55583 Bad Münster am Stein, 1953

Die Erzieherin legte mich übers Knie. .. . Danach musste ich einige Zeit im Flur auf der Treppe sitzen.

53639 Oberpleis, 1957

Von: S.

Erinnerungen an meine Kindererholung 1953 und 1957

Ich bin 72 Jahre alt und war zweimal zur Erholung in Kinderheimen der Deutschen Bundesbahn. Das erste Mal, November1953, war ich 5 Jahre, 4 Monate alt, als ich 6 Wochen in einem von Nonnen geführtem Heim in Bad Münster am Stein verbrachte. Als ich selbst Kinder hatte, fragte ich meine Mutter, warum sie mich damals so jung alleine wegschickte. Ihre Antwort war, dass ich es so wollte. Ich sah ein Nachbarmädchen mit einem Koffer das Haus verlassen. Auf meine Frage, wo das Mädchen hingehe, erhielt ich die Antwort, sie fahre zur Kur. Daraufhin hätte ich das auch unbedingt gewollt, und diesem Wunsch folgten meine Eltern. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich mit 5 Jahren wusste, was es hieß, zur Kur zu fahren. Allerdings kann ich mich nicht mehr daran erinnern. Meine Eltern waren sehr fürsorglich, und ich wuchs als Einzelkind sehr behütet auf. Umso unverständlicher ist mir diese Entscheidung meiner Eltern, mich als so kleines Mädchen wegzuschicken, und mir dann später die Verantwortung dafür zuzuschieben. Trotzdem weiß ich, dass sie es gut mit mir meinten.

Ich erinnere mich, dass meine Mutter weinte, was ich nicht einordnen konnte, als wir uns auf dem Bahnhof verabschiedeten Erst im Zug wurde mir bewusst, dass ich ohne Mama und Papa zwischen vielen fremden Menschen saß. Da überkam mich eine große Traurigkeit. Ich weiß, dass ich abends sehr viel geweint habe. Wir schliefen in einem großen Schlafsaal, und mein Bett stand an der Wand. Dorthin drehte ich mich, zog mir die Decke über den Kopf und weinte mich in den Schlaf. Ob daher meine Einschlafprobleme kamen, unter denen ich viele Jahre litt?

Zum Frühstück mussten alle Kinder zuerst eine Tasse Solewasser trinken. Danach gab es eine Scheibe Brot, die meiner Erinnerung nach, fingerdick mit Butter bestrichen war. Davor ekelte ich mich oft, so dass ich viele Jahre keine Butter mehr aß. Dann habe ich Erinnerungen daran, dass ich mittags alleine im großen Speisesaal vor meinem Teller saß, solange, bis ich ihn leer gegessen hatte. Das geschah wohl häufiger.

Aber ich habe auch schöne Erinnerungen, z.B. an einen Laternenumzug, nach dem es warmen Kakao und Kekse gab. Zu dem Weihnachtslied „Am Weihnachtsbaum die Lichter brennen“ kommt mir die Erinnerung, dass ich das erste Mal in einer Art Theater saß, und auf der Bühne wurde der Text des Liedes als Spiel umgesetzt. Anschließend las ein älteres Mädchen mir einen Brief meiner Eltern vor. Es ist das einzige Mal, dass mir ein Brief vorgelesen wurde, meiner Erinnerung nach. Meine Mutter behauptete, sie habe mir mindestens wöchentlich geschrieben. An diesem Abend erhielten alle Kinder Geschenke. Ich bekam Wohnzimmermöbel für eine Puppenstube. Zu Hause hatte ich eine kleine eingerichtete Puppenstube. Wo das Spielzeug blieb, weiß ich nicht.

Auch ans Baden kann ich mich erinnern. Dazu ging es in den Keller. Dort standen mehrere gußeiserne Badewannen. Aber wir gingen nicht unbekleidet, sondern in weiten beigen Hosen ins Badewasser. Mir reichte die Hose bis unter die Arme und rutschte ständig, weil sie mir viel zu groß war.

Aus dieser Kur kam ich mit einer Hepatitis zurück und musste lange Diät essen. Angeblich hätte ich mich zu häufig vor dem Essen geekelt, behauptete meine Mutter später. Ich glaube jedoch eher, dass es eine ansteckende Hepatitis war. Ich erinnere mich, dass ich mehrere Tage allein im Schlafsaal in meinem Bett bleiben und Tee trinken musste, der nicht schmeckte. Wie lange das war, weiß ich nicht.

Später erzählte mir meine Mutter, dass ich vermutlich das einzige Kleid, das außer langen Hosen im Koffer lag, vermutlich jeden Tag getragen hatte. Es war sehr schmutzig und unter den Armen weit aufgerissen, weil ich tatsächlich zugenommen hatte.

Das zweite Mal, 1957, war ich 9 Jahre alt als ich wieder in ein Kinderheim der Deutschen Bundesbahn in Oberpleis für 6 Wochen zur Erholung geschickt wurde. Obwohl ich jetzt um einige Jahre älter war, habe ich sehr viel weniger Erinnerungen an diesen Aufenthalt.

An die Toiletten erinnere ich mich. Es waren 2 nebeneinander liegende Toiletten ohne Abtrennung dazwischen. Abends mussten alle Kinder jeweils zu zweit nacheinander auf die Toilette. Das fand ich zwar ungewöhnlich aber nicht weiter tragisch, obwohl ich sehr prüde erzogen wurde.

Ein Erlebnis habe ich jedoch nicht vergessen. Wir schliefen zu viert oder zu sechst in einem Zimmer. Als wir abends, vielleicht war es auch am frühen Morgen, redeten und kicherten, mussten wir alle (oder nur ich, das weiß ich nicht mehr genau) aufstehen. Die Erzieherin legte mich übers Knie. Sie schob das Nachthemd hoch, das Höschen runter und schlug mir mit der Hand mehrmals auf meinen nackten Po. Danach musste ich einige Zeit im Flur auf der Treppe sitzen. 

Obwohl ich einen großen Freundes- und Bekanntenkreis habe, habe ich noch niemanden getroffen, der als Kind ähnliche Erfahrungen gemacht hat. Allerdings war mein Mann mehrmals als Berliner Ferienkind in den 50iger Jahren in verschiedenen Orten bei verschiedenen Familien. Bei Bauern musste er häufig bei der Feldarbeit mithelfen, aber insgesamt machte er positive Erfahrungen und kann sich nicht an schlechte Erlebnisse erinnern.

Anonymisierungs-ID: aar