53227 Bonn-Oberkassel, 1969

Toilettengänge fanden zu festgelegten Zeiten statt.

Von: W.K.

Mein Vater, H.B. (verstorben) war seinerzeit Postbeamter und so, wie ich es damals verstanden habe, gab es von der Post aus, die Möglichkeit, dass Kinder Kuren durch die Post, bekommen konnten. Somit fuhr ich am 01.04.1969 nach Oberkassel ins Haus Bernward. Ich kann mich daher so gut erinnern, da mein jüngster Bruder am31.03,1969 geboren wurde, und mein Vater mit mir, abends bei Regen auf seinem Postrad, zum Krankenhaus fuhr, damit ich mich von meiner Mutter verabschieden und meinen kleinen Bruder sehen konnte. Am 01.04.1969 brachte mich mein Vater zum Bahnhof nach Rheine. Dort wurde ich von einer Frau in Empfang genommen, die mich im Zug nach Oberkassel begleitete. Dort angekommen, waren einige Mädchen in einem Raum, indem wir Postkarten nach Hause schicken sollten. Nachmeinem ersten Satz bekam ich mit, wie Betreuerinnen sich über die Karten der Kinder lustig machten. In meinem zweiten Satz hatte ich mich verschrieben, wollte es aber nicht durchstreichen, (Angst vorm Ausgelacht werden). Also schrieb ich den Satz irgendwie weiter, ohne wirklichen Sinn, den meine Mutter, erzählte sie später, nicht verstanden hatte. Die Betreuerinnen lachten trotzdem darüber. Nach kurzer Zeitstellte sich heraus, dass ich wohl in einem „Bettnässer-Heim“ gelandet war. Dabei war ich gar kein Bettnässer, wurde irgendwann nachts nicht mehr zum Toilettenganggeweckt und bekam schon Abend meine Belohnung, ein Stück Schokolade. Morgens, nach dem Wecken, fingen viele der Mädchen an zu weinen und zuschreien, als sie sahen, dass ihr Bett nass war. Sie wurden dann zum Arzt abgeholt und bekamen dort eine Spritze. Sie hatten große Angst vor dieser Prozedur, daher die Tränen und das Geschreie. Aber niemand hat erzählt, was dort beim Arztvorgegangen war, außer eben die Spritze. Abend mussten wir unsere Unterhosen am Ende des Bettes auf eine Bettstange hängen. Es wurde kontrolliert, ob nicht doch jemand in die Hose gemacht hatte. Unsere Kleidung wurde in ein einem Schrankeingeschlossen, wir bekamen evtl. am Sonntag frische Kleidung. Toilettengänge fanden zu festgelegten Zeiten statt. Dazu bekam man 1 Blatt Toilettenpapier. Der Rest der Rolle war unter Verschluss. Die Mahlzeiten waren für mich ausreichend, allerdings aßen die Betreuer an einem separaten Tisch und bekamen auch etwas Anderes zu essen. Päckchen, die die Eltern schickten, kamen unter Verschluss und wurden in kleinen Mengen unter allen Mädchen verteilt. Vom Paket meiner Muttererhielt ich nicht ein Teil. Post wurde zensiert und auch zurückgehalten. Ich hatte es irgendwie schnell verstanden, dass ich nichts Negatives schreiben durfte. Schreiben durften wir die Briefe nur unter Aufsicht. Und meine Eltern haben mir nur die normalen Vorkommnisse von Zuhause geschrieben. Ich war damals ein ruhiges, blasses, kleines Mädchen, dass sich anpassen konnte und keinen Ärger machte. Ich habe eigentlich immer mehr aufmerksam beobachtet. Darum kam ich auch nacheiniger Zeit in den Essensraum der „großen“ Mädchen. Ein Mädchen war wohlabgereist. Ich könnte heute noch in etwas die Räumlichkeiten dort zeichnen. Körperliche Gewalt wurde mir dort nicht angetan. Und die anderen Vorkommnisse, denen konnte ich mich gut anpassen, da ich ja aus einer großen Familie kam, in der es Regeln gab. Kurz vor Ende der Kur, erkrankte ich an einem Infekt, und musste länger bleiben. Alle anderen Kinder reisten ab und ich habe noch 2 oder 3 Tage in meinem Bett verbringen müssen. Die Angestellten putzten in dieser Zeit die Räumlichkeiten. Für den gesamten Aufenthalt bestand Besuchsverbot. Meinem Vater wurde es dann aber gestattet, mich dort, als es mir wieder besser ging , abzuholen. Mit einem der Mädchen, die dort in dieser Zeit, in unserem Schlafsaal schlief, tauschte ich Adressen aus. Wir hatte noch über viele Jahre eine Brieffreundschaft, besuchten uns, sie wurde früh schwanger und ich wurde mit 14 Jahren die Patentante über ihr erstes Kind. Sie hieß damals S. V. ,nach ihrer Heirat S. A., wohnte in Rheinhausen, heute Duisburg. Irgendwann zog sie wohl um, ich hatte keine Adresse mehr und siemeldete sich auch nicht wieder bei mir. So verloren wir uns. Aber, ich habe nochu nseren gesamten, damaligen Schriftverkehr, wie Teenies halt so schreiben.S. gehörte zu den Bettnässer- Kindern, die jeden Morgen weinte und schrie .Aber zu der ganzen Geschichte fällt mir noch eine Andere ein; auch mein jüngerer Bruder, J. B., ist ein paar Jahre später auch zu so einer Kur gefahren. Er war in Bad Soden. Immer wieder beschrieb er eine Situation, dass sie Wasser aus Pfützen trinken mussten. Wir haben ihm das damals nicht geglaubt, eher dass es sich dabeium eine Geschichten einer Jungs- Fantasie handelte, Aber diese Geschichtewiederholte sich immer wieder, selbst als er vor Jahren an Depressionen erkrankte und sich später das Leben nahm. Auch in seinem Krankheitsprozess, erzählte er die Geschichte immer wieder. Gibt es vielleicht auch einen Zusammenhang zu diesem Erholungsheim in Bad Soden? Den Namen weiß ich leider nicht. Gerne dürfen Sie mich auch anrufen. Es interessiert mich sehr, was damals im Haus Bernward geschehen ist. Und vielleicht gibt es ja auch noch Jemanden, der sich an mich erinnert?

Mit vielen Grüßen

Anonymisierungs-ID: acb