42327 Aprath, 1957

Schläge mit einem großen Holzlineal auf den nackten Po

Von: G.St.
Name des Trägers: wahrscheinlich DAK
Kostenträger:
Verschickungsort: Lungenheilstätte Aprath, Wülfrath Düssel
Zeitpunkt der Verschickung: 1957
Dauer der Verschickung: 3 Monate

Bei der Einschulungsuntersuchung wurde angeblich eine Reaktion festgestellt, die auf einen Lungenschaden hinwies. Deshalb wurde ich zurückgestellt und sollte in Kur an die See. Meine Eltern entschieden sich aber für einen Aufenthalt in der Nähe unseres Wohnorts, da man mich dort einmal im Monat besuchen konnte. Ich kam für drei Monate in die Lungenheilstätte nach Aprath was zu Wülfrath Düssel gehört.
Der Aufenthalt dort war für mich mit einem Trauma verbunden, welches sich als Erwachsene in zahlreichen körperlichen und seelischen Beschwerden niederschlagen sollte.
Die Pädagogik der sogen. Schwestern oder Tanten, war die schwarze Pädagogik der NS-Zeit.
Kein Eigentum, mitgebrachte Spielsachen wurden weggenommen und angeblich verwahrt, man bekam sie nicht wieder. Päckchen wurden geöffnet und der Inhalt eingezogen, um später an alle verteilt zu werden. Man lag in Schlafsälen mit mehr als 10 Betten. War Schlafenszeit, relativ früh, durfte man nicht mehr raus, wurde geflüstert, gab es Schläge mit einem großen Holzlineal auf den nackten Po.
Tagesablauf: Aufstehen, Waschen, Anziehen -teils mit Hilfe Älterer, in Zweierreihen im Gang aufstellen -dann bekam man Tabletten oder Medikamentensaft anschließend ein Bonbon, Frühstücken. Liegehalle 4 Stunden im Freien, still auf dem Rücken liegen-Mittagessen, Mittagsschlaf auf dem Zimmer oder bei schönem Wetter auf dem Balkon, danach wieder 3 Stunden auf den Liegestühlen, Abendbrot, danach Spielzeit, dann ab ins Bett. (Wie bringt man Kinder im Alter von 5 – 12 Jahren dazu ca. 10 Stunden pro Tag, ruhig in Liegestühlen zu liegen, ohne sie zu sedieren ?)
Die Gemeinschaftstoiletten bestanden aus aneinandergereihten Schüsseln ohne Trennwände oder Türen. Gemeinschaftsbad – 1 x pro Woche, Kinder (Jungs und Mädchen) in der Schlange mehrere hintereinander ins Bad. Danach gab’s frische Sachen zum Anziehen. Die Spinde mit den Sachen standen vor den Zimmern, hatte man sich in der Woche schmutzig gemacht oder eingenässt, musste man warten, bis es am Wochenende frische Sachen gab.
Zum Essen und zu den Liegezeiten gings in Zweierreihen, es musste alles gegessen werden, vertrug man was nicht oder musste brechen, musste das Erbrochene wieder aufgegessen werden, bzw. man musste so lange am Tisch sitzen bleiben, bis der Teller leer war.
Brach man auf den Boden, musste man den Boden selber sauber machen.
Die größeren Kinder mussten bei den Kleineren helfen, waschen, anziehen Haare kämmen. Da ich Zöpfe trug, war das für die größeren Kinder zu schwierig sie zu flechten, deshalb wurden sie mir, ohne Rücksprache mit meinen Eltern kurzerhand abgeschnitten.
Ich denke 1 x pro Woche wurde man medizinisch untersucht, gewogen, öfters bekam man Spritzen in den Po oder Tabletten, worum es sich dabei handelte, weiß ich nicht, wurde wahrscheinlich auch den Eltern nicht mitgeteilt (Conterganversuche?).
Die Eltern durften 1 x im Monat, sonntags für zwei Stunden zu Besuch kommen, das war jedes Mal mit Heimweh verbunden.
Am Abholtag , verpasste meine Mutter den Bus, der nur 3x am Tag fuhr und kam erst mittags. Ich saß vom frühen Morgen auf den gepackten Koffern und wartete, voller Angst nicht mehr abgeholt zu werden.
Als fröhliches Kind wurde ich verschickt und als trauriges, verängstigtes Kind kam ich wieder nach Hause. Von da an hatte ich kein Vertrauen mehr zu den Erwachsenen. Ich hatte immer das Gefühl nirgendwo dazuzugehören, das ging so weit, dass ich dachte, ich wäre adoptiert.
Anonymisierungs-ID: agh