen nebeneinander ohne Abtrennung oder Vorhang angebracht waren. Zu ihm führte ein ungeheizter Vorraum mit zwei Türen. Hier musste immer eine abgezählte Gruppe sich ausziehen und warten, bis links die bereits Geduschten herauskamen. Mit der Seife und dem Waschlappen (man durfte sich nicht selbst zwischen den Beinen berühren) in der Hand ging es rechts in den Duschraum. Dann hieß es „Wasser an“, man machte sich nass, „ Wasser ausdrehen und einseifen“, anschließend „abspülen, aber zackzack“ und „Wasser aus“. Dann verließen wir den Duschraum im Gänsemarsch. Wenn man nicht schnell genug war und heißes Wasser „verschwendete“, wurde man zur Strafe noch mit kaltem Wasser aus einem Schlauch abgespritzt. 

Unsere Kleidung, die zu Hause mit dem jeweiligen Namen versehen war, befand sich in einem riesigen großen Schrank im Flur und wurde uns zugeteilt. Als ich am zweiten Tag  darauf aufmerksam machte, dass ein anderes Mädchen mein Sonntagskleid trug, wurde ich angeschrien, dass ich den Mund halten sollte. Damit war ich sofort als Störenfried gebrandmarkt.

Besonders schlimm war für mich Sechsjährige der zweistündige Mittagsschlaf. Man wurde vorher zur Toilette geschickt, die sich auf dem Flur befand, und dann musste man still im Bett liegen und sollte schlafen. Konnte ich aber nicht. Man durfte nicht sprechen oder sich anderweitig bemerkbar machen. Als ich leise die Aufsicht im Flur fragte, ob ich zur Toilette gehen könne, hieß es“ du warst ja vorhin“. Sie verbot es mit drastischen Worten und beschimpfte mich, dass ich die anderen Kinder im Schlaf störe, und als Folge machte ich ins Bett. Da ging es dann erst richtig los: ich wurde wieder – diesmal lautstark, so dass auch die Jungen gegenüber alles hören konnten – beschimpft. Dann wurde die Heimleiterin dazu geholt. Das war eine Frau in einem schwarzen Kleid, die nie lächelte, sondern uns mit kalten Augen musterte und mich ebenfalls anbrüllte. Dann befahl sie mir, mein Bett abzuziehen. Anschließend stand sie neben mir am Abgang zum Treppenhaus, und ich musste mein nasses Bettlaken vor mich halten. Nach dem Mittagsschlaf mussten alle Kinder an mir vorbei und wurden informiert, dass sowas nur böse Kinder wie ich machen.  Ich hab mich schrecklich geschämt und geweint.

Die Folge dieser Prozedur war, dass ich vor allem abends weniger als die anderen zu trinken bekam und auch selbst wenig trank und fast immer Durst hatte. Das half oft trotzdem nichts: sobald ich im Bett lag, hatte ich Harndrang, durfte nicht zur Toilette und machte ins Bett. Ich hatte wohl einen Knacks weg und fürchtete mich vor dem Beschimpftwerden und Am-Pranger-stehen am Treppenabgang, vor dem nächsten Tag, vor dem nächsten Essen, eigentlich vor allem. Ich weinte sehr oft (leise, damit die Aufsicht nichts merkte und wieder schimpfte) und hatte fürchterliches Heimweh. Wenn ich ganz verzweifelt war, gab mir eine Mitbewohnerin manchmal etwas Zahnpasta ab. Ihr Vater war Zahnarzt, und die Zahnpasta war rosa und schmeckte himmlisch nach Himbeeren.

Wir aßen alle zusammen in einem großen Speisesaal und durften beim Essen nicht reden. Das wurde vor allem von der Heimleiterin kontrolliert, die unverhofft auf leisen Sohlen irgendwo im Haus auftauchte und immer – von zwei aus meiner damaligen Sicht riesengroßen – Schäferhunden begleitet wurde, vor denen nicht nur ich große Angst hatte.

