41334 Kaldenkirchen, 1952

Jeden Morgen mussten wir Kinder … vor dem Zimmer des Arztes warten, um eine Riesenspritze mit.


41334 Kaldenkirchen, 1952
Von: I.L
…heute habe ich Ihren Artikel “Die Seele leidet bis heute” mit großem Interesse im Lokalteil der
OVZ gelesen.
Ich bin Jahrgang 1948 und wurde mit 3 oder 4 Jahren zur “Erholung” in ein von Nonnen
geleitetes Kinderheim nach Kaldenkirchen an der holländischen Grenze geschickt für ein paar
Wochen. Meine Mutter meinte, ich äße schlecht, d.h. zu wenig. Meine Eltern waren aus
Magdeburg ins Rheinland ausgewandert, aber die ersten 3 Jahre musste ich bei den Großeltern
bleiben, bis sie eine Wohnung fanden, wohin sie auch mit Kind durften.( AlIe bisherigen Angaben
müssen mit Vorsicht “genossen werden, da ich es nur aus Erzählungen weiß und niemand mehr
lebt, der es bestätigen könnte.)
Ich weiß noch, dass die Trennung von meiner Mutter herzzerreißend war und ich in der 1. und
auch folgenden Nächten weinend umherirrte und sie suchte. Von den Nonnen wurde ich sehr
lieblos und herrisch mehrmals wieder ins Bett geschickt.
Ich denke, ich war ein lebhaftes – vielleicht sogar ADHS – Kind, das nicht ruhig sitzen konnte.
Am Mittagstisch in einem großen Saal kam es zum nächsten Eklat:es wurde – natürlich – gebetet,
was mich langweilte, denn Beten war mir als armes “Heidenkind” unbekannt. Also spielte ich mit
dem Besteck, das klirrend in den Teller fiel. Wiedermal dumm aufgefallen! Zur “Strafe” musste
ich fortan in der Küche beim Küchenpersonal essen. Ich hatte nichts dagegen, denn das Personal
war nett zu mir und von der Köchin wurde ich – wie von meiner Oma – verwöhnt.
Wahrscheinlich nahm ich dadurch zu…
Ob mich meine Eltern in dieser Zeit besuchen konnten, weiß ich nicht mehr…
Nun aber zu meinen, mir böse in Erinnerung gebliebenen “Spätfolgen”. Jeden Morgen mussten
wir Kinder in Reih und Glied im (dunklen) Kellergang vor dem Zimmer des Arztes warten, um
eine Riesenspritze mit Was-auch-immer vom Arzt in den Arm gerammt zu bekommen! Das war
für mich traumatisch! Daher meine lebenslange Angst vor Spritzen. Erst nach Jahrzehnten habe
ich weniger Angst, weil die Spritzen heute kleiner und dünner geworden sind und von den ArztMitarbeiterinnen mit wesentlich mehr Feingefühl verabreicht werden. Es geht um intravenöse
Spritzen, vor den intramuskulären und subkutanen hatte ich kaum Angst. (Generell können die
Schwestern besser spritzen als die Ärzte, das ist meine Erfahrung, einfach, weil sie mehr Übung
haben.)
Anfangs musste ich mich bei der Blutentnahme immer hinlegen, weil mir flau wurde. Ich gucke
heute noch weg, zur Seite, um – auch die kleinste – Spritze nicht ansehen zu müssen.
Soweit zu meinen Erfahrungen. In der Hoffnung, Ihnen damit eine weitere Story über
Kinderseelen-Quälereien bei Verschickungen Anfang der 50er Jahre des 20. Jahrhunderts,
beigetragen zu haben,
verbleibe ich
mit freundlichem Gruß
Anonymisierungs-ID: acy