58089 Hagen, 1962
88422 Bad Buchau, 1965

… ich hatte extremes Heimweh und bekam irgendwelche Mittel zum Einschlafen.


Von: M.V.
Auch mich haben einige Erfahrungen in zwei “Kinderkuren” sehr erschüttert, aber es gab keinen
Raum darüber zu sprechen , oder sich mitzuteilen. Ich erzähle kurz meine Geschichte.
Ich wurde im Januar 1962 mit gerade 6 Jahren für 6 Wochen in das Kinderheim “Deerth” in
Hagen verschickt , um vor dem Schuleintritt zuzunehmen.
Bereits am ersten Abend wurde ich beim Abendessen allein an einen Tisch in die Ecke gesetzt,
da ich zu viel mit den anderen Kindern am Tisch geredet hatte. Bei Verstößen am Tisch wurde
man weggerückt und musste mit den Händen das Gesicht bedecken.
Beim Spaziergang im Schnee wurde ich von den Betreuern nach vorn gerufen und geohrfeigt, da
ich angeblich durch den tiefen Schnee gegangen war. Meinen Namen wusste die Betreuerin nicht
und ich hatte keine Ahnung was schiefgelaufen war, heulte den ganzen Spaziergang.
Überhaupt gab es viele Dinge, die ich nicht verstand und einordnen konnte. Ich wusste nicht,
wann ich wieder würde nach Hause kommen, da man mir nichts darüber sagte . Mit meiner
Mutter telefonieren durfte ich nicht und schreiben konnte ich auch noch nicht, durfte eine
Postkarte malen.
Nachts durfte man nicht zur Toilette gehen. Im Schlafsaal stand ein Nachttopf, der randvoll war
mit Urin und Exkrementen. So traute ich mich mutig eines Nachts auf die Toilette, da ich
Durchfall hatte.
Ich musste mich im Bett übergeben, es gab jedoch nur eine grobe Reinigung und kein Wechsel
der Bettwäsche. Wir mussten mit dem Gesicht zur Wand einschlafen. Bei Verstößen wurde auch
geschlagen.
Mittags durfte man sich im Mittagsschlafsaal unter der Wolldecke auch nicht bewegen, was mir
besonders schwerfiel, da ich nicht schlafen konnte.
Ich verlor einen Wackelzahn, den ich umgehend in die Toilette werfen musste.
Die gesamte Atmosphäre war reglementierend und kalt.
Ich mochte nur das Turnen und die Turnbetreuerin.
Da ich auch essen musste, was ich nicht mochte, musste ich mich häufiger übergeben, womit ich
mich bei den Betreuern unbeliebt machte und schlussendlich abgenommen hatte, anstatt
zuzunehmen.
Dies sind nur einige Beispiele reiner extrem angsteinflößenden restriktiven Erziehung. Ich war
immer auf der Hut, konnte nach der Kur meine Mutter nicht in den Arm nehmen und war nicht
in der Lage ihr etwas zu erzählen und hatte an Gewicht abgenommen.
Es gab für mich einen weiteren Aufenthalt in einer Kinderheilanstalt vom Caritas in Bad Buchau
am Federsee im Sommer 1965. Auch hier herrschte ein strenges Regiment und ich hatte
extremes Heimweh und bekam irgendwelche Mittel zum Einschlafen. Ich empfand die
Atmosphäre als nicht ganz so kalt wie bei meinem ersten Heimaufenthalt, aber Züchtigungen,
vor allem von einer wohl etwas sadistisch veranlagten Aufsicht gab es auch hier.
Ich glaube das Schlimmste war damals die Autoritätshörigkeit. Über seine Erfahrungen und
Gefühle redete man nicht, man galt dann als überempfindlich und es blieb bei mir ein
Grundgefühl von Schüchternheit , Angst, Scham und selbstkontrollierendem Verhalten.
Über eine Rückmeldung über die Ziele Ihrer Initiative würde ich mich freuen.
Mit freundlichen Grüßen
Anonymisierungs-ID: acp