Ob es mein Kummer war oder ob es wirklich schlechtes Essen gab, weiß ich nicht. Aber schon den grauen Haferschleim, den man in langen Fäden wie heute Schmelzkäse auf der Pizza langziehen konnte, und den wir zum Frühstück bekamen, mochte ich nicht. Vor lauter Angst habe ich ihn immer runtergewürgt.                                                                                       Das Mittagessen war besonders schlimm. Es gab sehr oft Kohl, der schon immer so merkwürdig roch. Aber am Schlimmsten war Rote Beete, die es gefühlt jeden zweiten Tag  gab. Die konnte ich einfach nicht essen. Aber es half nichts. Alle Kinder verließen den Speisesaal, und ich musste sitzenbleiben und „den Teller leeressen“, wie es hieß. Zwischendurch wurde kontrolliert, ich wurde angeschrien und beschimpft und musste weiter vor dem Teller mit dem inzwischen kalten Essen sitzen. Nach einiger Zeit kam die Heimleiterin persönlich vorbei, und ihr war natürlich schon klar, dass dieses widerspenstige Kind nur die Bettnässerin sein konnte. Das sagte sie auch und meinte, dass ich eigentlich eine Tracht Prügel brauchte. Damit ich gefügig wurde, ließ sie einen der großen Hunde zur Bewachung zurück, der mich starr ansah und knurrte, wenn ich mich nur ein bißchen bewegte. Ich hatte schreckliche Angst, und verschlang endlich das schreckliche Zeug. Aber das war ein Fehler, denn jetzt wusste man, wie man mich zum Essen brachte und wiederholte dieses Verfahren. Dass ich mich anschließend auf der Toilette übergab, merkte man zunächst nicht.                                                                                                                            Und dann kam der schlimmste Tag. Wieder Rote Beete, die ich einfach nicht runterbekam und mich auf dem Teller erbrach. Diese Ungeheuerlichkeit brachte dann mehrere Beschäftigte auf die Beine. Unter Aufsicht der Heimleiterin – mit den Hunden – drückten zwei Frauen rechts und links unterhalb der Ohren auf meinen Kiefer, der Mund ging gegen meinen Willen auf und eine weitere Beschäftigte schaufelte das kalte Essen mit meinem Erbrochenen in meinen Mund, ich erbrach wieder, wieder kam es in meinen Mund, wieder und wieder, bis der Teller leer war. Es half kein Weinen und Flehen, und ich hatte Angst zu ersticken. Zur Strafe musste ich anschließend gleich ins Bett, während die anderen Kinder draußen spielten. Ich war sehr sehr unglücklich und wollte einfach nur nach Hause.

Aber am nächsten Tag gab es den nächsten Schrecken: wir wurden gewogen, und ich hatte nicht nur nicht zugenommen sondern sogar abgenommen. Schon wieder ich! Das Elend nahm kein Ende, und natürlich musste ich auch wieder bestraft werden.

Während wir im Keller unsere Schuhe putzten, wurde immer die Post verteilt. Mir wurde als Strafe gesagt, dass ich einen Brief von meinen Eltern bekommen habe, den man mir aber nicht geben und vorlesen würde, da bösartige Kinder wie ich eben keine Post bekommen. Was hab ich da geweint! Als eine ganz junge Betreuerin, die neu in dem Haus war, mich mit Worten zu trösten versuchte, bekam dies die Heimleiterin mit und stellte sie sofort zur Rede. Ungezogene und verstockte Kinder wie ich müssten mit Härte behandelt werden. Danach gab es für mich von den Erwachsenen in diesem Haus kein gutes Wort mehr. 

Ich fühlte mich ungerecht behandelt, hilflos, verlassen, und der Willkür ausgeliefert. Dieses Gefühl kann ich nicht genauer beschreiben aber heute noch fühlen. Genauso wie das Glücksgefühl, als ich endlich abgemagert wieder zu Hause war und meinen Eltern alles erzählen konnte. Sie waren zwar entsetzt, haben aber nichts unternommen – sie hatten ja keine Beweise und nur meinen Bericht – aber sie versprachen mir, dass ich nie wieder von ihnen weg müsste. Dies Versprechen haben sie auch gehalten. Ins Bett habe ich nie mehr gemacht – aber auch heute noch suche ich an allen Orten, an denen ich bin, erstmal ob und wo es Toiletten gibt. 

Vor vielleicht fünfzehn Jahren sah ich spät abends im Fernsehen einen Bericht über SS-Kinderheime. Da erkannte ich das Haus in Bad Sachsa wieder und bin mir ziemlich sicher, dass die damalige Heimleiterin schon während der NS-Zeit dies Heim geleitet hat und die Nazi-Regeln der „richtigen“ Kindererziehung auch bei mir angewandt hat.  

Anonymisierungs-ID: abe