51545 Waldbröl, 1970

Psychisch und mental total verändert

Von: R.J.
Name des Trägers:

Verschickungsort: Waldbröl
Zeitpunkt der Verschickung: 1970
Dauer der Verschickung: 6 Wochen

Meine Eltern vertrauten den Ärzten in den 70er Jahren, da bei meiner Schwester und mir ein “Schatten auf der Lunge” diagnostiziert wurde. Sie entschlossen sich, uns Kinder 4 und 7 Jahre alt, nach Waldbröl zu einer Kinderkur zu schicken, da diese Einrichtung wärmstens empfohlen wurde.
Die Einrichtung wurde von Nonnen geführt. Bei der Erklärung für meine Eltern wurde explizit darauf hingewiesen, dass ich mit meiner Schwester die ganzen 6 Wochen zusammen sein würde – dies gab die Bejahung der Zustimmung unserer Eltern. Meine Schwester habe ich in den 6 Wochen der Kur nur für einen Moment 2x gesehen, da wir keinen Kontakt halten durften.
Dafür erfuhr ich auch andere Dinge:
– mit 4 Jahren zur “Selbständigkeit” erzogen, wurde ich von Nonnen im Waschraum ausgezogen, eingeseift und abgetrocknet. Ganzkörperlich. Dies durften wir nicht selbstständig erledigen
– essen was auf den Tisch kam (kannte ich von zu Hause nicht). Wurst in Aspik mochte ich nicht, musste diese essen, da 2 Nonnen hinter meinem Rücken gelauert haben, ob ich diese esse. Nachdem ich auf den Tisch erbrochen hatte, musste ich noch einige Zeit am Tisch verweilen, wurde dann ins Bett (Schlafsaal für ca. 30-40 Jungs) geschickt. Meinen Nachdurst musste ich aus einer Blumenvase stillen, da mir nichts zu Trinken ans Bett gestellt wurde
– nächtliche Weinattacken, verursacht durch Heimweh, wurde mir durch die Nachtwachen-Nonne strikt untersagt, damit ich die anderen Jungs im Schlafsaal nicht störe
– nächtlicher Toilettengang wurde durch Nachtwachen-Nonne mit Rückgang ins Bett verhindert, musste die Nacht zuerst im Flur und dann im Bett dieser Nachtschwester verbringen. Weitere Nächte habe ich dann ins Bett gemacht, morgens die be- und verschmutzte Unterwäsche erneut angezogen aus Angst vor weiteren Demütigungen.
Dies sind die Dinge, an die ich mich direkt erinnern kann.
Unsere Eltern haben uns erzählt, nachdem wir uns ihnen Monate später anvertraut hatten, sie hätten etwas geahnt, dass in den 6 Wochen Kur irgendetwas “passiert” sein musste, da meine Schwester und ich uns psychisch und mental total verändert hätten.
Vielen Dank, dass ich dies endlich mal “loswerden” konnte. Einerseits tut es gut mal darüber zu schreiben, andererseits reißt es wieder alte Wunden auf. So etwas vergisst man nie.
MfG

Anonymisierungs-ID: agi